Das Abendessen am Meer

von Mark Read
Mitglied

Arthur betrachtete sein Gesicht im Spiegel und fand, dass man ihm seine Gemütslage ansah. Er konnte seine Nervosität nicht nur spüren, sondern auch sehen. Es gelang ihm nicht, die Miene eines zuversichtlichen Menschen aufzusetzen. Doch tröstete er sich damit, dass es bald ohnehin keinen Grund mehr für ihn geben würde, eine Maske zu tragen. Denn heute Abend würde sein Leben eine neue Wendung nehmen. Eine Wendung zum Guten, nach all den Jahren des Herumirrens und Kämpfens gegen Windmühlen.

Trotzdem fühlte er sich nicht wohl. Er wollte jetzt nicht hier sein. Nicht auf dieser Insel mitten im Meer und auch nicht bei dem Abendessen mit seinem Vater und Melinda, zu dem er erwartet wurde.

Der Alte würde wieder Fragen stellen. Warum er und Melinda nicht gleichzeitig kämen. Dabei wusste er nur zu gut, dass Arthur und seine Frau seit Jahren in getrennten Zimmern schliefen. Der Alte hatte die verdammte Villa auf dieser verdammten Insel gemietet und dabei je ein Zimmer für seinen Sohn und eines für seine Schwiegertochter einkalkuliert. Weil er längst mitbekommen hatte, dass sie sich nichts mehr zu sagen hatten. Dass sie nur noch bei Empfängen und Bällen miteinander verkehrten, damit die Öffentlichkeit nichts mitbekam, damit die Firma des Alten keinen Schaden nahm. Das alles war Arthurs Vater bewusst. Trotzdem setzte er stets aufs Neue sein strahlendes, falsches Lächeln auf und fragte scheinheilig, wann denn endlich der ersehnte Nachwuchs käme. Wie die Urlaubspläne für das nächste Jahr aussahen. Und noch mehr Fragen, die einzig und allein darauf abzielten, ihn, Arthur, die Verachtung spüren zu lassen, die der Alte für ihn empfand. Eine Verachtung, die auf Gegenseitigkeit beruhte.

Seit seiner Jugend hatte sich Arthur unzählige Male den Tag vorgestellt, an dem er Rache nehmen würde. Heute war der Tag gekommen. In wenigen Stunden würde mit dem Familientheater Schluss sein, ein für allemal. Die Entwicklungen der letzten Wochen hatten ihn endlich den Mut dazu aufbringen lassen. Es schien ihm, als hätten sein Vater und Melinda einen Wettkampf ausgerufen, wer ihm die größte Demütigung beibringen konnte. Kaum ein Tag, an dem der Alte nicht süffisant auf seine geschäftlichen Fehlschläge und horrenden Schulden angespielt hätte, die er gütigerweise wieder einmal beglichen hatte. Kaum ein Abend, an dem ihn Melinda nicht persönlich für ihr verkorkstes Leben und ihre Isolation in der Villa am Stadtrand verantwortlich machte. Arthur hatte festgestellt, dass sein persönliches Fass überlief. Die Zeit zu handeln war gekommen. Er würde das feiste Gesicht des Alten nur noch wenige Stunden ertragen müssen, und dann wären all seine Probleme gelöst.

Arthur streifte sich das leichte Sakko über und marschierte durch die Gänge der Ferienvilla in Richtung der Aussichtsterrasse. In seinem Kopf legte er sich bereits einige Sätze für das zu erwartende Tischgespräch zu Recht. Diesmal würde er sich nicht in die Defensive drängen lassen von seiner hysterischen Frau mit den ewigen Anklagen und von seinem selbstgerechten und zynischen Vater. Der Anflug eines Lächelns huschte über Arthurs Gesicht, dessen tiefe Furchen ihn wesentlich älter erscheinen ließen, als er eigentlich war.
Fast schon beschwingt nahm er die Stufen hinauf zur Terrasse. Vor ihm eröffnete sich ein atemberaubender Ausblick. Nur ein paar wie zufällig hingeworfene Felsen trennten die Villa vom offenen Meer. Leise klatschten die Wellen gegen das Gestein, im Hintergrund tauchte die untergehende Abendsonne die Szenerie in ein sattes Orange.

