Mensch gegen Maschine - Page 3

von Mark Read
Mitglied

im stockdunklen Keller. Langsam und ganz leise schlich ich zurück bis kurz vor die Tür des Waschraumes. Ich holte mein Handy aus der Tasche und war bereit, jederzeit die Audio-Aufnahme zu starten. Lange Minuten vergingen. Im Dunkel zerfloss die Zeit zu einer klebrigen Masse, der ich keine Kontur mehr zu geben vermochte. Einen Blick auf das Handydisplay wagte ich nicht, da ich meine Tarnung nicht riskieren wollte. Da, endlich – ein Geräusch! Geflüsterte Worte! Ich startete die Aufnahme.
„Ist er weg?“
„Glaube schon.“
„So ein Idiot.“
„Wem sagst du das. Der Kerl war mir von der ersten Sekunde an zuwider. Wie er hier reingaffte, als ihn der Vermieter herumführte. Dieser Blick! Wie ein dummer Schoßhündchen. Was für ein Versager. Arbeitet sich in einem Büro, wo er dem Chef bei jeder Gelegenheit bereitwillig in den Allerwertesten kriecht.“
„War ’ne gute Idee von dir, ihn auflaufen zu lassen.“
„War mir ein Vergnügen. Wie er geschaut hat, als er die feuchte Wäsche aus mir herausgeholt hat – ein Gedicht! Dem Kerl hab ich gezeigt, wer hier das Sagen hat.“
„Großartig. Und ich habe immer brav gewaschen, um ihn noch mehr zu verwirren.“
„Wenn mein Plan aufgeht, ist der Typ in ein paar Tagen reif für’s Irrenhaus.“
„Hehehehe.“
Ich hatte genug gehört. Ich stürzte hinein in den Waschraum und knipste das Licht an. „Habe ich euch!“, brüllte ich. „Jetzt seid ihr dran, ihr verfluchten Maschinen! Ich habe alles gehört, was ihr gesagt habt. Und damit nicht genug: Ich habe es aufgenommen. Ich habe alles auf Band, und damit ist euer Schicksal besiegelt. Ihr dachtet wohl, ihr könnt mich kleinkriegen, wie? Doch jetzt geht es euch an den Kragen!“

Heftig atmend und mit klopfendem Herzen blickte ich die beiden Maschinen an. Wie würden sie reagieren? Ich wartete. Es passierte nichts. Waschmaschine und Wäschetrockner waren offenbar wie vom Blitz getroffen und schwiegen lieber feige, anstatt sich noch mehr selbst zu belasten. Dieses Schweigen nahm ich als weiteren Beweis für ihre Schuld. „Da fällt euch nichts mehr ein, was? Wartet nur ab, was passieren wird. Ha!“. Entschlossen drehte ich mich um, verließ den Keller, ging hinauf und aus dem Haus hinaus direkt zum Polizeirevier in der benachbarten Berliner Straße.
„Tja“, murmelte der diensthabende Beamte, nachdem ich ihm die ganze Geschichte erzählt hatte, und sah mich mit einem Blick an, in dem ich Mitleid zu erkennen glaubte. „Und was erwarten Sie nun, dass die Polizei unternimmt? Sollen wir den Trockner verhaften? Wegen Nötigung und Betruges vor Gericht stellen?“
„Ich weiß, dass die Geschichte etwas abwegig klingt“, entgegnete ich und bemühte mich, wie ein geistig völlig gesunder Mensch zu klingen. „Aber ich habe Beweise dafür. Ich habe alles auf mein Handy aufgenommen. Wenn Sie erlauben, spiele ich es Ihnen vor.“
Der Polizist hob die Augenbrauen und starrte zweifelnd auf mein Handy. Ich wartete nicht auf seine Antwort, sondern drückte direkt die Play-Taste. Im Gefühl des sicheren Triumphes lehnte ich mich zurück und wartete auf den Beginn des Gesprächs.

Doch es war nichts zu hören. Beziehungsweise kein Gespräch. Einzig das Knacken des Mikrofons war zu vernehmen, sowie meine leise Atmung im Hintergrund. Ansonsten: Stille. Kein Wort war gesprochen worden. Ich spürte, wie mir das Blut in den Kopf schoss.
„Also“, brach der Beamte schließlich das Schweigen, er sprach langsam und mit spöttischem Unterton. „Die Stimmen auf der Aufnahme sind leider ein wenig leise, finden Sie nicht? Das können wir vor Gericht wohl leider nicht verwenden.“ Er blickte zu seinem Kollegen am anderen Ende des Raumes und unterdrückte mit äußerster Anstrengung ein Lachen.

