Einmal, irgendwann

Bild von Mark Read
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Er sah vom Klippenrundweg hinab auf das Meer. Immer wieder musste er kurz die Augen schließen. Der Wind peitschte ihm mit stoischer Verbissenheit neue Salven ins Gesicht, die ihm regelmäßig für kurze Zeit die Luft zum Atmen raubten.
Unten, am Fuße der Klippen, spielte sich ein seit Jahrtausenden unverändertes Schauspiel ab. Wieder und wieder klatschten die vom Wind angestachelten Wellen der Nordsee gegen den Felsen aus Buntsandstein, der sich fast vierzig Kilometer von der Küste entfernt aus dem Wasser erhob und den Gezeiten seit jeher mit kühler Eleganz trotzte. Schon vor tausenden von Jahren hatten Menschen hier oben gestanden und genau dasselbe beobachtet wie er. Jedes Jahr bewunderten tausende anderer Besucher den gleichen Anblick, und es war nicht ausgeschlossen, dass sich manchem dabei die Kehle so zusammenzog wie ihm.

Und doch fühlte er sich für einige Sekunden einzigartig.

Er folgte dem Pfad an der Steilküste entlang bis hinter die nächste Kurve, wo kleine Grashügel die Wucht des Windes etwas abmilderten. Zu seiner Rechten erhob sich nun der Leuchtturm der Insel, das einzige Gebäude, welches den letzten Krieg und die damit einhergehende Zerstörung des Ortes überstanden hatte. Wie ein steinernes Mahnmal erhob sich der Turm inmitten einer aus Bombenkratern geformten Hügellandschaft.
Die Bewohner der Insel hatten, als sie nach dem Krieg in ihre zertrümmerte und entstellte Heimat zurückkehren durften, nur den südlichen Teil des Felsens sowie das zu seinen Füßen liegende Unterland besiedelt, wo sich heute Hotels, Restaurants, Kneipen und kleine Läden um die Bedürfnisse der Tagestouristen und Übernachtungsgäste vom Festland kümmerten. Doch den Bereich um den Leuchtturm hatte nie jemand begradigt und bebaut, fast so als sollten die Hügel für immer daran erinnern, dass hier vor nicht allzu langer Zeit einmal Bomben fielen und Menschen für eine Sache starben, die an Sinnlosigkeit nicht zu überbieten war.

Er wandte den Blick vom Turm ab und sah nach vorne, obwohl der Wind ihn von dort nun erneut wütend attackierte. Der Klippenrundweg führte ihn entlang an zerklüfteten Buchten, die das Meer dem roten Felsen in langer und zäher Arbeit abgerungen hatte. Die Einbuchtungen, Aushöhlungen und Furchen im Gestein erschienen ihm wie das Werk eines Bildhauers. Als hätte die Hand eines Künstlers immer wieder kleine Detailarbeiten vorgenommen, hier eine Kerbe gemacht, dort einen Felsvorsprung stehen gelassen. Als hätte sich der Künstler irgendwann zurückgelehnt, sein Werk betrachtet und zufrieden in seinen Bart – er stellte sich Künstler immer mit Bart vor – hinein gemurmelt: "Gut so".
Doch all die Gesteinsformationen waren ohne jegliche menschliche Einwirkung entstanden, einfach nur durch das Ringen der Naturgewalten. Wie überhaupt, kam es ihm nun in den Sinn, dieser Felsen draußen im Meer so viel älter war als alles, was der Mensch erschaffen hatte. Er war da, bevor es seine Bewohner gab, bevor die kleinen Häuschen auf seinem Rücken errichtet wurden, die Vogelwarte, die Inselschule, der Leuchtturm. Und er würde all diese von Menschenhand errichteten Gebilde auch überdauern – vorausgesetzt, kein erneuter Krieg würde ihn endgültig im Meer versenken.

Er fand eine Sitzbank, die einen prachtvollen Blick auf das wogende Meer bot und auch auf den Lummenfelsen. In den Ritzen und Spalten dieser Felsenzunge nisteten tausende Möwen, Bassstölpel oder Trottellummen, brüteten oder bereiteten ihre Jungen auf ein Leben in dieser rauen Umgebung vor. Das Geschrei der Vögel war über Kilometer hinweg zu hören. Sie beobachten zu können, wie sie gegen den Wind kämpften oder sich von ihm anmutig tragen ließen, wie sie sich vom Felsen hinab stürzten, in der Hoffnung, dass ihre Flugfähigkeit schon ausreichte, um wieder nach oben zu kommen, war ein Privileg, das ein Bewohner einer Großstadt sonst nicht erleben konnte.

