Das Bett - Page 2

von Martin Gehring
Mitglied

30 Hähnchen drehten sich am Spieß, während sich der Platz vor der Bühne nach und nach mit Konzertbesuchern füllte und gleichmäßig der wummernde Sound der Basstrommel dumpf über den Platz peitschte, als die erste Band des Abends ihren Soundcheck startete.

Wir machten mit unserem Hähnchengrill einen gewaltigen Umsatz und kamen kaum hinterher, schwitzend gebratene Gockel zu halbieren, samt einem Brötchen auf Pappschalen zu klatschen, abzukassieren und neue Hähnchen auf die Spieße zu stecken. Das Wetter war herrlich, es waren eine Menge Besucher da, auf der Bühne gaben sich die Bands alle Mühe und unsere Kasse wurde immer voller.

Doch dann, ich schätze, es war gegen zehn Uhr abends, lief die ganze Sache ziemlich übel aus dem Ruder. Alles begann damit, dass der Grill den Geist aufgab. Plötzlich drehten sich die Spieße nicht mehr und die Glühschlangen des Gerätes wurden dunkel.

„Scheiße“, knurrte der Skelettjäck mit einem glasigen Blick auf den Grill, nahm einen tiefen Schluck Bier aus der nächsten Flasche, die herumstand und machte sich sodann an dem Gerät zu schaffen. Er war zu diesem Zeitpunkt nicht nur total stoned, sondern hatte auch schon jede Menge Alkohol intus und damit gewaltig Schlagseite. Hektisch fummelte und drehte er an Reglern des Grills, doch das Ding samt 30 aufgespießten und halbgaren Gockeln, die nun langsam abkühlten, machte keinen Mucks mehr. Jäck torkelte eiernd zu seinem Granada, dessen Heckklappe offen stand und wuchtete fluchend einen rostigen Werkzeugkasten aus der Karre.

Dann machte er sich, lustlos maulend am Grill zu schaffen, während sich eine Traube Schaulustiger vor der Theke versammelte und das Spektakel ausgelassen und fachkundig kommentierte. Mit einer Taschenlampe zwischen den Zähnen schraubte er die blecherne Seitenverkleidung des Geräts ab, die krachend herunterfiel und begann, mit dem Schraubenzieher an der Elektrik herum zu stochern. Blöderweise hatte Jäck jedoch vergessen, den Generator, der munter hinter dem Grill vor sich hinknatterte, vorher abzuschalten. Das Ergebnis war, dass er so dermaßen eine geschossen bekam, dass er mitsamt dem Schraubenzieher, den er fest umklammert hielt, zwei Meter nach hinten flog und dort wie ein Stein zu Boden ging. Dabei knallte er mit dem Hinterkopf hart ins Gras, spuckte unmittelbar nach dem Aufschlag seine Zahnprothese, die er im Oberkiefer trug, hustend aus dem Mund und blieb schließlich regungslos liegen.

Skelettjäcks Freundin, die seine Aktion mit zweifelnden Blicken beobachtet hatte, schlug nun laut kreischend die Hände vors Gesicht, stürzte sich danach schreiend zu ihrem Liebsten und schüttelte ihn. Dieser öffnete die Augen, und begann benommen und leicht desorientiert, sich wieder aufzurappeln. Er tastete nach seiner Prothese, die neben ihm auf der Erde lag und schob sie sich zurück in den Mund. Dann erkannte er seine Freundin und begann, sie hysterisch anzuschreien:

„Du blöde Schnalle. Der Scheißhähnchenstand war doch deine verfickte Drecksidee. Warum hör' ich nur auf so eine bescheuerte Kuh wie dich. Verpiss' dich bloß.“
„Aber Schatz...“, setzte Jäcks Freundin protestierend an und bekam, ehe sie auch nur noch ein Wort weiter reden konnte, von ihm gewaltig eine eingeschenkt, so dass sie sich mit offenem Mund und einen Blick der zwischen Überraschung und Entsetzen schwankte, taumelnd einmal um die eigene Achse drehte und dann stürzte.