"Ist es nicht herrlich, mein Sohn?", fragte Friedrich, der ihn heraufkommen gehört haben musste. Er drehte sich nicht zu Arthur um, sondern breitete die Arme aus, so als wollte er die Sonne einfangen. Arthur hasste die romantische Ader seines Vaters. Schon immer hatte der Alte von Gemälden geschwärmt, von Literatur, von Sonnenuntergängen über dem Meer, so als hätten all diese Dinge Bedeutung für das wahre Leben. Friedrich liebte es, sich als Mann von Welt zu präsentieren – als einen, dem die schönen Künste mehr bedeuteten als all die Millionen, die er mit seiner Firma scheffelte.

Dabei war es ein offenes Geheimnis, dass Friedrich einen Monet nicht von einem Rembrandt unterscheiden konnte und von Grieg genauso wenig Ahnung hatte wie von Liszt. Doch er kannte all diese Namen und ließ sie im Smalltalk an den richtigen Stellen fallen, und das genügte, um in den Kreisen, in denen er sich bewegte, als Kenner zu gelten. Arthur wusste darüber Bescheid, und Friedrich war sich darüber im Klaren, dass sein Sohn das wusste. Doch in ihrer Familie brachte man derlei Angelegenheiten nicht zur Sprache. Bald gibst du die Rolle des Romantikers ab, alter Mann, dachte Arthur.

"Ist Melinda noch nicht da?", erwiderte er die Frage seines Vaters.
"Warum fragst du das mich, mein Sohn?". Jetzt hatte der Alte sich umgedreht und sein breites, hämisches Grinsen aufgesetzt. "Du solltest doch wissen, wo sich deine schöne Frau herumtreibt." Die Abendsonne reflektierte so stark von seiner Glatze, dass Arthur die Augen zusammenkneifen musste.
"Ist schon gut, Vater. Lassen wir das." Sein Blick streifte den reich gedeckten Tisch, der genau in der Mitte der malerischen Terrasse vor dem malerischen Sonnenuntergang aufgebaut war. Weingläser schimmerten verführerisch im Abendlicht.
"Ich mache mir Sorgen um euch. Ihr scheint nicht genug Zeit miteinander zu verbringen. Ein Ehepaar muss immer viel zusammen unternehmen, damit die Liebe nicht verloren geht, mein Sohn. Vor allem im Urlaub."
Arthur sah zu seinem Vater hin und unterdrückte mit aller Macht die aufkeimende Wut in seinem Innersten. "Erstens, Vater, musst du mich nicht ständig so nennen. Ich weiß zu gut, dass ich dein Sohn bin. Zweitens bin ich der Ansicht, dass Tipps für eine gesunde Ehe ausgerechnet aus deinem Munde ein wenig ironisch klingen."
"Ach was. Deine Mutter und ich haben uns geliebt. Wir haben alles versucht, um zusammen glücklich zu sein. Aber das Schicksal hat es nicht gewollt. Du weißt so gut wie ich, dass sie mich nie wirklich hatte verlassen wollen."
"Natürlich weiß ich das. Das Schicksal, natürlich." Arthur zwang sich, den sarkastischen Ton in seiner Antwort abzumildern.

Welchen Eifer hatte sein Vater damals, vor über zwanzig Jahren, an den Tag legen müssen, um einen Skandal zu verhindern. Es war ja auch wahrlich ein zynischer Zufall, dass Friedrichs Frau bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam, wenige Tage nachdem sie die Scheidung eingereicht hatte, bei der ihr laut Ehevertrag die Hälfte des Vermögens zugestanden hätte. Nach dem Unfall hatten einige Zeitungen begonnen, nachzuforschen und unangenehme Fragen hinsichtlich der Zusammenhänge zu stellen. Und Friedrich hatte die besten Anwälte beauftragen müssen, um sie zum Schweigen zu bringen.

