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Tante Elsie und die Syrier

Bild von Annelie Kelch
Bibliothek

Tante Elsie war ein herzensguter Mensch und in ihrem Bekanntenkreis sehr beliebt; es war jedoch nicht zu übersehen, dass sie mit zunehmendem Alter schrullig wurde.

Wenige Wochen nach ihrem 84. Geburtstag beschloss unser Magistrat, auf dem Fußballfeld, der an den Garten ihres Häuschens grenzte, vorübergehend Zelte für Flüchtlinge aus Syrien zu errichten. Tante Elsie war empört. Sie bangte um ihre Nacht- und Mittagsruhe, ihre Gartenfrüchte, die den Zweigen der knorrigen Obstbäume das Leben schwer machten, und nicht zuletzt um ihre Wäsche, die sie bei gutem Wetter auf dem Rasen trocknen ließ.

„Sie werden laut sein und mich stören; vorbei wird es sein mit dem dörflichen Frieden, den wir hier am Stadtrand genießen“, klagte sie, bevor auch nur ein einziger Hering in der Erde steckte.“

„Sei nicht albern, Mama“, sagte meine Cousine Ludmilla, Tante Elsies Tochter und einziges Kind. „Das hast du damals, als der Fußballplatz angelegt wurde, auch befürchtet, und neuerdings sitzt du fast jeden Sonntag auf deinem Klapphocker am Rand des Spielfelds, um die Heimspiele zu gucken. Hast wohl deine helle Freude an den schmucken Jungs?“ Ludmilla griente mich an, während Tante Elsie wie ein blutjunges Ding errötete und unsere Aufmerksamkeit auf ein anderes Thema lenkte. Sie wolle ihr Häuschen verkaufen und nach Florida ziehen. Dort würde Rücksicht auf alte Menschen genommen. Ludmilla und ich könnten sie ohnehin nicht leiden.

„Ein Leben in Florida wirst du dir auf Dauer nicht leisten können, Mama“, sagte Ludmilla. „Der Erlös für deine Hütte wird dort im Handumdrehen aufgebraucht sein.“
„Ich sterbe ja eh bald“, jammerte Tante Elsie mit gekränkter Miene. „Das ist es doch, was ihr beide wollt.“ Sie vergoss Tränenfluten, die ausgereicht hätten, ihren Vorgarten zu bewässern. Wir gaben uns alle Mühe, sie zu trösten.

Ludmilla, die nur wenige Straßen von Tante Elsie entfernt ein kleines Appartement besaß, war als Zugbegleiterin selten zu Hause, weshalb ich mich verpflichtet fühlte, mich um Tante Elsie zu kümmern. Nahezu täglich fuhr ich nach Feierabend in die kleine Vorstadtsiedlung, um nach dem Rechten zu sehen. Tante Elsie kochte jedes Mal Kaffee, und wir plauderten über alte Zeiten und diskutierten das Tagesgeschehen. Ich kann beim besten Willen nicht behaupten, dass ich mich in ihrer Gesellschaft gelangweilt hätte.

„Sie sind da, Elias“, klagte Tante Elsie eines Abends mit weinerlicher Stimme und deutete auf eine Gruppe Frauen und Männer, die vor den Zelten mit ihren Kindern spielten.
„Ach, wie schön“, sagte ich. „Die sehen doch alle sehr nett aus, nicht wahr, Tante Elsie? Und schau dir nur mal die Männer an: Die sind fast noch schlanker und schmucker als deine Fußballspieler.“
„Werd ja nicht frech, Elias! Das hätte ich dir nun wirklich nicht zugetraut, dass du dich über eine alte Frau wie mich lustig machst; das ist auch so ziemlich alles, was ihr beide könnt, Ludmilla und du“, schnauzte Tante Elsie mich an.
„Seit wann verstehst du keinen Spaß mehr, Tantchen“, versuchte ich die Wogen zu glätten und nahm sie in den Arm.

