Das Bett

von Martin Gehring
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In unserer Gegend gibt es knapp unter der Erdoberfläche jede Menge hochwertigen Kies, der von den Gletscherausläufern der letzten Eiszeit hier abgeladen wurde und sich hervorragend für den Straßenbau eignet. Deshalb wurden früher, als man Kies noch mit Gold aufwog, ständig irgendwo Löcher in die Landschaft gebaggert, um diesen Bodenschatz zu fördern. Im Laufe der Zeit füllten sich die aufgelassenen Kiesgruben, aus denen nichts mehr zu holen war, mit Grundwasser und verwandelten sich zu Seen. Allmählich kehrte auch die Vegetation zurück, Wasservögel und auch Fische siedelten sich an und die künstlich entstandenen Gewässer wurden von der einheimischen Bevölkerung als beliebte und mehr oder weniger gut erschlossene Badegelegenheiten geschätzt.

Einer dieser Seen, vielleicht der Schönste von allen, lag wildromantisch in einem Wald versteckt und verfügte in seiner Mitte über eine kreisrunde Insel, die mit alten und knorrigen Bäumen bewachsen war. Ein breiter Schilfgürtel säumte die Ufer des Baggersees und neben einer größeren Wiese mit einem flachen Kieselstrand gab es nur wenige versteckte Stellen, über die man ins Wasser gelangen konnte. Dieser See war aber auch gleichzeitig der Verruchteste von allen, worauf ich gleich eingehe. Während der Siebziger und zu Beginn der Achtziger Jahre fand zudem alljährlich auf jenem idyllischen Wiesenstreifen in Uferlage ein dreitägiges Open Air Konzert statt.

Achso, warum ich „verrucht“ schreibe? Das ist schnell erklärt: Dieser See war damals noch ein wilder Badesee und hatte weder Duschen noch einen Kiosk. Es gab keinen Parkplatz wie in den meisten anderen Anlagen und die Badegäste mussten einen längeren Fußmarsch durch den Wald auf sich nehmen. Der See wurde von den „anständigen“ Leuten (wie zum Beispiel unseren Eltern), falls sie überhaupt davon wussten, tunlichst gemieden, denn dort tummelten sich ihrer Meinung nach Gammler und andere zwielichtige Elemente, die vollkommen nackt badeten, illegal Haschisch rauchten und wild campten, was ja auch in etwa der Wahrheit entsprach. Das machte diesen Pfuhl der Sünde und Verworfenheit für uns Jugendliche der Endsiebziger natürlich zu einem spannenden und interessanten Ort, der eine geradezu magische Anziehungskraft auf uns ausübte und aus diesem Grund fand auch, sobald es das Wetter und die Wassertemperatur zuließ, jede Klassenfete, und deren gab es viele, an eben diesem Baggersee statt.

Damals wurden unsere Jeans gerade enger und zerrissener, die Haare kürzer und bunter, wir klebten stolz gelbe „Atomkraft? Nein danke“ Sticker auf unsere Schultaschen und erhielten dafür in der Schule Verweise. Die Musik wurde dreckiger, kam auf Musikkassetten und Schallplatten aus England auf den Kontinent geschwappt und hieß jetzt Punkrock. Kurzum, unsere Rebellion änderte ihre Gestalt. Und der Kick, dass man in seinem Schlafsack, den man sich auf so einer Fete üblicherweise zwecks einvernehmlichen Rumfummelns mit einem Mädchen aus der Klasse teilte, nachts garantiert nicht ruhig schlafen konnte, war eine Übernachtung am Baggersee wert. Der Grund dafür war, dass die Bullen während ihrer nächtlichen Streifenfahrten zuverlässig zu jeder vollen Stunde einen Abstecher auf die Uferwiese machten, um die Ausweispapiere der Anwesenden zu kontrollieren und das machte das Übernachten an diesem speziellen Ort zu einem einzigartigen, wenn auch ermüdenden Erlebnis, dessen Hauch des Verbotenen man nicht verpasst haben durfte, es sei denn, man wollte vor den anderen aus der Klasse als Streber oder Weichei dastehen.

