Verkünder der Wahrheit - Page 2

von Mark Read
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Und diese gedruckten Zeitungen erst! Bevor es das Internet gab, war er gezwungen gewesen, seine Nachrichten auf Papier zu lesen - ohne Kommentarfunktion! Er war ein unmündiger Konsument gewesen, der seine Wut und seinen Frust höchstens am Tresen in der Kneipe am Eck unter das Volk bringen konnte. Doch diese Zeiten waren zum Glück schon längst vorbei. Dank der modernen Technik konnte er seine Meinung über all die Dummheit in der Welt einem ungleich größeren Hörerkreis verkünden und brauchte dazu nicht einmal mehr persönlichen Kontakt. Er musste sich nicht der Blöße hingeben, auf die Erwiderung eines Gegenübers keine passende Antwort zu haben. Er war immer obenauf und konnte seine moralische und intellektuelle Überlegenheit stets aufs Neue beweisen.
Eigentlich mochte er keine Menschen. Menschen widersprachen einem einfach zu oft. Sie nörgelten zu viel und sie wollten immer etwas von einem. Ihm reichte in dieser Hinsicht schon seine alte Mutter, die mehrmals die Woche bei ihm anrief, um sich zu beschweren, dass ihr missratener Sohn sich nie bei ihr meldete. Sie hatte nie verstanden, dass er eine Mission hatte, die wichtiger war als eine sogenannte "Familie".

Da er seine Energie nicht mit melancholischem Gedankenmüll vergeuden wollte, sondern sich seiner Aufgabe als großer Denker widmen musste, zwang er sich zurück an den Laptop. Es gab noch viele wütende Kommentare zu schreiben. Zurück an seinem Arbeitsgerät sah er, dass tatsächlich jemand unter den Politik-Artikel kommentiert und auf seine Verkündung der Wahrheit Bezug genommen hatte.
"Außer Brüllen können Sie wohl auch nichts", schrieb der Unbekannte da. "Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Klappe halten!". Hach, wie süß! Da wollte sich der Pudel als Bulldogge aufspielen. Amüsiert las er weiter. "Ich bin stolz darauf, in einer Demokratie zu leben, wo man Dinge noch aktiv mitbestimmen kann und werde mir das auch von Ihnen nicht schlechtreden lassen." Mein Gott, wie naiv manche Menschen doch waren. Er beschloss, dass eine Antwort auf diesen geistigen Dünnpfiff nicht sofort erfolgen dürfe. Er wollte warten, bis noch weitere User auf seinen Kommentar antworten würden. Seine moralische und geistige Überlegenheit durfte er durch unüberlegte und zu schnelle Antworten nicht beschädigen. Außerdem sollte es ja auch nicht so wirken, als hätte er nichts besseres zu tun, als den ganzen Tag vor dem Computer zu sitzen und Kommentare zu schreiben.

Er vertrieb sich die Zeit in einem Artikel über die Einweihung eines neuen Hochhauses in Berlin. Dort beschimpfte er die Hauptstadt als moralisch verkommenes, dekadentes Nest mit einer ekelhaften Selbstüberschätzung und ihre Bewohner als blasierte, weltfremde Yuppies. In Berlin könne man sich als frei denkender Mensch nur langweilen, schrieb er. Kein einziger seiner Aufenthalte in der Stadt habe ich vermittelt, dass sie einer Hauptstadt würdig sei. Als er dies in die Tasten hackte, fiel ihm ein, dass er theoretisch noch eine Schwester hatte, die in Berlin wohnte. Da er von der Familie als Institution nicht viel hielt, hatte er schon lange nichts mehr von ihr gehört. Irgendwann würde er vielleicht doch mal nach Berlin fahren. Damit er sagen konnte, er sei mal dort gewesen. Aber derlei Privatvergnügen mussten warten. Es gab noch so viel Dummheit, die er zu bekämpfen hatte.

Er spürte, wie ihn nach dem Absenden des Berlin-Beitrages ein seltsames Gefühl durchströmte. Doch nicht etwa Befriedigung? Fühlte er sich etwa gerade gut? Er war skeptisch und beschloss, vorsichtig zu sein. Schließlich durfte diese lächerliche Gefühlsaufwallung seine Verachtung für die Welt im Allgemeinen nicht trüben. Einer wie er, einer der wenigen klarsichtigen Mahner auf diesem Planeten, durfte sich nicht vom Strom der Eitelkeit mitreißen lassen.

Er zwang sich zur konzentrierten Arbeit. Glücklicherweise brachte ihm die Nachrichtenlage des heutigen Tages genügend Futter für seine scharfsichtigen Anmerkungen. Von Euro-Krise über geplante Autobahnmaut bis hin zum anstehenden Besuch des französischen Präsidenten war heute alles geboten. Er trank seinen Kaffee in einem Zug aus, schob sich einen Krapfen in den Mund und rülpste laut. Bühne frei für den Meister, dachte er und fand den Satz nicht einmal peinlich.