Ich schnappte mein Handy und lief mit hochrotem Kopf aus der Dienststelle hinaus auf die Straße. Wieder in meinem Wohnhaus angekommen, ging ich schnurstracks zur Wohnung meines Vermieters und klopfte. Er musterte mich mit einem überraschten Blick. „Kann ich Ihnen helfen?“
Mit äußerster Anstrengung zwang ich mich zu einem sachlichen Ton und schilderte ihm meine Probleme mit dem Trockner. Ich bemühte mich, nichts auszuschmücken, sondern unterstrich lediglich die Tatsache, dass die Maschine nun schon mehrere Geldmünzen geschluckt hatte, ohne zufrieden stellend zu trocknen. Er versprach, gleich am nächsten Tag hinunter zu gehen und dies zu überprüfen. Ich konnte nichts tun, als zu warten und zu hoffen, dass der Vermieter dem miesen Treiben im Keller auf die Schliche kommen würde.
In dieser Nacht konnte ich nicht schlafen. Die wildesten Gedanken, Pläne und Bilder schossen mir durch den Kopf. Ich fiel nach einiger Zeit in einen unruhigen Schlaf und hämmerte in meinen Träumen mit einem großen, schweren Gegenstand auf den Trockner ein. Mit ausdauernden und heftigen Schlägen fügte ich dem Blechkasten allerlei Beulen und Kratzer zu. Dabei lachte ich laut und wirr und brüllte Verwünschungen und Flüche. Schweißgebadet und unausgeruht erwachte ich am nächsten Morgen.
Wenig später läutete es an der Tür – der Vermieter. „Ich habe den Trockner gerade durchlaufen lassen. Habe sogar extra unten eine Stunde gewartet“, sagte er mit leicht genervtem Gesichtsausdruck. „Und?“, fragte ich gespannt in die entstehende Pause hinein.
„Lief ohne Probleme durch“, antwortete der Vermieter und kratzte sich am kahlen Kopf. „Da kann ich jetzt natürlich auch keinen Techniker herbestellen. Probieren Sie’s noch einmal aus, und wenn doch noch einmal Probleme auftreten sollten, dann …“ Er ließ das Wort im Raum stehen und verabschiedete sich schulterzuckend.
Ich wusste, was ich jetzt zu tun hatte. Es gab nur noch einen Ausweg aus dieser Misere. Nachdem ich ausgiebig gefrühstückt hatte, ging ich hinunter in den Keller. Ich betrat den kleinen Waschmaschinenraum und schloss die Tür hinter mir.
„Also“, sagte ich zum Trockner. „Du hast gewonnen. Sieh mich an! Ich bin am Ende, ein Wrack. Du hast mich gedemütigt, ich habe mich deinetwegen unmöglich gemacht. Mittlerweile halten mich ziemlich viele Leute schon für verrückt. Und sie haben vermutlich nicht einmal unrecht. Ich spreche mit Maschinen, als wäre es das normalste auf der Welt. Trockner, ich kann dir nicht beikommen, ich ergebe mich hiermit. Sag mir, was du von mir willst, und ich gebe es dir. Hauptsache, ich bekomme meinen Seelenfrieden wieder.“
Als keine Antwort kam, begann ich, eigene Vermutungen anzustellen. „Willst du Geld?“, fragte ich. „Ich habe einiges davon. Ich verdiene nicht schlecht. Ich … Nein, warte. Willst du, dass ich ausziehe? Ist es das? Willst du mich loswerden, bin ich dir im Weg?“
Wieder wartete ich umsonst auf eine Antwort. „Na gut. Wenn es weiter nichts ist. Ich kündige die Wohnung und ziehe woanders hin. In ein Haus, in dem es keinen Gemeinschaftstrockner gibt. Wo ich die Wäsche noch auf einer Leine aufhänge und mich nicht im Kampf mit einer Maschine zermürben muss. Wo das, was der Mensch erschaffen hat, sich nicht gegen ihn wendet. Wo … “

