Freita...

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Prolog
Niemand kann sich dem Reiz des Tages und der Sucht des Schreibens entziehen.
Ich gehe in mich.
Ich versucht, reinen Tisch zu machen.
Jetzt.
Ohne alles zu töten. Ich will es nicht.
„Es bleibt bestimmt genug übrig.“
Zu tief sitzen das Schmerzhafte und das Schlimme – es bohrt sich tiefer. Der Fraß des Entsetzens geht immer weiter.
„Ich muss es tun, es muss geschehen, heute, vollziehe das töten, befreie Dich….......“.
Tiefer hinein, die doppelschneidige Klinge ist scharf.
Der Schnitt so kaum zu spüren wenn es rinnt. Der Reiz an dem Punkt der Erlösung noch entfernt. Die dicken Tropfen sind jeder ein Schrei in die Tränen.
Der Ort, wo es seinen Sitz des trostlosen Seins zu erreichen sucht, ist noch nicht erreicht. Ein leichtes Nachschieben bis der harte Widerstand zu spüren ist. Zweimal hat sie es gespürt, wo diese Erregung aufkam, ihr die Röte, der Schmerz, der Schrei ins Herz, dann in Rachen und Mund schoss, ohne Laut, verstummend.
Nur das zur grässlichen Fratze verzerrte Gesicht, das keinen Spiegel hat, zeigt ihre Beteiligung an der Zerrissenheit ihrer Seele, die Trostlosigkeit ihrer Existenz und das unendlich Vollkommene Zerstört sein ihres Daseins. Die Person, die ihr Körper ummantelt, existiert nicht. Die Pein zu mächtig, Erlebtes zu dominant, das Zerreißen aller ihrer Geheimnisse und subtilen Gefühle zu tief im Verrat entwurzelt und gedemütigt.
Nur dieser Schmerz kann für eine Zeit lindern, Ruhe stiften, und -vollbracht- ‚ ein wenig Freude spenden.
Endlich!
Nur schwer sind sie zu erkennen.
Vorne an der Tür ist alles voll von ihnen. Sie kommen immer, wenn ich alleine bin. Ich habe sie nicht gerufen.
Sie krabbeln von vorne, quer, an der Schwelle hin und her.
Sie beobachten mich.
Erst wenige. Immer sind es zuerst ganz wenige, dann, nach einer Zeit, mehr.
Dann tausende.
Näher kommend.
In meinen Raum eindringend, in mein Bewusstsein eindringend, mein Leben nehmend.
Mich nehmend.
Ich glaube sie freuen sich, wenn sie hier sein dürfen. Ich fühle ihre Freude, wenn sie meinen Schmerz spüren, wenn meine Verzweiflung aus mir hinaus zu ihnen hin, sie anschreit in die Stille, stumm.
Sie fühlen sich hier zu Hause.
Jeder Einzelne verbreitet dieses Gefühl.
Es ist eine Atmosphäre wie vor dem Gewitter, wenn es sich ankündigt, wenn die Luft anfängt zu klittern, sich verdichtet, und dann dieses Parfüm, diesen Duft, von schwefeligem Dampf, der sich kurz vorher bildet und verbreitet.
Kurz vor dem Gewitter riecht es, ja es stinkt nach faulen Eiern, und man fühlt es im Gesicht, das Unangenehme, das Stinkende, Ekelerregende.
Es stimmt etwas nicht, der Geruch sticht in die Nase, ins Gehirn, ins Bewusstsein,
Dann knallt es.
Ich schreie nie, nur still in mir.
Mein Gesicht verzieht sich, wenn ich etwas spüre.
Es riecht. Unerträglich, bedrohend, einsam machend.
Furcht breitet sich aus. In mir, um mich.
Sie verbreiten einen süßlich-bitteren, ekelerregenden, aber dennoch faszinierenden Duft. Es kommt von den Säften, die sie ausscheiden, zuerst fressen sie, dann scheiden sie aus, dann nehmen sie Besitz. Von allem.
Ich weiß nicht, wo sie herkommen.
„Ich weiß wer sie sind, ich weiß, wo sie zu Hause sind, und kenne sie dennoch nicht! Ich lehne es strikt ab, sie zu kennen. Immer, wenn ich genauer hinsehen möchte, ist es dunkel, dann schwarz. Ich träume mich.
In meinen Träumen sehe ich die Kindheit vor mir, wie ich bei meiner Großmutter Ferien machen dürfte, mit acht Jahren, gerade bin ich fünfzehn geworden.