Die ersten zwei oder drei Stunden turnten wir noch aufgeregt im Lichtkegel der Diensttaschenlampen aus unseren Penntüten, klopften panisch unsere Taschen nach dem Ausweis ab und standen kleinlaut und mit Unschuldsmiene vor den Beamten stramm. Doch im Laufe der Nacht wurden wir immer entspannter und hielten schließlich nur noch unsere kleinen grauen Personalausweise oder großen grünen Reisepässe in die Luft und ließen uns kurz von den Grünen ins Gesicht leuchten, ehe sie, ebenso unausgeschlafen und brummig wie wir, wieder vom Tatort abzogen.

Gegen sechs Uhr morgens hörten die Kontrollen schließlich auf und wenn man schon halbwegs wach und bei Sinnen war, konnte man aus den verschwollenen Augenwinkeln die Frühaufsteher beobachten, die steif und verkatert mit grauen Gesichtern und verstrubbelten Haaren um das erloschene Lagerfeuer tigerten – immer auf der Suche nach dem klassischen Baggerseefetenfrühstück: Einer lauwarm gewordenen Cola, die schon längst ihre ganze Kohlensäure in die Atmosphäre entlassen hatte oder einer angebrochenen Kartoffelchipstüte, deren Inhalt vom morgendlichen Tau matschig geworden war.

Zu dieser Zeit, ich schätze mal um 1981, hingen wir hin und wieder in einer ziemlich abgefahrenen Dorfkneipe herum, deren Gastwirt bei der Allgemeinheit nur unter dem Namen Skelettjäck bekannt war. Jäck war selbst für damalige Zeiten ein ziemlicher Freak und verdankte seinen makaberen Namen nicht allein seiner Statur, denn er war hochgewachsen, klapperdürr und sah aus, als bestünde er nur aus Haut und Knochen, sondern auch seinem Auto, einem gewaltigen schwarzen Ford Granada Kombi, der in seinen besseren Jahren einem Bestattungsunternehmen als Leichenwagen diente und den Jäck irgendwann günstig erstanden und hergerichtet hatte.

Dieser Jäck sprach mich und meinen besten Kumpel Uwe eines Abends an, als wir rauchend und Bier trinkend in seiner Kneipe saßen, denn er suchte ein paar Helfer für seinen Brathähnchenstand beim Open Air Konzert am Baggersee. Er winkte uns mit freiem Eintritt und Brathähnchen soviel wir essen könnten. Ein paar Mark Entlohnung sollte es, bei entsprechendem Umsatz auch noch obendrauf geben. Essen, Kohle, einen Stempel auf dem Handrücken? Was wollten wir mehr. Das war unser Glückstag, also zögerten wir keine Sekunde und sagten dem Skelettjäck kurzentschlossen zu.

Es vergingen noch einige Wochen, doch schließlich war das Open Air Wochenende dann da. Uwe und ich radelten, den Schlafsack und die Isomatte auf dem Gepäckträger verzurrt, raus zum Baggersee. Als wir auf das Gelände kamen, sahen wir schon von Weitem Jäcks alten Leichenwagen sowie seinen Besitzer und dessen aktuelle Freundin, die lässig plaudernd an der meterlangen Kühlerhaube des Gefährts lehnten und auf uns warteten.

Um den Aufbau des Stands samt Grills und der Theke (einem Konstrukt aus zusammengestellten Biertischen) etwas aufzulockern, ließ der Jäck erst einmal einen fetten Joint kreisen. An die eigentlichen Aufbauarbeiten vermag ich mich aus pharmazeutischen Gründen nicht mehr genau zu erinnern, aber irgendwann stand das ganze Zeug, das der Jäck in seinem Leichenwagen hierher gekarrt hatte, an seinem Platz. Der Grill war einen knatternden, vollgetankten Dieselgenerator angeschlossen, einige Kästen Bier standen zur zügigen Löschung des schlimmsten Durstes bereit und die ersten

© 2015 - martin gehring | edition dreiklein

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Kommentare

05. Jun 2016

Vielen Dank. Die Geschichte wird übrigens in Bälde in überarbeiteter und neu lektorierter Version als Chapbook bei edition dreiklein erscheinen.

05. Jun 2016

Das war interessant ... zehn Jahre früher waren wir auch nicht viel anders.
LG, Susanna

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