Er hatte diese Faszination schon bei seinem ersten Besuch am Lummenfelsen wenige Tage zuvor gespürt, als er den Vögeln stundenlang zugesehen hatte. Ihr Dasein faszinierte ihn, ihr anspruchsloses, beflissenes und doch mit Sicherheit glückliches Leben.
Nach einigem Zögern hatte er sich selbst zugestanden, ebenfalls so etwas wie ein Glücksgefühl zu verspüren. Zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit hatte er sich zufrieden gefühlt und auf seltsame Weise aufgehoben. Ausgerechnet hier, weit draußen auf dem Meer, weit weg von der Stadt, der Arbeit und dem, was er Privatleben nannte.

Auch am darauf folgenden Tag, als er am Strand der winzigen Nebeninsel Seehunde und Kegelrobben gesehen hatte, traf ihn die Erkenntnis ähnlich unvermittelt. Als er die schlafenden und spielenden Tiere aus nächster Nähe sehen durfte, war er glücklich. Er fühlte, dass er besondere Erfahrungen machte, die ihn zu einem anderen Menschen machten. Er hatte nicht geahnt, dass es so einfach sein würde, alles zu vergessen. Sonst wäre er schon viel früher auf die Insel gekommen.

Nicht zum ersten Mal fragte er sich, ob die Bewohner dieses Eilands glückliche Menschen waren – und ob er selbst etwas von diesem Glück würde abhaben könnte, wenn er einfach hier bliebe.
Der Gedanke hatte sich längst in seinem Kopf festgesetzt und breitete sich dort aus. Anfangs hatte er ihn natürlich nicht zugelassen. Doch je glücklicher er sich fühlte, desto weniger abwegig erschien ihm diese Vorstellung.
Irgendeine Arbeitsstelle würde er hier schon finden, vielleicht am Hafen oder als Thekenkraft in einer der Kneipen. Ein Dach über dem Kopf würde sich auch ergeben, vielleicht würde er sich auch ein kleines Häuschen mit Blick auf die See leisten können. Die Immobilienpreise konnten hier kaum schlimmer sein als in Hamburg. Und die Lebensqualität dafür mit Sicherheit ungleich höher.

Ja, er würde vergessen, wie es war, dringende Geschäftstermine und Meetings zu haben oder sich in eine überfüllte U-Bahn im Berufsverkehr quetschen zu müssen. Nur noch das Schreien der Möwen und das An- und Ablegen der Fähren würden seinen Lebensrhythmus bestimmen. Und vielleicht, dachte er nicht ohne Spott, würde es ihm in der Inselgemeinschaft auch einfacher fallen, die wahre Liebe zu finden. Er würde eine Insulanerin lieben und heiraten – eine Frau, die aufgrund ihrer Herkunft gelernt hatte, ihre Prioritäten anders zu setzen als die übersättigten und selbstverliebten Kreaturen der Großstadt. Ja, dachte er nun erneut, es war möglich.

Eine Menschengruppe kam aus Richtung des Ortes den Rundweg entlang. Er erkannte schnell, dass es Touristen waren. Das laute Geplapper verriet sie, das dümmliche Erstaunen über die unberührte Natur. Bevor die Gruppe ihn erreichen konnte, stand er auf und ging seinerseits weiter den Rundweg entlang. Am Lummenfelsen fotografierten weitere Schaulustige mit teils professioneller Ausrüstung die Vögel, die unbeeindruckt ihren Kampf gegen die Natur fortsetzen.
Weiter den Pfad hinab kam er am heimlichen Wahrzeichen der Insel vorbei, einem frei stehenden, durch Erosion aus dem Massiv herausgelösten Felsen. Wie eine spitze Nadel ragte er in den Himmel, die Einheimischen hatten ihm liebevoll den Namen einer Frau verpasst. Man konnte den Felsen nicht mehr betreten. Die schmale Verbindung zur Insel war schon vor langer Zeit vom Meer abgetragen worden.

Ihm gefiel die Vorstellung, dass die Frau, die dem Felsen den Namen gab, selbst für ihre hartnäckigsten Verehrer unerreichbar war.

Er hatte nun die Nordspitze der Insel erreicht und folgte dem schmalen Weg nach rechts an der Ostküste des Felsens entlang.
Der Gedanke, dass das Glück, das er daheim vermisste und suchte, hier zu finden war, weitab vom Trubel des Festlandes, er ließ ihn nicht los.
Immer genauer besah er sich die Häuser in der Siedlung im Oberland, die er mittlerweile wieder erreicht hatte. Es waren kleine, unscheinbare Häuschen aus der Nachkriegszeit. Gebäude, die aus den Städten des Festlandes größtenteils verschwunden waren, die mit dieser Insel und ihrer Geschichte aber untrennbar verbunden waren. Wer hier lebte, brauchte keinen Luxus, sondern begnügte sich mit dem Ausblick auf das Meer und der Dorfgemeinschaft.