Wenn ich bei meiner Großmutter bin, fühle ich mich immer gut, sie kocht so leckere Sachen, macht immer feinen Pudding für uns alle. Seine schweißige, klebrige Stirn klebt an meiner Wange, sein Atem stinkt, so wie die Jauchegrube im Garten. Der Garten war im Frühling voller Lilien. Das Blumenbeet verströmt immer einen süßen, bezaubernden, anziehenden Geruch, dem ich ich immer folgen muss, bis an den See….
Ich stelle mich vor die Nelken, es sind diese kleinen Beetnelken, die immer sehr stark duften. Sie sehen wunderschön aus. Seine Hand ist rau und dick. Sie bereitet mir bei jeder Berührung starke Schmerzen, es macht mich rasend still. Ich fühle mich selbst gerne. Warm und weich und jung und schön.
Für mich bin ich schön, ich liebe meinen Körper, aber mit diesen Händen in mir, spüre ich Verzweiflung, Abwehr und Eis. Die Großmutter erntet immer Lavendelbüschel. Sie bindet die Büschel zusammen. Von einem Teil schneidet sie die Blüten ab, füllte sie in ein Säckchen, näht sie zu und legt sie in die Wäsche im Schrank. Das Andere bindet sie mit Faden im Schrank fest, oder bugsiert so kleine Beutelchen zum Kopfende ans Bett für die süßen Träume meiner Jugend, unter mein Kopfkissen. Abends riecht es dann immer schön, ich mag diesen Duft von Lavendel und Wiese. Damit schlafe ich ein. Seine Hand verschwindet aus mir, nicht ohne - oben- noch einmal „gefühlt“zu haben. Sein Mundkuss ist ekelig, kotzerig. Sie krabbeln in meinem Mund, nehmen mir den Atem, die Luft, das Licht. Heute ist es wieder schwarz.
-
Sie bedrohen mich, sie bedrängen mich, sie fordern von mir Aufmerksamkeit, ständig.
Heute stehen sie an der Türschwelle. Wie eine Front zum Sturmangriff bereit.
Wartend.
Wann kommt das Kommando: „Schlagt los!“?
Der Schmerz ist unerträglich, Blut rinnt mir am Arm herunter, während meine Mutter wegschaut, immer wieder, beim Wäscheaufhängen, oder wenn sie einkaufen geht.
Ich fühle, wie sie wahrnimmt, was geschieht, wie seine Hand meinen Körper tastet, wie die Rauheit der Hände einen Schauer auslöst. Wie sich mein Unterleib zusammenzieht, mir zwischen den Beinen einen Krampf ausbildet, den ich nicht lösen kann, weil ich wie starr, zitternd hilflos bin, während ich darauf warte, dass es geschieht, was ich abwehren möchte, aber nicht kann.
Hilflos.
Er hechelt und stöhnt und stößt und dringt tief ein, um langsam herauszukommen, zu dem Schrei in die Stummheit, den seine vermeintlich zärtlichen, groben Hände, erwürgen. Er hat erreicht, dass ich ihm gehöre. Für diesen Moment gehöre ich ihm, ganz allein ihm. Nicht mehr mir, niemandem sonst, nur ihm, immer wieder.
Wartend, starr, mit allen Empfindungen erregt, aufgeregt, tot, gewähre ich was geschieht, wenn es geschieht, aber dennoch abwehrend im Bewusstsein der Erfolglosigkeit.
Es tropft.
Am Boden rinnt es zu einer kleinen Pfütze.
Rot mischt sich dazu, es entsteht eine Lake aus mir heraus, vermischt mit allem von ihm, meiner Angst, Hilflosigkeit, mutlosem Zusammensinken, stummem Schrei und tiefer bohrenden Stichen, dann Schnitt.
Ein Schrei aus meiner tiefen Kehle würgt sich hoch durch meinen angeschwollenen Hals zum Mundraum.
Kotze aus meiner Seelenqual. Nun stürzt es zuerst heraus, dann der Schrei aus meinem Mund hinaus, doch es ist still.
Totenstill.
Die Geräusche des Wäscheaufhängens im Garten dringen leise durch die geschlossenen Fensterläden mit den dünnen Sonnenstrahlen des Morgens herein auf die Fußbodendielen des alten Hauses.
Es entstehe eine Distanz zwischen mir und ihnen. Ich sehe die aufgestellten Reihen. Aus jedem ein Zweiter ein dritter und so fort.
Sie marschieren formiert, in Reihen im breiten Strom und erweitern ferne ihren Weg, so, dass es aussieht wie ein großer Fächer.
Hinten, dicht gedrängt, nach vorne lichter werdend, bis nur noch einzelne, zuletzt nur einer vor mir in der vordersten Reihe zu finden ist.
Breit auseinander gezogen erstreckt sich der Strom vom Entstehungsort bis in die vorderste Reihe in den halben Raum, genau auf meine gespreizten Beine zu. Die Wäschewanne ist leer.