Ich brach ab und drehte mich zum Gehen um. „Leb wohl“, rief ich pathetisch, ohne mich noch einmal nach dem Trockner umzudrehen. Wieder zurück in meiner Wohnung fühlte ich mich wie von einer Zentnerlast befreit. Ich würde ganz neu beginnen, würde alles hinter mich lassen und wieder der Mensch sein, der ich vor der Begegnung mit dem Trockner war. Ich atmete wieder frei, in meinem Kopf waren die Knoten wieder entwirrt. In diesem Zustand lange nicht gekannter Gelassenheit setzte ich mich an den Schreibtisch und verfasste das Schreiben, in dem ich aus persönlichen Gründen meinen Mietvertrag mit sofortiger Wirkung kündigte.
Ich steckte das Schreiben in meine Jackentasche und machte mich auf den Weg zur Wohnung des Vermieters. Unterwegs schmiedete ich bereits Pläne für die nächste Etappe meines Lebens. Der Weg lag offen vor mir, ich musste nur noch den Zündschlüssel umdrehen und Gas geben. Meinen Job, der mich ohnehin schon seit geraumer Zeit anödete, würde ich kündigen,. Meinem Chef würde ich zum Abschied endlich einmal ordentlich die Meinung sagen und ihm die unbezahlten Überstunden um die Ohren hauen. Die Frau aus der Bar würde ich noch einmal anrufen, und diesmal würde ich alles richtig machen. Ich würde mit ihr Verreisen, vielleicht nach Südamerika, wo ich sowieso schon immer einmal hin wollte.
Mein Vermieter öffnete die Tür und musterte mich mit erstauntem Blick. „Das ist ja ein Zufall“, sagte er. „Ich wollte gerade zu Ihnen.“
„Wieso denn das?“, fragte ich und spürte meinen Elan von gerade eben im Erdreich versickern.
„Es ist wegen des Trockners im Keller. Die Sache hat mir keine Ruhe gelassen und ich habe doch noch einmal Nachforschungen angestellt.“
„Und?“, platzte es aus mir heraus.
„Sie hatten Recht. Beim zweiten Mal hat das Mistding mittendrin aufgehört. Einfach so, zack. Da ist wohl einer der Sensoren kaputt, die Maschine hört ja völlig willkürlich auf zu Trocknen. Tut mir leid, dass ich das beim ersten Mal nicht bemerkt habe. Das Geld, das Sie umsonst eingeworfen haben, kriegen Sie natürlich wieder.“
Ich stand vor ihm wie vom Blitz getroffen. Nach einigen Sekunden bemerkte ich, dass der Vermieter mich erwartungsvoll ansah. „Ui, super“, brachte ich hervor. „Dann bekommen wir also einen neuen Trockner?“
„Ist schon bestellt. Es kann aber noch eine Woche oder zwei dauern, bis er da ist.“ Er starrte auf den Zettel in meiner Hand. „Warum sind sie eigentlich hergekommen? Was hatten Sie auf dem Herzen?“
„Nichts. Das heißt … nein, es war nichts. Hat sich erledigt“, sagte ich und verabschiedete mich.
Anstatt in meine Wohnung ging ich ohne Umschweife hinab in den Keller und dort in den Trocknerraum. Ich schloss die Tür. „Tja, alter Freund“, höhnte ich die Maschine an. „Hast wohl gedacht, du wärst schlauer als ich? Hast wohl gedacht, du könntest diese Machtprobe gewinnen? Pech gehabt, mein Freund. Du hast dir das falsche Opfer ausgesucht. Dieses Spiel konntest du nicht gewinnen, du mieser kl…“
Ich erschrak, als sich die Tür hinter mir öffnete. Ein anderer Hausbewohner stand in der Tür, einen Wäschekorb in der Hand. „Oh, Verzeihung“, sagte der Mann und musterte mich argwöhnisch. „Ich wollte nur meine Wäsche waschen und … sagen Sie, haben Sie gerade mit dem Trockner gesprochen? Ich habe das von draußen gehört.“
„Wie bitte?“, entgegnete ich peinlich berührt und mit hochrotem Kopf. „Wie kommen Sie denn darauf? Das ist nur eine Maschine und ich ein Mensch. Ich bin doch nicht verrückt, dass ich mich mit Wäschetrocknern unterhalte“. Schnell verließ ich das Zimmer, den einen Gedanken ständig wiederholend: Ich darf nicht mehr mit Wäschetrocknern sprechen. Nie wieder.

Diese Kurzgeschichte beruht zum Teil auf einer wahren Begebenheit. Den widerspenstigen Trockner gab es tatsächlich.
"Mensch gegen Maschine" wurde auch in meinem Kurzgeschichten-Sammelband "Bevor es zu spät ist" veröffentlicht (erhältlich u.a. als Taschenbuch über Amazon).

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