Sieben Monate

Bild von Maria.Lee
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Sieben Monate war es schon her.
Sieben Monate seit er gegangen war, seit sie ihn das letzte Mal gesehen hatte.
Sie stand in ihrem kleinen Apartment. Viel hatte sie nicht, bloß eine kleine Küche, Bad und Schlafzimmer. Doch sie hatte das Beste daraus gemacht. Helle Möbel, gemütliche Couch und ein bunter Teppich schmückten die Räume, sodass es schöner wirkte, als sie es im Moment empfand.
Die Musik schallte laut aus der kleinen Musikbox, die auf dem Wohnzimmertisch stand und übertönte das Gewitter, das draußen tobte.
Ihre Gedanken kreisten wild umher, sodass sie sich nicht auf ihre Aufgabe konzentrieren konnte. Die letzten sieben Monate gingen ihr durch den Kopf. Seit er gegangen war, hatte sie sich abgeschottet. Sie stand morgens auf, arbeitete, kam nach Hause, suchte Ablenkung in Büchern, Serien und Filmen und ging ins Bett. Seit sieben Monaten tat sie jeden Tag dasselbe. Ihre Freunde waren seine Freunde. Und seine Freunde kamen nicht mehr vorbei.
Sie nickte zu der Musik, während sie eine Kiste nach der anderen ins Wohnzimmer schleppte. Denn heute war der Tag. Der Samstag nach genau 28 Wochen an dem sie beschlossen hatte mal etwas anderes zu tun.
Sie lächelte sogar, als sie die Weihnachtsdekoration aus dem Karton nahm. Lichterketten, Schneemänner, kleine Tannenbäume und bunte Kugeln füllten Tisch und Couch.
Sieben Sekunden schaffte sie es an alles außer ihn zu denken. Doch dann erinnerte sie sich an ihr erstes Weihnachten mit ihm. Vor sieben Jahren.
Sie hatten zusammen den Tannenbaum geschmückt, der so ziemlich die Hälfte des Wohnzimmers eingenommen hatte. Sie hatten über die Farbe der Kugeln diskutiert.
“Gold und Silber passt viel besser! “
“Rot und Silber! “
“Ich bin aber farbenblind, das sieht dann grau auf grau aus! “
Am Ende hingen rote, goldene und silberne Kugeln am Baum.
Sie bemerkte die Träne gar nicht, die über ihre Wange lief.
Die Musik holte sie wieder zurück ins Jetzt und sie führte ihre Arbeit fort. Nach einer Stunde waren die Regale mit weißen Schneemännern verziert, die Lichterketten hingen über den leeren Bilderrahmen und die bunten Kugeln schmückten Vasen und Gläser.
Sie lächelte. Sie lachte. Sie fing an zu der Musik zu singen und zu tanzen.
Nach sieben Monaten freute sie sich wieder, ohne sofort an ihn denken zu müssen. An das Funkeln in seinen traurigen, blauen Augen oder an das dunkle, gewellte Haar.
Eine weitere Träne kullerte. Doch diesmal aus Freude.
Sie sank auf die Couch, stolz und glücklich über ihre neue Einrichtung.
Dann klingelte es an der Tür. Immernoch strahlend ging sie zur Tür, schloss auf. Was sie erblickte, war wie ein Tritt in den Magen, der sie taumelt ließ.
Vor ihr stand ein großer, junger Mann mit dunklem Haar und trüben Augen. Ein Mann, den sie kurz verdrängt, aber nie vergessen hätte.

“James”

12.November.2018

©️MariaLee

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