Wie über so viele andere Dinge hatte Arthur mit seinem Vater nie offen darüber gesprochen. Doch es lag auf der Hand, dass der Alte beim Tod seiner Mutter die Finger im Spiel gehabt hatte. Er war nur zu schlau gewesen, sich etwas nachweisen zu lassen. Die Rolle des trauernden Witwers hatte er jedenfalls mit Bravour gespielt und sich tatsächlich ein knappes Jahr jede Affäre verkniffen. Was ihm während seiner Ehe nur selten gelungen war.

"Sieh an, da kommt sie ja, meine schöne Schwiegertochter." Geradezu beflissen eilte Friedrich Melinda entgegen, nahm sie bei der Hand und geleitete sie zum Geländer. "Ist die Aussicht auf Ischia nicht herrlich?", rief er, und sie pflichtete ihm eifrig bei. Fast überschlug sich ihre Stimme, als sie ihre Begeisterung bekundete.
Natürlich, dachte Arthur. Melinda war Meisterin darin, sich bei ihrem Schwiegervater lieb Kind zu machen. In ihrer Gegenwart konnte Friedrich nichts Falsches sagen, und grundsätzlich war sie mit ihm stets einer Meinung. Wohingegen er, ihr Ehemann, stets Ansichten vertrat, über die man höchstens den Kopf schütteln konnte. Noch vor kurzem hatte ihn ihre Verachtung gekränkt, doch nun war Melinda ihm schlichtweg egal. Und wo es ihn früher erzürnt hätte, dass seine Gattin ihn seit ihrer Ankunft auf der Terrasse keines Blickes und erst recht keines Wortes gewürdigt hatte, so nahm er ihre Arroganz jetzt mit einer grimmigen Belustigung zur Kenntnis. Auch für Melinda würde sich in Kürze einiges ändern. Zum Schlechten.

Die Gute vertraute offenbar immer noch darauf, dass Friedrich sie in seinem Testament zur Haupterbin des Vermögens gemacht hatte. Auf dieses Ziel arbeitete sie seit Jahren verbissen hin. Leider umsonst, dachte Arthur hämisch grinsend. Es gab keinen Zweifel daran, dass er als einziger Sohn des Patriarchen zum Alleinerben bestimmt war. Egal, wie sehr ihn sein Vater auch hasste und umgekehrt – das Geld würde nach Friedrichs Ableben in der Familie bleiben. Und er wäre endlich alle Sorgen los. Noch heute Abend. In wenigen Stunden.

"Guten Abend, Schatz." Melinda stand jetzt vor ihm, Hass in ihren Augen, kalte Verachtung in ihrer Stimme.
"Guten Abend, mein Engel. Ich hoffe, du hast dich gut erholt in den letzten Stunden?"
"Das habe ich. Du warst ja nicht da."
"Wie schön du bist, wenn du deiner Wut auf die Welt im Allgemeinen freien Lauf lässt. Und auf mich im Allgemeinen. Hast du heute schon mit deiner nach meinem Ebenbild gestalteten Voodoo-Puppe gespielt?"
"Ach, Arthur. Was sind wir doch für ein Traumpaar. Wie schade, dass wir keine Kinder in die Welt gesetzt haben." Ohne ihn zu Wort kommen zu lassen, fügte sie hinzu: "Jetzt lass uns essen."

