Verkünder der Wahrheit

von Mark Read
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Gegen neun Uhr am Morgen verspürte er bereits wieder dieses nervöse Kribbeln am ganzen Körper. So viel Dummheit in einem so kurzen Text! Das konnte er nicht unkommentiert stehen lassen. Die Zeit war gekommen, ein weiteres Mal die Wahrheit auszusprechen. Den Menschen mussten wieder einmal die Augen geöffnet werden. Er holte tief Luft und legte los.

"Sie haben doch keine Ahnung", hackte er in die Tastatur seines Laptops. "Es ist doch sonnenklar, dass wir alle nur verarscht und am Nasenring durch die Manege der Politik gezogen werden." Nach diesem Satz legte er eine Kunstpause ein und betrachtete die soeben geschriebenen Zeilen wie ein Maler sein Werk. Jetzt nur nicht nachlassen. Auf die Wut fokussieren. Alles muss raus! Mit Wucht hämmerte er weiter auf die Tasten ein. "Aber von einem, der noch wählen geht und an den so genannten 'Volkswillen' glaubt, darf man so viel Klarsicht wohl auch nicht erwarten. Dumm leben, dumm sterben!". Nach diesem, wie er fand, gewitzten Ende klickte er auf den "Absenden"-Button seines Browsers.

Oftmals stellte er sich bildlich vor, wie seine flammenden Worte den Weg durch die Bahnen des weltweiten Netzes finden und als Online-Kommentar unter dem Artikel einer großen Zeitung auftauchen würden. Als Truppe heldenhafter Soldaten in schillernden Rüstungen schlugen sich seine Worte heldenhaft einen Weg durch das Dickicht der Unvernunft. Furchtlos verscheuchten sie dabei die Dorftrottel und Wegelagerer, als die alle anderen Internetnutzer in seiner Vorstellung auftauchten. Er hielt sich nicht für eitel, doch ein kleines bisschen Stolz auf die Aufklärungsarbeit, die er Tag für Tag betrieb, war schon da. Er war der Verkünder der Wahrheit.
Wie immer ergötzte er sich auch jetzt an diesem schönsten aller Gedanken: dass irgendein Gutmensch am anderen Ende der Internetleitung in diesem Augenblick vor dem Computer saß und sich beim Lesen seines Kommentars furchtbar aufregte. Wieder einer, dessen Weltbild er zumindest ein wenig ins Wanken bringen würde. Dafür lohnte sich doch der ganze Aufwand. Der unermüdliche Einsatz, den er jeden Tag erbrachte, wurde dann belohnt.

Ungeduldig klickte er auf den "Aktualisieren"-Button seines Browsers. Ja, sein Kommentar war bereits unter dem Artikel zu lesen, doch noch hatte niemand darauf reagiert. Aber er ließ sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Noch nicht. Es war eine der klickstärksten Nachrichtenseiten im Netz, und das Thema ein bedeutendes, das in allen großen Massenmedien besprochen wurde. Eines hatte er in all den Jahren gelernt, die er nun schon im Internet die Wahrheit verkündete: Irgendjemand antwortete immer, wenn man nur laut genug brüllte. Die Leute vertrugen die Wahrheit einfach nicht.
Wenn er daran dachte, wie viele Menschen da draußen das Internet einfach nur als Informationsmedium nutzten und nicht, um ihre Meinung kundzutun, dann konnte er nur den Kopf schütteln. Unmündige Konsumenten, die alles fraßen, was man ihnen vorsetzte. Er war anders, ja vielleicht war er doch etwas besonderes. Ein großer Denker. Vielleicht, dachte er süffisant, würden die Menschen seine wahre Größe erst dann erkennen, wenn er nicht mehr da war. In seinem unrasierten Gesicht verzogen sich die Mundwinkel zu einem spöttischen Lächeln.