In der nächsten halben Stunde ätzte er zunächst unter besagten Artikel zur Euro-Krise, wo er die Idee einer gemeinsamen Währung als hirnrissig und alle Südeuropäer pauschal als faul bezeichnete, um dann der Menschheit im Allgemeinen die Fähigkeit zum sinnvollen Zusammenleben abzusprechen. "Der Mensch ist nun mal blöde, ein stumpfsinniges Tier, und so wird es auch immer sein", schrieb er und wusste, dass ihm damit eine meisterhafte Provokation gelungen war. Irgendjemand würde ihn mit Sicherheit dafür beschimpfen, und die Vorfreude darauf bescherte ihm ein wohliges Kribbeln am ganzen Körper.

Als nächstes hinterließ er einen wütenden Kommentar unter einer Meldung über steigende Benzinpreise. Hier verspottete er jene Zeitgenossen, die aus Faulheit, Dummheit oder falschem Stolz nicht auf öffentliche Verkehrsmittel, das Fahrrad oder gleich die eigenen zwei Beine zurückgreifen wollten. "Hauptsache ein teures Auto, um den Wohlstand zur Schau zu stellen", schrieb er. "Wer braucht schon Bücher, gute Bildung oder ein reines Gewissen, wenn er eine teure Benzinschleuder in seiner überdimensionierten Garage stehen haben kann? Nobel geht die Welt zu Grunde. Ich verzichte auch weiterhin gerne auf dieses unnütze Statussymbol und benutze lieber das umweltfreundliche Fahrrad."
Er überlegte, wann er selbst das letzte Mal auf einem Fahrrad gesessen hatte. Grundschulzeit vielleicht? Es war schon so lange her, wie aus einer komplett anderen Zeit. Nie im Leben würde er sich auf so ein Eisengestell mit Rädern setzen, um von einem Punkt an den anderen zu kommen. Er verachtete die sportlichen, ach so ökologischen Gutmenschen, die einem mit jeder Strampelbewegung ihrer hässlichen Schenkel deutlich machten, dass man sich zu schämen hatte, wenn man sich nicht so fortbewegte wie sie. Dies war einer der vielen Gründe, aus denen heraus er es generell vermied, sich zu lange draußen aufzuhalten. Die frische Luft lenkte einen nur von den wirklich wichtigen Dingen des Lebens ab. Er zog lautstark den Rotz in seiner Nase hoch und widmete sich wieder seiner Arbeit.

Sein nächstes Ziel war der französische Präsident, den er unter einem Artikel über dessen Pläne einer Sozialreform als "bemitleidenswerten Clown" verspottete, der mangelndes Fachwissen durch übertriebenen Aktivismus wettmachen wolle und dem es nicht nur an der Körpergröße mangele. Wieder verspürte er dieses seltsame Hochgefühl. Ja, heute lief es gut bei ihm. Selten gingen ihm die Provokationen so leicht von der Hand wie an diesem Tag, selten waren seine flammenden Appelle so geschliffen formuliert.

Er war gerade dabei, die Bundeskanzlerin wegen ihrer Aussage zur Energiewende als "größte Betrügerin seit Konrad Kujau" zu beschimpfen, da wurde das Geschrei der Kinder unten im Hof plötzlich lauter. Genauer gesagt wurde es so laut, dass es ihn in seiner Konzentration störte. Und weil er gerade so schön wütend war, ließ er sich dazu hinreißen, das Gebrüll nicht einfach stillschweigend zu ignorieren. Diese Saubande würde jetzt etwas zu Hören kriegen. Er ging zum Fenster seiner kargen Zweizimmerwohnung und riss es auf, was er sonst so gut wie nie tat. Vom ungewohnten Sonnenlicht geblendet, brauchte er einige Sekunden, um unten im Hof eine Gruppe Fußball spielender Bengel erkennen zu können, die sich wegen irgend etwas stritten. Sie brüllten und schubsten sich gegenseitig durch die Gegend, einer der Rotzlöffel stand abseits der anderen und heulte. Fußball, das Opium für das dumme Volk. Wie er das Ballgetrete doch hasste! Es erzeugte nur pure, destruktive Emotion, die zu nichts nütze war. Seine ohnehin schon beachtliche Wut wurde jetzt noch weiter angestachelt.
"Könnt ihr mal das Maul halten!", brüllte er vom Fenster in den Hof hinab. "Verfluchte Bande! Aus euch sollte man mal so richtig die Scheiße rausprü ..." Er stockte. Ein großer, muskelbepackter Mann hatte soeben den Hof betreten und starrte zu ihm hoch. Mit seiner Glatze und einer deutlich erkennbaren Tätowierung auf der Brust wirkte er schon aus der Ferne betrachtet bedrohlich. Eines der streitenden Kinder begann plötzlich zu weinen und lief auf den Mann zu. Er schluckte. Hatte der Bengel da gerade "Papi, Papi" gerufen?
Schnell schloss er das Fenster und lehnte sich mit dem Rücken dagegen. Warum hatte er sich überhaupt dazu hinreißen lassen, es zu öffnen? Er war im Gefühl der Überlegenheit unvorsichtig geworden. Normalerweise vermied er tunlichst jeden Kontakt mit der Welt da draußen. Sie war ganz einfach zu gefährlich. Warum war er seinen Grundsätzen nur untreu geworden? Seine Welt war das Internet. Hier war er zu Hause, hier hatte er eine Aufgabe. Das große Ganze! Er spürte, wie ihm der Schweiß auf der Stirn stand. Hoffentlich hatte sich der kahlköpfige Muskelberg das Fenster nicht gemerkt.

