Die Frau aus dem Nebel

von Nicole Schrake
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Es war 6 Uhr morgens. Über dem Strand waberten noch letzte Fetzen des Nebels. Möwengeschrei erfüllte die kalte, klare Luft. Sven fuhr mit seinem Jeep vor das winzige Strandrestaurant, das er betrieb. Es war damals für die meisten eine wahnwitz Idee, das er seinen gut dotierten Job als Projektleiter in Hamburg an den Nagel hing. „Du hast eine Midlife-Crisis, Alter.“ warf Robert, sein bester Freund, ihm an den Kopf. Doch nein, das war es nicht. Sven wollte einfach raus aus dem Trott, das machen, was ihm schon lange im Kopf herumspukte.

Die Arbeitswelt dort in der Kälte der Großstadt war nie das, was sein Herz berührte. Der Konsum befriedigte ihn nicht, nicht die endlosen Weibergeschichten, das schicke Penthouse oder der niegelnagelneue Sportwagen in der Tiefgarage. Sven fühlte sich leer, unbefriedigt, das Leben hatte trotz des hohen Standards einen faden Geschmack, der Erfolg legte sich nicht süß auf seine Zunge, sondern schmeckte irgendwie bitter. Er wurde danach nicht süchtig. Sven lag oft in den Morgenstunden wach, wenn das erste Licht des Tages sich silbern über Hamburg legte. Der Mann stand auf, trat dann an die großen Fenster und sah der Stadt beim Erwachen zu, die hektische Betriebssamkeit, die Menschen da unten, wie kleine Ameisen, emsig ihren Geschäften nachgehend.

Wo war sein Hunger, sein Biss, seine Kaltschnäuzigkeit, wenn es darum ging, andere auszubooten, um sich einen Vorteil bei der Chefetage zu verschaffen? Sven hatte es satt und er wusste, er musste sein Leben ändern, jetzt, sonst würde er auf ewig in der Tretmühle stecken oder vorzeitig einem stressbedingten Herzinfarkt erliegen. Ein Artikel im Spiegel gab seiner inneren Stimme Recht. Das Zauberwort hieß „Downshiften“. Ja, er sehnte sich danach, nach der Einfachheit des Lebens, nach den wahren Dingen, nach dem Geschmack des Meeres auf seiner Zunge und der Gischt in seinem Gesicht. Er sehnte sich zurück nach seiner Heimat: St.-Peter-Ording. Von dort war er einst losgezogen, um die Welt zu erobern; er, der blonde Hüne aus dem hohen Norden, dessen Augen das gleiche Blau trugen, wie der Himmel über dem Meer an einem heißen Augusttag.

Als Sven mit Robert über seine Gedanken sprach, tippte der sich nach einem Schluck Grappa an die Stirn. „Mensch, Sven, wach auf, Du bist auf dem Zenit Deiner Karriere, Dir liegen die tollsten Weiber zu Füßen, Du scheffelst Kohle ohne Ende und Du? Du rennst einem Hirngespinst nach, faselst von Einfachheit, dem Sinn des Lebens. Mein Junge, Du spürst Deine Sterblichkeit, die Jahre ziehen ins Land und Du meinst gerade jetzt sei der Zeitpunkt gekommen, um alles in den Dreck zu treten, wovon Du in Deiner öden Provinz damals geträumt hast?“ Sven griente leicht und ließ den Redeschwall Roberts an sich abperlen, wie die Gischt des Meeres. Gedankenverloren spielte er mit seinem Weinglas. Robert redete weiter: „Du musst endlich sesshaft werden, werfe Dein Herz hier vor Anker, suche Dir endlich eine Frau, die Du heiratest und setze ein paar Kinder in die Welt.“ Sven sah Robert in die brauen Augen. Ja, der Freund war angekommen in seiner kleinen, heilen Welt. Schickes Haus in Eimsbüttel, die blonde, hochbeinige Angela an seiner Seite und seit 3 Monaten einen krähenden Stammhalter im Haus. Bei der „Pinkelparty“ fühlte sich Sven unter all den Gästen einsam, wie nie zuvor und sein Herz war von dieser Sehnsucht erfüllt, die ihn so schlecht schlafen ließ.