Während er darauf wartete, dass endlich ein anderer User auf seine provokanten Worte reagieren würde, öffnete er einen weiteren Artikel auf der Webseite der Zeitung. Es ging darin um einen bekannten US-Schauspieler, der in einem Interview über die schwierige Zeit sprach, als er nach der Scheidung von seiner Frau seine Kinder alleine großziehen musste.

Es war wieder soweit. Er wusste, dass er so einen Bockmist nicht ungestraft dort stehen lassen konnte. Mit vor Wut zitternder Hand fing er an zu tippen. "Aha - mir kommen die Tränen." Ha, ein sarkastischer Einstieg. Immer gut, um die anderen Leser gleich zu Beginn zu provozieren. "Hat der Herr denn etwa vergessen, dass er mit den Millionen auf seine Konto eine ganze Schar an Kindermädchen kaufen kann, die sich rund um die Uhr um den Nachwuchs kümmern?" Stimmt doch, dachte er bei sich. Das muss man doch mal sagen dürfen. "Er soll aufhören, sich hier zum Helden zu stilisieren. Es gibt hunderttausende allein erziehende Eltern da draußen, deren Leben viel anstrengender ist als das dieses auf Rosen gebetteten Leinwandfuzzis. Kinder sind ein Geschenk, das dieser Kerl gar nicht verdient hat." Das gefiel ihm - Leinwandfuzzi. Unwillkürlich musste er grinsen, als er auf den "Absenden"-Button drückte.

Er hob seinen massigen Körper aus dem Ikea-Sessel, der im unaufgeräumten Wohnzimmer aus einem Meer leerer Pizzaschachteln emporragte, und goss sich noch einen Kaffee ein. Draußen im Hof lärmten diese schrecklichen Kinder schon wieder herum. Er hasste Kinder. Sie waren unprofessionell, unberechenbar und schienen den ganzen Tag nichts zu tun außer Schreien und Lachen. Er war jeden Tag dankbar dafür, dass er kein blödes Balg um sich herum hatte, das ihn von den wirklich wichtigen Dingen ablenkte, mit denen er sich zu befassen hatte. Doch außer den lärmenden Kindern im Hof machte ihm jetzt zusätzlich noch die verfluchte Sonne zu schaffen, die sogar durch die geschlossenen Jalousien hindurch noch viel zu viel Licht in die Wohnung ließ. Ekelhaft. So konnte man doch nicht arbeiten. Er kratzte sich am Kopf, wo das Haar in den letzten Jahren den sinnlosen Kampf endgültig aufgegeben hatte und einer Glatze gewichen war, die das grobschlächtige in seinem Gesicht nur noch betonte. Mit einem lauten Schnaufen ließ er sich wieder zurück in den Ikea-Sessel plumpsen, der unter seiner Last ein leises Stöhnen von sich gab.
Was hatte er eigentlich früher gemacht, bevor es das Internet gab? Er konnte sich kaum noch daran erinnern. Irgendwann einmal hatte er eine Schule besucht, danach eine Ausbildung gemacht. Er hatte viel gelesen und ferngesehen. Irgendwann hatte er ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, sich zu verlieben. Im Nachhinein war er froh, dass ihm gleich mehrere Frauen deutlich gemacht hatten, dass er es bei ihnen gar nicht erst versuchen sollte. Denn wer braucht schon die Liebe? Die Hormone sind der natürliche Feind des klaren Gedankens.

Er konnte mit absoluter Sicherheit sagen, dass sein Leben ein unglückliches gewesen war, bevor das Internet erfunden wurde. Zu jener Zeit konnte er nur in seinem damals noch existierenden Bekanntenkreis seine Meinung loswerden. Und da hatte es immer das Risiko einer direkten Gegenrede gegeben, der er sich stellen musste.

Diese frühe Kurzgeschichte entstand im Jahr 2013 und wurde im Sammelband "Bevor es zu spät ist" auch in Buchform veröffentlicht.

Veröffentlicht / Quelle: 
Im Sammelband des Autors "Bevor es zu spät ist" (Taschenbuch und eBook bei Amazon)

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