Doch noch während er sich einen Kaffee nachgoss, um seinen nervösen Puls wieder in den Griff zu bekommen, klingelte es an der Wohnungstür. Fassungslos starrte er sie an. Wie ferngesteuert, ohne nachzudenken, bewegte er seinen massigen Körper zur Tür und öffnete, ohne sich durch den Türspion zu vergewissern, wer geklingelt hatte. Draußen stand tatsächlich der Kahlkopf mit seinem Sohn, dessen Gesicht rot und verheult war.

"Na?", fragte der Mann und starrte ihn mit kaum verhohlenem Ekel an. "Fanden Sie das nett, was Sie da gerade zu meinem Sohn und seinen Freunden gesagt haben?" - "Ich ...", stammelte er und rang nach Worten. Er war es gewohnt, Kommentare zu tippen, nicht, sie in direkter Kommunikation abzugeben. Hätte er nur etwas mehr Zeit, er würde dem Schrank hier schon in klaren Worten seine Überlegenheit beweisen. Er würde ihm detailliert auflisten, warum Fußball das Volk verdummt und daher verboten werden sollte, warum Kinder die Geißel des intelligenten Mannes sind und daher überhaupt keine Rechte haben dürften, warum Menschen überhaupt keine Kinder bekommen sollten - und noch vieles mehr. Doch ihm fiel nichts ein.
"Was ist? Haben Sie nichts zu sagen?" Der Riese kam einen Schritt auf ihn zu. Er konnte bereits seinen Atem riechen. "Ich ... Es ist ... Also", setzte er an. Er hatte Angst, so viel Angst. Er stellte sich vor, wie ihm der Kerl gleich einen Magenschwinger verpassen und ihm dann die Nase brechen würde. Er wusste, dass er bitter leiden würde, und er konnte die Schmerzen schon jetzt spüren. Er sah sich bereits mit eingegipsten Armen im Krankenbett liegen, unfähig, Kommentare im Netz zu hinterlassen. Ein Alptraum.
"Es tut mir wirklich leid. Alles. Ich entschuldige mich in aller Form bei Ihrem Sohn", sagte er mit einer Verzweiflung in der Stimme, die sein Gegenüber sichtlich überraschte. Seine Abscheu gegenüber Kindern überwindend, blickte er anschließend dem kleinen Rotzlöffel in das rotgeheulte Gesicht und stammelte: "Ich entschuldige mich bei dir. Das war dumm von mir. Und unfair. Ihr dürft so viel Fußball spielen, wie ihr wollt. Es tut mir aufrichtig leid." Fast wie in Trance fügte er noch hinzu: "Schön habt ihr gespielt, ich habe euch ein wenig zugesehen." Er verkrampfte seinen Mund zu etwas, das einem Lächeln ähneln sollte.

Still war es im Treppenhaus. Er schloss die Augen und wagte es nicht, den Vater anzusehen. "Gut", sagte dieser nach einigen Sekunden, überrascht, aber befriedigt. "Beim nächsten Mal überlegen Sie ein bisschen, bevor Sie kleine Kinder so beschimpfen." Er nahm den Zwerg bei der Hand und ging ohne Verabschiedung in Richtung Treppenhaus.

Er schloss die Tür und wankte mit zitternden Beinen zum Sessel. War das knapp! Er hatte es doch gewusst, dass die Welt schlecht und grausam war. Nachdem er die Situation noch einmal Revue passieren ließ, kam er zu dem Schluss, dass er sich gut aus der Affäre gezogen hatte. Er hatte den Kerl seine moralische und geistige Überlegenheit spüren lassen, indem er eine Schuld auf sich nahm, die gar nicht existierte. Denn dass er Recht gehabt hatte, war ebenso offensichtlich wie die Richtigkeit seiner Wortwahl. Anders lernten es diese dummen Kinder heutzutage ja nicht mehr. Zufrieden nippte er an seinem Kaffee und befasste sich wieder mit seiner Arbeit. Ach ja, die Bundeskanzlerin.
"Sie ist nicht nur eine Betrügerin, sondern lügt das Volk auch noch dreist an", schrieb er. "Und warum? Weil sie feige ist, wie alle Politiker. Wahren Mut gibt es nicht bei Politikern - mutig sind nur die Bürger, die sich trauen, die Wahrheit auszusprechen". Als er auf "Absenden" klickte, lag ein süffisantes Lächeln auf seinem Gesicht.

Diese frühe Kurzgeschichte entstand im Jahr 2013 und wurde im Sammelband "Bevor es zu spät ist" auch in Buchform veröffentlicht.

Veröffentlicht / Quelle: 
Im Sammelband des Autors "Bevor es zu spät ist" (Taschenbuch und eBook bei Amazon)

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