Schwarzer Valentinstag-Teil 32

von Angélique Duvier
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Erschrocken schwang sich mein Großvater wieder auf sein Fahrrad
und versuchte mit kräftigen Tritten in die Pedale dem Krankenwagen zu folgen. Was kann da nur passiert sein, fragte er sich, ängstlich.
Zum Glück waren er und seine Familie krankenversichert, was nicht immer der Fall gewesen ist. Die Zeiten sind schwer und die Lebensverhältnisse schwierig, die Zukunftsaussichten kann man nicht gerade als rosig bezeichnen. Die Folgen des Ersten Weltkrieges sind noch immer weitgehend zu spüren.
Erschöpft erreichte Johann das Krankenhaus, er sprang mit einem Satz von seinem Fahrrad und ließ es beinahe achtlos fallen, wodurch es in einem Strauch landete. Sogleich hastete er eilig die Krankenhaustreppe hinauf.
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In der Notaufnahme fragte er atemlos:
„Ich suche meine Frau, Ella Martens, wo ist sie? Wo finde ich sie?“
„Langsam, immer mit der Ruhe“ ,meinte die ältliche Dame am Schalter, wobei sie ihn mit einem leicht schiefen Lächeln bedachte. „Hatte Ihre Frau einen Unfall?“ wollte sie wissen.
„Nein", stotterte mein Opa, „sie bekommt ein Kind!"
„Ach so“, lächelte die Dame ihn diesmal etwas breiter und verständnisvoll an, „dann sind Sie hier falsch, sie müssen hinauf in die zweite Etage, Station B, Entbindungsstation, dort werden Sie Ihre Frau sicher finden."
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Ohne sich zu bedanken eilte Johann los, hastete zwei Stufen auf einmal nehmend die Treppen hinauf, ging festen Schrittes die langen Korridore hinunter, es roch stark nach billigem Desinfektionsmittel, der Linoleumboden war spiegelblank gebohnert, an den Wänden hingen Bilder der Chefärzte, die seit Bestehen des Krankenhauses hier gearbeitet hatten. In langen weißen Kitteln eilten Ärzte und Krankenschwestern hastig an ihm vorbei, die Schwestern trugen ihr Haar streng zurückgebunden, darauf saßen kleine steife Hauben, welche durch schmale Klammern festgehalten wurden.
„Bitte, wo finde ich meine Frau?“, rief er verhalten durch den Korridor, doch niemand schien ihn zu hören. An einer der Türen sah er ein kleines Schild, „Schwesternzimmer“ stand darauf. Zaghaft klopfte er an die Tür, das dumpfe Geräusch, welches er dabei verursachte, erzeugte einen leisen Hall, eine wohlklingende, doch etwas resolute Frauenstimme dahinter fragte: „Ja bitte?“ Mein Großvater betrat das Zimmer, kaum hatte er die Tür einen Spalt breit geöffnet, fragte er sogleich: „Können Sie mir bitte sagen, wo ich meine Frau finden kann, Martens ist mein Name und meine Frau heißt Ella, ... Ella Martens“, stammelte er.
Die Schwester lächelte ihm entgegen: „Aha, Sie werden sicher Vater?“, fragte sie, wobei sie sich wieder einigen Papieren, die sich auf ihrem Schreibtisch häuften, zuwandte. „So, da haben wir sie ja, Ella Luise Martens, geboren am 08.12.1890." „Ja, ja, genau, was ist mit ihr, warum ist sie hier? Alle unsere anderen Kinder kamen zuhause zur Welt, was ist passiert?“,brachte Johann mühsam hervor. „Beruhigen Sie sich, Herr Martens, Ihrer Frau geht es gut, es gibt keinen Grund zur Beunruhigung, Ihre Frau wurde hergebracht, weil das Kind eine etwas schwierige Lage hat,
es muss gedreht werden. Setzen Sie sich bitte in den Warteraum, wir geben Ihnen sofort Bescheid, wenn das Kind da ist.“, sagte die Schwester ruhig und lächelte Johann mitfühlend an.
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Im Warteraum saßen und standen bereits einige werdende Väter, einigen von ihnen schien es ebenso oder ähnlich zu gehen wie ihm. Ein großer hagerer junger Mann zwischen zweiundzwanzig und höchstens fünfundzwanzig Jahren, mit wirren blondgelockten Haaren, ging mit großen Schritten unruhig im Zimmer auf und ab, wobei er sich immer wieder nervös seine offenbar verschwitzen Hände an den Außenseiten seiner hellgrauen Twillhose abwischte. Meinem Großvater Johann wurde ganz schwindelig durch das Auf-und-ab-Gerenne des Burschen, und da er das Gefühl hatte, es würde seine eigene Nervosität noch verstärken, bat er: „Setzen Sie sich doch hin, Sie können eh nichts tun, durch ihr ständiges Hin-und-Hergelaufe kommt Ihr Kind auch nicht früher auf die Welt, außerdem machen Sie mich ganz wirr im Kopf.“
Die anderen Männer blätterten in Zeitungen und beachteten die beiden nicht weiter. „Halt die Luft an, Alter, ich laufe so viel herum wie ich will", fauchte der Blondgelockte meinen Großvater an.
„Ist wohl ihr erstes, was?“, fragte Johann, ohne auf den Ton des anderen einzugehen. „Ja, ist es und wartest du auf dein erstes Enkelkind?“, wollte er provozierend von Johann wissen. „ Nein,“ antwortetet dieser, „aber mein viertes Kind.". In dem Moment wurde die Tür geöffnet und die freundliche Krankenschwester aus dem Schwesternzimmer betrat den Warteraum, sie ging direkt auf meinen Großvater zu, lächelnd streckte sie ihm ihre Hand entgegen. „Herzlichen Glückwunsch Herr Martens, Sie sind soeben Vater einer kleinen Tochter geworden, Ihrer Frau und dem Baby geht es gut, wenn Sie möchten, können Sie jetzt beide sehen.“ „Danke", stammelte mein Großvater und machte sich mit gemischten Gefühlen bereit, seinen kleinen „Kuckuck“ wie er das Baby noch immer insgeheim nannte, zu begrüßen. Beim Hinausgehen wandte er sich noch einmal um und sagte freundlich an den Blondgelockten gewandt: „Alles Gute und viel Glück mit dem Kind!" „Ja, wird schon“, meinte dieser und „und herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Tochter."

Teil 33 folgt

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