Die Lehre

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Alles, was da auf dem Boden krabbele, sei häßliches Getier sei, so sagte man ihm. Als er fünf Jahre alt war, kroch ein graues Tier über den Boden. Er kannte das Tier nicht, und weil ihm gesagt worden war, auf der Erde kriechende Tiere seien Ungeziefer und schädlich, schlug er auf das Tier ein - mit einem Stock, er schlug es tot.

Als er dann Lesen gelernt hatte, schaute er in Büchern nach, erfuhr, daß es ein Maulwurf gewesen war, den er umgebracht hatte. Er schämte sich sehr, hob im Garten eine kleine Mulde aus, und er schnitt die Haut seines Fingers auf. Sein Blut tropfte in die Mulde. Jemand sah es und frug, was er da treibe. Er schaute auf, „ihr habt mich dumm gemacht. Das verzeihe ich euch nie“, dies antwortete er. Nachts schreckte er aus Träumen auf, ihm träumte von einem grauen Tier, zuckend und blutend am Boden liegend. Eines Nachts erwachte er, weil seine Hand schmerzte, obwohl die Wunde seit Langem verheilt war. Er hob die Hand, sah, beschaute den einst verletzten Finger, der sich verändert hatte, er war anders, als vordem, er war grau, mit grauem Fell bewachsen.

Fortan schrieb, malte und spielte er mit seiner linken Hand, weil er mit seiner rechten ein Tier getötet hatte. Er befaßte sich mit den Maulwürfen, mit ihrer Lebensweise, ihrer Herkunft, ihrem Nutzen. Weil er geschickt mit den Händen war, schnitze er aus Holz Maulwürfe und dies mit beiden Händen, und er flüsterte dabei, die linke möge Leben, welches die rechte geraubt hatte, neu verleihen.

Und so verrann die Zeit mit einer Schuld, die ihn nicht los ließ. Und bei allem, was er tat, quälte ihn sein Vergehen unablässig, riß ihn nachts aus dem Schlaf, gönnte ihm keine Ruhe. Aber er verdrängte seine Tat an dem seinerzeit ihm unbekannten Tier nicht. Er frug sich, weshalb er die Tötung, die er jetzt als Mord auslegte, überhaupt begangen hatte. Nur, weil er verleitet worden war, oder verbarg sich darin nur eine billige Ausrede? Wenn es eine war, wieso war er darauf reingefallen? Zudem er gegen Tiere nichts einzuwenden hatte. War es doch die falsche Lehre, die ihn beeinflußt hatte hatte? War er nicht imstande gewesen, sie zu durchschauen? So in Gedanken vertieft wanderte er durch die Wälder in denen die Tiere lebten und suchte nach Antworten. Dabei stieß er an Maulwurfshügel, so lange er auch wartete, kein Maulwurf ließ sich blicken. „Sie meiden mich aus gutem Grund“, befand er.

So ging die Zeit vorbei, ohne daß er die Reue über seine kindliche Tat los wurde. Eines Tages entdeckte er bei der Gartenarbeit etwas, das bisher nicht da war, einen kleinen Erdhaufen im Rasen. Er vermutete einen Maulwurfshügel, als ein solcher er sich dann auch herausstellte. Im Laufe von Tagen wuchsen weitere Hügel in seinem Garten, und er beließ sie so wie sie waren. Ein Nachbar sah dies und riet ihm die Maulwürfe zu töten, um die Plage los zu werden. Er antwortete darauf nicht, doch bedachte er, seinerzeit schon einmal verführt worden zu sein, was nicht noch mal geschehen dürfe. Als wieder einmal ein Nachbar der Maulwurfhügel halber ihn anging entgegnete er, die Tiere kämen ihm vor wie Bergleute, womöglich stießen sie auf eine Kohleader oder sogar auf Öl. Er spinne, warf der Nachbar ihm vor. „Ja, hätte ich nur vor Zeiten gesponnen, meine Phantasie benutzt statt Anderer Meinung, wäre Leben erhalten geblieben“, antwortete er. Es störte ihn nicht, daß sich in seinem Garten mehr und mehr Erdhaufen ansammelten, er wendete auch nichts dagegen an, sah es als ein Zeichen, daß ihm womöglich verziehen worden war, ein Leben hatte er vernichtet, viele andere blühten in seinem Garten auf, aber das war für ihn keine Entschuldigung, nicht einmal Trost, sondern eine Kraft, die sich durch falsche Lehren, leichtfertigen Glauben durchsetzte. Auch der behaarte kleine Finger störte ihn nicht, er nahm ihn als ein warnendes Mal jemals wieder Meinungen, die andere vertraten, anzunehmen.

Auf der Straße an der er stand zog eine Demonstration vorbei. Zunächst war nicht zu erkennen, wofür oder wogegen es ging, bis ihm jemand einen Handzettel reichte. Es wurde gegen Minderheiten im Land demonstriert, gegen Schwarze speziell. „Nein“, rief er, „nicht noch mal so und so nicht mit mir!“ Er zerknüllte den Zettel und warf ihn fort.

Als er in seinem Garten ankam bemerkte er, daß sich in einem der Erdhaufen etwas bewegte, er ging leise und vorsichtig heran und sah, daß ein schwarzer Geselle seinen Kopf hervorstrecke. Als Opernfreund fiel ihm urplötzlich Verdis und Shakespeares Othello ein, der infolge einer Intrige des Jago einen Mord begangen hatte. „Erstaunlich“, befand er, „scheint nicht nur bei Kindern zu fruchten.“ Und noch andere Verführer traten hervor, die ganze Völker aus niederen Gründen verhetzt und zu Greueltaten verleitet hatten. Und so bekräftigte sich sein Entschluß, nicht einmal mehr zu glauben, daß es Gott gibt, aber daß der Teufel existiert, davon war er kräftiger als je zuvor überzeugt. „Er hat mich einmal geritten, aber nie wieder. Ich grabe nicht wie sie in der Erde, aber durch all das, was mir gesagt und gezeigt wurde und wird."

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