Der Baum

von Ingo Erbe
Mitglied

Den ganzen Tag über bin ich gewandert, habe keine Rast eingelegt, bis jetzt unter einem Baum, dessen zwei Wurzeln in einen einzigen Stamm, Ästen, Zweigen und Blättern übergehen. Neben dem Baum steht ein altes Holzhaus. Dieser Baum ist sehr alt, hat man mir gesagt, er trägt verschiedene Namen, Eintracht, nennen ihn welche, andere rufen ihn Heimat, Vermählung, oder Rosenbaum wird er von wieder anderen gerufen, und Leute gibt es, die sagen, er sei gar nicht alt, er sei zeitlos und stelle die ewige Jugend dar. Dabei verweisen jene, die so sprechen, auf die jungen Vögel, die Jahr für Jahr in ihm geboren werden. Er heißt auch ewige Heimat, weil er noch nie jemanden, der in ihm wohnen, sein Weib finden, und seine Kinder zeugen wollte, vertrieben hat. Und er hat sie alle nicht nur umsonst wohnen lassen, er hat ihnen obendrein seine Früchte ohne jede Forderung angeboten.

Weit ausladend seine Krone, eine Krone aus einem Gewirr von Ästen und Zweigen, Blättern in mannigfaltigen Formen und Farben, Blüten, mal schlanke, hoch sprießende, andere, mal flache und runde, dann wieder ovale, oder in verwirrendsten Formen gewachsene, und abermals andere, deren Blüten wie Fäden von den Zweigen herunter hangeln und im Winde schaukeln. Und überall in dem Gespinst summen Insekten, sie tauchen in die Blüten, fliegen auf und verteilen ihre Blütenfracht auf Büsche und Wiesen. Angeregt verharrend erfaßt mich die Vorstellung, als höbe der Baum seine Zweige und blickte mich mit seinen Blüten, als seien es seine Augen, an. Das Merkwürdigste an diesem Baum aber ist, daß einige seiner Äste sich nicht nur gegen den Boden senken, sondern darin versinken.

***

Die Fürstentochter Adda war als Hexe verschrien. Grund zu diesem Verdacht gab jenes Ereignis, daß Adda, wo auch immer sie ihre Hände auflegte, oder ihre Füße aufsetzte nach kurzer Dauer Blüten sprossen. Ihr Vater, der Fürst, verbannte sie, und auf ihrer Flucht gelangte sie in der Nacht, in der es heftig regnete, an einen mächtigen, verwachsenen Baum, ein Haus lag daran, des Schäfers Tankred Haus. Sie klopfte an die Tür, „ist jemand zu Hause? Laßt mich ein!“ Von drinnen waren Schritte zu vernehmen, Tankred trat mit einer Laterne in der Hand heraus, „was sehe ich? Ein Mädchen mitten in der Nacht im Regen. Kommt herein.“ Adda folgte zögernd dem alten Schäfer. „Kommt, setzt Euch an den Kamin. Wer seid Ihr, und weswegen seid Ihr nachts im Wald?“
„Ich heiße Adda und bin die Tochter des Fürsten.“
„Bei allen Göttern! Euer Vater wird sich sorgen.“ Sie ließ ihren Blick sinken und schwieg. „Sprecht, er wird doch bestimmt in Sorge sein.“
„Nein! Er hat mich verdammt!“, entgegnete sie laut. Tankred reichte ihr heißen Tee, den sie begierig trank. „Er hat Euch verdammt? Aber weshalb denn?“ Es verging einige Zeit, bis sie antwortete, „weil ich einen jungen Mann aus dem Dorf liebe und nicht den Mann, den der Fürst zu heiraten mir vorschrieb.“ Tankred schlug sich an die Stirn, „ich Thor! Sitze hier rum, schwatze, frage Euch aus, und Euch friert immer noch und Eure Kleider sind naß. Wollt Ihr ein warmes Bad nehmen?“ Sie willigte ein, und Tankred griff nach Eimern, ging hinaus, schöpfte frisches Wasser aus dem Brunnen und füllte es in große Kübel auf dem Herd. „Es dauert einen Moment, aber trockene Kleider habe ich nicht, ich kann nur Decken bieten.“
„Das ist nicht schlimm, ich habe Kleider in meiner Tasche.“ Als sie im Bade saß, frug er indem er neue Kübel füllte, „weshalb seid Ihr denn nicht zu Eurem Geliebten gegangen?“
„Wir haben uns immer heimlich getroffen, niemand wußte wann und wo. Ich hätte ihn verraten, wenn ich zu ihm gegangen wäre, der Fürst hätte ihm sicherlich was angetan.“

Nach geraumer Zeit kam sie aus dem Bad heraus, hatte frische Kleider angelegt und ihr rotes Haar zum Haarkranz verflochten. „Gut schaut Ihr aus“, befand Tankred, „Ihr werdet jetzt doch sicherlich hungrig sein“, was sie bejahte. Also brachte er ihr Brot, Butter und Käse und bereitete warme Milch vor. Während sie aß frug er sie, was er denn nun mit machen sollte. „Darf ich bei Euch bleiben?“, was er ihr leichten Herzens zugestand.

Adda blieb bei ihm und teilte auch seine Beschäftigung mit ihm, er hatte eine Schafherde, eine kleine nur, die sie nun tagsüber gemeinsam auf die Weide trieben und mit ihr dort verweilten. Dabei umschloß sie den Hirtenstock, öffnete ihre Hand wieder und zeigte ihn Tankred, „seht Ihr das? Knospen blühen da, wo ich den Stock anfasste. Das passiert mir immer aufs Neu, sobald ich Holz berühre. Wie kommt das?“
„Das ist fürwahr fantastisch.“
„Findet Ihr? Der Fürst vertrieb mich deswegen, das sei Hexenwerk, sagte er, wenn ich einen Stuhl anfasste und Blüten an ihm sprossen. Wieso passiert das?“
„Ihr müßt Euch fragen, weshalb Ihr darum vermögt. Wahrscheinlich liebt Ihr die Natur, besonders die Blumen, und sie erwidern Eure Liebe auf diese Weise.“
„So könnte es sein.“ Adda war froh bei Tankred zu sein, und nach Monaten gebar sie in seinem Haus ihr Kind, das aus ihrer Liebschaft mit einem jungen Mann aus dem Dorf herstammte, sie nannte es Alwina. Aber brachen eines Tages Halunken in Tankreds Heim ein, rissen Adda von ihrem Lager, stachen mit Messern auf sie ein, verschleppten und erschlugen sie. Auch führten sie das Neugeborene und Tankred zu töten im Schilde, doch fanden sie beide nicht.

Jahre gingen ins Land in denen Tankred sich um Alwina kümmerte. An einem Frühlingsabend langte ein wandernder Zimmermann im Dorf an und frug in jedem Haus, ob man ihm ein Lager für die Nacht geben könnte. Doch alle wiesen ihn ab, so geriet er im Wald an ein Blockhaus, das direkt neben einem mächtigen Baum errichtet worden war, und er klopfte an die Tür, ein Mädchen öffnete ihm. Ob denn seine Eltern daheim seien, frug der Zimmermann, und kaum hatte er gefragt, trat der Schäfer hinzu. „Wer seid Ihr, und was ist Euer Begehr?“
„Ich bin Zimmermann und heiße Harold und suche eine Unterkunft für die Nacht.“ Tankred bat ihn herein, „legt Euer Gepäck ab und setzt Euch. Mein Name ist Tankred, und das Mädchen ist Alwina. Sagt, was Euch in

Seiten

Interne Verweise

Mehr von Ingo Erbe online lesen