Damit war der Nettigkeiten genug ausgetauscht. Friedrich verließ seinen Posten am Aussichtspunkt und bat seinen Sohn samt Schwiegertochter zu Tisch. Der alte Kellner Francesco servierte eine Suppe als Vorspeise. Ein paar unnütze Worte fielen, nichts als Smalltalk. Dann herrschte Schweigen an der Tafel. Jeder wartete darauf, dass der jeweils andere eine richtige Konversation in Gang setzen würde.
"Der Wein schmeckt hervorragend, lieber Friedrich", sagte Melinda mit süßlichem Klang in der Stimme. Arthur musste zugeben, dass seine Frau fabelhaft aussah in ihrem Sommerkleid. Damals, als er noch an eine rosige Zukunft geglaubt hatte, war sie die Allerschönste gewesen. Eine anmutige und zauberhafte Elfe, die ihm auf den wilden Uni-Feten gehörig den Kopf verdreht hatte. Schön war sie immer noch. Doch ansonsten war alles anders geworden.
"Du schmeichelst mir, liebe Melinda." Friedrich prostete ihr zu. Doch seine Miene verriet plötzlich eine gewisse Anspannung. Die blendende Laune von vorhin schien verflogen. Als würde er über eine schwere Entscheidung nachgrübeln, blickte Friedrich einige Sekunden auf den Suppenlöffel in seiner Hand. Ein Seitenblick zu Melinda verriet Arthur, dass auch ihr Friedrichs Zerstreutheit nicht entgangen war.
"Ist etwas, Vater? Du wirkst besorgt."
"Ach weißt du, mein Sohn… Arthur, meine ich…" An dieser Stelle sah der Alte ihn mit seltsamem Ernst an, ohne das sonstige selbstgefällige Lächeln. "Wir drei sitzen hier beisammen, unter diesem paradiesischen Himmel, direkt am Meer. Wir hören die Wellen gegen die Felsen klatschen. Um unser Essen müssen wir uns nicht selbst kümmern, es wird uns gekocht und gebracht. Von Leuten, die wir dafür bezahlen, weil wir es uns leisten können. Uns geht es so gut, dass wir es oft kaum zu schätzen wissen. Was ich damit sagen will, ist … nun, es ist so…"

Gebannt blickten Arthur und Melinda über den Tisch auf den Patriarchen, der auf einmal sehr zerbrechlich wirkte.
"Ihr wisst, dass ich immer viel auf meine Familie gehalten habe. Und deshalb war es mir auch so wichtig, dass wir drei hier zusammen in den Urlaub fahren, auf diese paradiesische Insel. Ich, mein Sohn und meine bezaubernde Schwiegertochter." Wieder ein wissendes Lächeln, das Melinda erwiderte. Komm endlich zur Sache, dachte Arthur.
"In meinem Leben habe ich viel erreicht. Vom bettelarmen Studenten, dessen Eltern ihm nicht einmal die Zugfahrkarte nach München vorstrecken konnten, habe ich es zu einem der erfolgreichsten Bauunternehmer des Landes gebracht. Finanziell habe ich schon längst ausgesorgt. Und auch, wenn nicht alle in meiner Familie mit ihren eigenen Unternehmungen derart viel Erfolg hatten –", und an dieser Stelle fixierte er seinen Sohn, "kann ich sagen, dass ich ein sehr glücklicher Mensch bin. Und deshalb fällt es mir noch schwerer, euch das mitzuteilen, was ich mitteilen muss." Er stockte.
"Was?", fragten Arthur und Melinda fast gleichzeitig.
Friedrich nahm einen tiefen Schluck aus dem Weinglas. "Ich werde sterben."

(ENDE DER LESEPROBE)

Auf der Aussichtsterrasse seines Urlaubsdomizils am Meer versammelt der Großindustrielle Friedrich seinen Sohn samt Schwiegertochter zum Abendessen. Er hat ihnen eine wichtige Mitteilung zu machen. Doch er ahnt nicht, welche Kette von Ereignissen er damit in Gang setzt. Am Ende steht die Erkenntnis, dass der Mensch ohne Leben so gut wie tot ist.

Eine Kurzgeschichte über die Sehnsucht nach persönlicher Freiheit, über Eitelkeiten und Moral - und über Essen. Siegertitel beim 79. "Wortspiel"-Wettbewerb auf www.bookrix.de im Juni 2015. "Das Abendessen am Meer" ist im Erzählband "Zufällige Bekanntschaften" des Autors enthalten (eBook / Taschenbuch).

Veröffentlicht / Quelle: 
Veröffentlicht im Sammelband "Zufällige Bekanntschaften" des Autors (Taschenbuch / eBook)

Buchempfehlung:

Rechtshinweis:
Dieser Beitrag ist urheberrechtlich oder durch Copyright geschützt und darf ohne Genehmigung nicht verwendet werden.

Interne Verweise

Neuen Kommentar schreiben