„Ich könnt mich alle mal kreuzweise am Arsch lecken. Ich hab die Schnauze gestrichen voll von dem ganzen Scheißdreck hier“, plärrte der Skelettjäck und kramte in den Taschen seiner Jeans nach dem Autoschlüssel. Aber der war verschwunden. Jetzt drehte Jäck so richtig durch und stieß einen wütenden Schrei aus, als er merkte, dass er den Schlüssel verloren hatte. Er versetzte der Fahrertür des Granadas einige heftigen Tritte, drehte sich dann unvermittelt um und verschwand wankend in der Dunkelheit.
Während ich fassungslos Jäck nachsah, wie er sich mit unsicheren Schritten samt seiner kapitalen Scheißlaune vom Acker machte, kniete Uwe bereits neben Jäcks Freundin, die heulend und mit verschmierter Schminke um die Augen im zertrampelten Gras hockte und schniefend und rotzend sagte, dass sie genug habe und auf der Stelle nach Hause wolle. Uwe half ihr auf die Beine und ging mit ihr zu seinem Fahrrad, dass hinter dem kaputten Grill an einem Gebüsch lehnte. Ehe ich etwas sagen konnte, hatte er seinen Schlafsack abgeschnallt und weggeschmissen, Jäcks Freundin auf den Gepäckträger gesetzt und zog nun mit ihr ebenfalls ab.

Da stand ich jetzt alleine mit einem kaputten Grill, Jäcks Leichenwagen, zu dem der Zündschlüssel verschwunden war und ein paar hundert Mark in der Kasse. Ok, was jetzt? Zuerst sagte ich den Leuten, dass die Show vorbei und der Laden für heute dicht wäre. Ich bekam dafür von ihnen spärlichen Applaus aber noch mehr Pfiffe, bevor sie kapierten, dass es nichts mehr zu sehen gab und endlich abhauten.

Als Nächstes schnappte ich mir die Geldkassette, die aufgeklappt auf der Theke stand und schüttete ihren Inhalt klappernd in meine Umhängetasche zu meinen Zigaretten, einem achtlos zusammengeknüllten Ersatz TShirt und meinem Handtuch, bevor er Beine bekam, zog den Stecker vom Grill, der nach Jäcks Reparaturversuch in seinem Inneren bedenklich knisterte und nach Kurzschluss zu riechen begann und schaltete schließlich den Generator ab.

Dann machte ich mir ein Bier auf. Was sollte ich tun? Ebenfalls abhauen wollte ich nicht, aber ich hatte auch keine Lust, den ganzen Abend sinnlos am Stand herumzuhängen. Ob der Jäck so schnell oder überhaupt zurückkommen würde, stand in den Sternen. Ich glaubte, eher nicht daran, dass ich ihn an diesem Wochenende noch einmal zu sehen bekäme. Also räumte ich die Sauerei um den Hähnchenstand oberflächlich auf, schob die Bierkisten, in der Hoffnung, dass sie niemand entdecken würde, ins Gebüsch und machte mich dann auf den Weg nach vorne zur Bühne, um noch ein wenig Spaß zu haben.

Gegen Mitternacht spielte die letzte Band des Abends ihre finale Zugabe, die Konzertbesucher gingen für heute nach Hause und diejenigen, die blieben, suchten sich auf dem Platz oder im Wald ein Fleckchen, wo sie ihren Schlafsack ausrollen und einigermaßen ungestört schlafen oder andere Dinge tun konnten. Wie dem auch sei: Der Platz leerte sich langsam und Ruhe kehrte ein.

Ich schlurfte gemächlich zurück zum Brathähnchenstand. Natürlich war niemand zurückgekommen. Der Jäck nicht und seine wahrscheinlich neue Exfreundin samt Uwe sowieso nicht. Blödes Pack, war ja klar. Ich fädelte den

© 2015 - martin gehring | edition dreiklein

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Kommentare

05. Jun 2016

Vielen Dank. Die Geschichte wird übrigens in Bälde in überarbeiteter und neu lektorierter Version als Chapbook bei edition dreiklein erscheinen.

05. Jun 2016

Das war interessant ... zehn Jahre früher waren wir auch nicht viel anders.
LG, Susanna

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