„Sie werden mein Obst und mein Gemüse stehlen, Elias ... alles, alles, alles ...!“ Tante Elsie sank in sich zusammen wie eine geplatzte Seifenblase, ihre hohe Altweiberstimme, die im hiesigen Kirchenchor beim Kyrieeleison sämtliche Stimmen ihrer Mitstreiterinnen übertönte, brach wie dünnes Glas, das zu Boden gefallen war.

Als ich mich am nächsten Abend bei ihr einfand, zitterte sie vor Angst am ganzen Körper.

„Ach, Mamutschka“, lächelte Ludmilla, die Urlaub genommen hatte, „vor diesen Leuten brauchst du dich nun wirklich nicht zu fürchten, im Gegenteil, wetten, dass die viel mehr Angst vor dir haben? Sollten sie auch – bei deiner Einstellung! Wie wäre es, wenn du mal einen Korb mit Obst rüberbringst. Du hast doch mehr als genug davon.“ ‑ Tante Elsie schnappte nach Luft.

Eines schönen Nachmittags, der Sommer lag in den letzten Zügen und Ludmilla kurvte längst wieder durch überfüllte Bahnabteile, erreichte mich Tante Elsies Telefonanruf im Büro.
„Elias, du wirst es nicht glauben“, schluchzte mein altes Tantchen, „aber vor meinem Gartenzaun lungern seit Stunden vier Flüchtlingskinder herum und starren mir die Äpfel von den Bäumen. Es dauert nicht mehr lange und sie stehen auf meiner Obstwiese.“

„Aber Tante Elsie“, versuchte ich sie zu beruhigen. „Denk doch nur mal an deine Jugendzeit zurück – als du Mitglied im schnöden Bund Deutscher Mädchen warst; da habt ihr doch laufend Äpfel geklaut. Das war damals doch sozusagen euer Hobby.“ Es tutete in der Leitung: Tante Elsie hatte den Hörer aufgelegt. Ich war zu weit gegangen.

Beunruhigt machte ich mich nach Feierabend auf den Weg in die kleine Siedlung und fand meine Tante der Länge nach auf dem Sofa vor, wimmernd wie ein kleines Kind. Gesicht und Arme, die bloß und blass aus der geblümten Sommerbluse hervorschauten, waren mit blauen Flecken übersät. Vor dem Sofa kniete ein etwa vierzehnjähriges Mädchen mit schwarzbraunem Haar und tellerrunden Augen. Sie strich meinem Tantchen übers wirre graue Haar und murmelte unverständliche Worte, die trotz aller Fremdheit fast zärtlich klangen. Ich kam aus dem Staunen nicht heraus: Meine ängstliche Tante ließ sich von einem Flüchtlingskind trösten.

„Das ist Sania Sulaiman, mein Junge“, sagte Tante Elsie mit sanfter Stimme. Sie kommt aus Syrien, ein ganz liebes Mädel.“ Ich bin auf den Stufen zur Terrasse gestolpert und hingefallen. Sania kam über den Zaun gehopst, hat mich aufgesammelt und ins Haus geschleppt. Dr. Schlohberger müsste gleich hier sein, um nachzuschauen, ob ich mir etwas gebrochen habe.

Mein Tantchen und Sania sind seither unzertrennlich. Die kleine Syrerin trägt Tante Elsies Einkaufstaschen und hilft ihr im Haushalt. Zeit ist nämlich das einzige, wovon das Mädel im Überfluss hat. Sie wartet darauf, an einem Deutschkurs teilnehmen zu dürfen, damit sie die Schule besuchen kann. Darauf freut sie sich wie andere Kinder sich aufs Weihnachtsfest freuen.
Tante Elsie, die Sunias Familie mit Obst und Gemüse versorgt, lernt jetzt Arabisch. Auf ihre Syrier lässt sie nichts kommen.
Ich besuche mein Tantchen nur noch selten. Sie hat eh keine Zeit mehr für mich und ist kaum noch zu Hause anzutreffen. Meistens hockt sie in irgendeinem Zelt auf dem Fußballplatz und erklärt ihren neuen Nachbarn, wie Deutschland tickt.

Interne Verweise