Eine Garage hatte hier niemand, denn es gab auf der Insel keine Autos, ja es gab überhaupt keinen motorisierten Verkehr. Die Insulaner brauchten auch keine Statussymbole, und nichts anderes waren Autos ja mittlerweile für die allermeisten Menschen auf dem Festland. Wer hier lebte, weit draußen im Meer, musste mit den anderen zusammenarbeiten, sonst wurde das Leben für alle härter.
Der Gedanke, aus seinem Hamsterrad auszubrechen und sich hier niederzulassen, erschien ihm immer verlockender. Was mochte eines dieser kleinen Häuser wohl kosten? Er besah sich die Aushänge auf dem schwarzen Brett in der Nähe der Dorfkirche. Unauffällig belauschte er die Unterhaltungen der Inselbewohner im kleinen Supermarkt. Was waren das für Leute? Wie würde er mit ihnen auskommen, wie groß war die Umstellung? Schnell stellte er fest, dass es freundliche, gut gelaunte und genügsame Menschen waren, genau der Schlag, den er in seiner jetzigen Verfassung benötigte. Schon sah er sich als einen von ihnen, scherzend mit seinen neuen Kumpels, der älteren Dame von Gegenüber eine neckische Bemerkung zuwerfend, zufrieden mit seinem Dasein und im Einklang mit sich selbst.

Ein völlig neuer Lebensgeist durchströmte ihn. Wie weggeblasen waren die Probleme der letzten Monate, der Streit im Privaten, der Stress im Beruf. Plötzlich begann er, Pläne zu schmieden. Pläne für ein Leben, das ihm noch vor wenigen Tagen nicht nur unmöglich, sondern auch unvorstellbar erschienen war.
Doch nun war er soweit. Diesmal würde er es endlich durchziehen. Am Ende seines Rundgangs stellte er sich an die Aussichtsplattform auf dem Oberland und blickte hinab auf die Häuser, auf den Hafen und natürlich das weite, aufgewühlte und doch anheimelnde Meer. "Ein neues Leben", sagte er, halb für sich, halb für den Wind, der seine Worte davontrug, so dass sie jeder hören konnte. "Ein glückliches Leben."

Am Tag darauf herrschte reges Treiben an der Landungsbrücke, von wo aus die Fähre zum Festland ablegte. Er musste sich in eine lange Schlange von Touristen einreihen, die neben ihrem Reisegepäck auch Tüten voller zollfreier Einkäufe trugen. Ihre Zeit auf der Insel ging nun zu Ende, wie auch seine. Sie wurden wieder in ihre gewohnte Existenz zurückgespült, wie auch er. Und er konnte es kaum erwarten.
Der Wind vom Vortag hatte sich mittlerweile komplett gelegt. Die Sonne schickte ihre wärmenden Strahlen hinab auf den roten Felsen im Ozean. Während er mit seinem Koffer in der Schlange stand und wartete, bis die Schiffsbesatzung endlich die Gangway zum Einsteigen freigab, während er unruhig von einem Fuß auf den anderen wippte, tippte er pausenlos Nachrichten in sein Handy.
"Es war so schön, dass du dich gestern gemeldet hast", lautete eine von ihnen. "Es tat so gut, dass wir endlich über alles reden konnten", schrieb er weiter, und: "Ich weiß jetzt, dass wir zusammen gehören. Ich liebe dich über alles." Als der Weg auf das Schiff endlich freigegeben wurde, tippte er hastig: "Ich eile zu dir, so schnell ich kann."

Im Inneren verstaute er sein Gepäck und beobachtete dann durch das Fenster die Schiffsbesatzung, die es seiner Meinung nach etwas zu ruhig angehen ließ. Wieso mussten die jetzt noch so lange miteinander plaudern und scherzen? Hatten sie denn keinen Feierabend, in dem sie ihre Unterhaltung führen konnten?
Endlich, mit etwa zehnminütiger Verspätung, legte die Fähre ab und begann ihre Überfahrt in Richtung Festland. Er stand am hinteren Deck und blickte zurück auf den roten Felsen, der schnell immer kleiner wurde. Als er die Erlebnisse der letzten Tage noch einmal Revue passieren ließ, drängte sich kurz ein unbestimmbares Glücksgefühl in ihm auf, das ihn verwirrte. Ein Seufzer entrang sich seiner Brust. Einmal, irgendwann, bestimmt, würde er es durchziehen.

Geschrieben im Frühjahr 2014, nach einem Besuch auf Deutschlands einziger Hochseeinsel.

Felsen "Lange Anna" auf Helgoland / (c) Mark Read 2014
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Kommentare

15. Jan 2017

Ein eindrucksvoller Rundgang über Helgoland mit Tiefsinn. Hat mir gefallen. Mit dem unverhofften - sicherlich wegen der Entspannung - positiv von mir empfundenen Ausklang. Toll!
LG Monika

15. Jan 2017

Das freut mich zu lesen, vielen Dank! Und ja, der Ausklang lässt sich verschieden deuten - so wie es sein soll :)
Viele Grüße, Mark