Das beständige, krabbelnde Geräusch, macht mir nichts aus!
Diese olivenschwarzen Panzer sind mir vertraut. Jeder trägt einen solchen, ohne Ausnahme.
Olivschwarze Farbe verdunkelt den Raum.
Die nach vorne schiebende Masse verbreitet ein Gefühl des Grauens. Es ist der Geruch des Todes.
„ Für mich erscheint es nur natürlich!“
Es ist der Punkt, der dem Fortschreiten entspricht. Es ist die konsequente Fortsetzung des Geschehenen.
Es muss so sein. Es ist gut so.
Heute gelingt mir der Schnitt, befreiend.
Sie befallen auch nicht mich, sie sind freundlich zu mir. Aber sie sind da.
Sie nagen wie Termiten. Alles was ihnen begegnet ist in kurzer Zeit Mehl, fein staubendes Mehl.
Heute scheinen sie ihr Werk zu vollenden.
Jeder der olivschwarzen Käfer hat ein feines, ausgeprägtes Gesicht. Jeder Zug ihres Wesens scheint in dem kleinen Gesicht vernarbt. Es ist die sichtbar gewordene Erfahrung auf der Wiese meiner Großmutter.
„Es ist mir vertraut.“
Es scheint, jeder Bekannte ist ein personifiziertes Wesen dessen, was geschah. Ich erkenne sie alle wieder.
Das kleine, feine Geräusch des Krabbelns ist angenehm zu hören.
Mit jedem Biss fressen sie eine Kleinigkeit mehr meiner Umgebung. Sie wird erst in ihrem Magen für mich erträglich.
Erst damit sind sie es Wert, ein Teil von mir zu werden.
Das Mobiliar, die Einrichtung ist um einige Tische und Kommoden kleiner inzwischen. Die Tapeten und schweren Gardinen an den Fenstern sind jetzt in dieses Zerstörungswerk einbezogen. Der Raum ist verunstaltet, der Fußboden aufgebrochen.
„Wenn es so weitergeht, ist es bald zu Ende! Ich ertrage es nicht länger.“
Meine Kräfte schwinden. Je unaufhaltsamer es fortschreitet, desto übler ist sein Geruch, seine Stimme höre ich nicht mehr, das Werkzeug in meiner Hand ist wirksam, effizient.
Ich sitze im Zentrum. Der Kreis geschlossen. Sie erfüllen ihre Bestimmung.
Es zehrte und hat hat mich verzehrt.
Unzählige Wesen in jeder der Vielzahl an Reihen. Über Beine und Arme, sie haben keine Hemmungen. Es geht weiter. Seine Hände waren immer bereit, wo ich auch bin.
In diesem fürchterlichen Grauen dieses Still sein.
Es ist still.
Meine Mutter ist weggegangen zum Einkauf.
Das Haus ist leer. Er liegt vor mir, schwarz.
Seine ausgetrekkte Hand in diesem tiefen Schmerz, sehnsüchtig, starr.
Der Schmerz ist still.
Ich fürchte mich vor dem Tag, an dem sie abends, wie morgens kommen, an dem sie kommen, verzehren, zerstören und einebnen.
Gleichsam sehne ich ihn herbei.
Alles ist von dieser Ruhe erfüllt.
Nur fahles Licht der Straßenlaterne fällt jetzt durch die Ritzen des vorderen Fensterladens in den Raum, kaum hell.
Die letzte Verbindung zur imaginären Außenwelt.
Dort wo Licht ist, scheuen sie den Raum. Nur wenig Licht fällt auf mich. Seine Kleidung verschwindet im Grau des Dämmerlichts.
-
Nachdem das Werk vollendet ist, bleibt nur schemenhaft in den Ruinen zu erahnen, was es war.
„Es ist vollbracht.“
Innen noch nicht zu Ende, gehen die Gefräßigen weiter. Auf der Suche nach Material und Zerstörung verbreitend, wandern sie. Er schläft nicht mehr, stöhnt nicht mehr, röchelt nicht mehr.
Nie mehr wird mich der Schmerz seiner Hand berühren.
Über jene Schwelle von Tür und Raum schwebt der Duft von Rosen und Nelken.
Wo ich bin, sind auch sie, sie sind aber auch dort, wo ich nicht bin!
Bei Dir, in Deinen Räumen. Meine Haarfarbe ist weiß.
Hinter Deinen Fensterläden sind sie. In Deinen Gedanken nisten sie sich ein und beginnen ihr Werk.
„Was ist das führ ein Rascheln?“ „Was ist da los?“
„Woher kommt dieses leise krabbelnde Geräu___

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