Der Abend war perfekt, das Catering suberp, die Drinks eisgekühlt und hochprozentig und doch, und doch. Sven fühlte sich wie ein Alien, er sah wie ein Außenstehender auf die plaudernde, fröhliche Gesellschaft, lächelte milde über zotige Witze und sehnte sich in diesem Moment zurück an den endlosen, lichtüberfluteten Strand seiner Kindheit. Wo waren die Jahre geblieben? War es das hier, wofür sich all die Opfer gelohnt hatten? Ja, ausgetobt hatte er sich, hier in Hamburg und viele gebrochene Frauenherzen pflasterten seinen Weg. Noch besaß er das kleine, rote Lederbüchlein, in dem die Namen seiner Eroberungen fein säuberlich notiert waren und in den einsamsten Nächten, an den verlorensten Abenden in all seinem Protz und Prunk bediente er sich manches Mal aus diesem Büchlein, rief einen Namen an, um sich nach einer scheinbar leidenschaftlichten, durchvögelten Nacht noch einsamer zu fühlen, wenn der nackte Frauenkörper neben ihm verschwunden war und nur noch der Duft eines dezenten Parfüms durch das Penthouse zog.

An seinem 45. Geburtstag machte Sven Nägel mit Köpfen. Er lud seine Kollegen und seine Vorgesetzten zu einem Abendessen ins „Jacobs“ ein, wiegte nur geheimnisvoll den Kopf, wenn man ihn nach dem Grund der Einladung fragte, war aufgeregt, wie ein kleiner Junge und doch so unerschütterlich in seinem Entschluss, wie ein Bollwerk gegen feindliche Truppen.

Gespannt saß seine Crew, die seit fast 16 Jahren sein Leben begleitete, in dem noblen Ambiente des Lokals. Sven stand auf, schlug leicht gegen sein Glas. Die Gespräche verstummten und alle Augen waren auf ihn gerichtet. Es gab kein Zurück.

„Liebe Freunde, ich habe Euch heute hier eingeladen, um Euch mitzuteilen, dass ich zu neuen Ufern aufbrechen möchte. Ich werde wieder nach St.-Peter-Ording zurückkehren, um mir dort eine neue Existenz aufzubauen, die nichts mit meinem bisherigen Berufsleben zu tun hat. Vielleicht habt Ihr es schon gemerkt, dass ich mich seit einiger Zeit sehr mit meinem weiteren Lebensweg beschäftige, doch der Plan war in mir noch zu unausgegoren, um ihn Euch zu präsentieren. Manche werden meine Entscheidung verstehen, andere nur den Kopf schütteln, doch Ihr kennt mich und wisst, was ich mir in den norddeutschen Dickschädel gesetzt habe, setze ich auch durch.“ Sven sah in ungläubige Gesichter, manche nickten, Robert grinste schief. Dieser verrückte Sven, er tat es wirklich! „Ich hoffe, dass Ihr mit mir diesen Abend feiern werdet, auf mein Wohl und mein neues Ziel, mit mir trinkt und meine Entscheidung akzeptiert. Was ich hier lasse, kann ich kaum in Worte fassen, Freundschaften, viele Erfahrungen, die mein Leben bereicherten und die beste Zeit meines bisherigen Leben, doch ich spüre, da ist noch mehr und genau das will ich. In diesem Sinne bitte ich Euch mit mir anzustoßen, auf das Alt- und das Unbekannte.“ Die Gesellschaft erhob sich noch erstaunt, verdutzt,

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Kommentare

22. Jan 2017

Hallo, Ihr Lieben, es freut mich, wenn Ihr meine Story lesenswert findet, vielen Dank dafür.

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