DIE BESUCHER (EIN MUSICAL)

von Gherkin Green
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IRGENDWIE EIN MUSICAL... Oder so...

Vorweg dies: Wer genau aufpasst, erwischt mich bei einem von mir selbst genehmigten, bösen Ausrutscher in Sachen Grammatik. Das muss schmerzen beim Lesen, dann bin ich zufrieden.

Und nun also das Musical - basierend auf dem Song QUE LASTIMA von ZZ TOP, aus dem Album MESCALERO, geschrieben von Billy Gibbons.

DIE BESUCHER

von Gherkin

Wir wohnen noch nicht so lange hier in München. Meine Frau und ich, wir sind ohne Kinder geblieben, leben seit jetzt 2 Monaten hier, in Schwabing, Münchens ureigener Seele. Zufrieden. Denn es könnte wohl kein schöneres Wohnen geben. Gemütlich, unterm Dach, bei einem sehr netten Rentner-Paar, leben wir glücklich, begegnen netten Leuten, gewöhnen uns an die Umgebung und all die Menschen hier. Wir nähern uns sogar der Sprache ein wenig an. Oft hatte es noch nicht bei uns geklingelt. Insgesamt nur 4 x, neben dem Postzusteller. Und jetzt klingelte es Sturm. Ich musste bis runter zur Tür, denn ich kann von oben, unter dem Dach, nicht öffnen. Noch während ich all die Treppen hinab stieg, hörte ich, wie es immer weiter und weiter klingelte. Was mag da los sein? Was soll denn dieser Terror? Wir wollen nur eines: Unsere Ruhe!

Ich öffnete sehr missmutig und knurrte: „Wir kaufen nichts! Und eine neue Religion brauchen wir auch nicht!“ Erst jetzt sah ich genauer hin. Da standen eine ganze Menge Leute vor mir. Eine Meute Leute... Irgendwie südamerikanisch und leicht verwegen gekleidet – pechschwarze Haare, Glutaugen, mit richtig wilden Bärten und unrasierten Wangen. Sie hatten buschige Augenbrauen, Ponchos, Sombreros, Stiefel, Stummelzigarren und gelbe Zähne. Matera, Bombilla, einige mit Gitarren auf den Rücken, allesamt doch ein wenig bedrohlich wirkend. O ja. Mächtige Schnauzbärte sehe ich. Gewaltig! Schwarz, wild und buschig. Beeindruckend. Immanent beeindruckend.

Die Südamerikaner standen genau in Formation. Die vordere Reihe, flott gezählt: 7. Das Auge erfasst die Breite: Vier. Aha, also standen hier 28 Männer vor mir, saugten an ihrer Bombilla, sie fixierten mich. Einer tritt aus der Formation heraus, sieht sich sehr, sehr lange das Bronze-Schildchen mit dem Namen Gerfried Bedenkirch an meiner Klingel an, röchelt kurz, spricht: „Hola, Señor Bedenkirch (Na ja, bei ihm klang es in etwa so, ich kann es natürlich nicht exakt wiedergeben: Pättänkchirrch-ää – ich fragte mich schon, woher er das Endungs-ä nahm, und mit extrem heftigem Akzent ging es dann flott weiter): Ah, wir kommen aus Montevideo zu Ihnen, genauer gesagt, aus Cerro Norte. Ich möchte Ihnen meine Leute vorstellen (er zeigte auf den jeweiligen Mann, der ganz kurz, nur für einen Schritt, vortrat, um dann prompt wieder in Formation und Ordnung zurückzufinden): Fernández, Sánchez, Díaz, Vásquez, Sanz, Mártínez, hier ist mein guter Freund Yámínez, dort Méndez, Bénítez, Torrez, Domínguez, López, Gómez, Xíménez, Rámírez, Pérez, Velásquez, Gutíerrez, Suárez, Hernández, hier steht Ruíz, das ist Ibáñez, González, Rodríguez, Váldez, Ordóñez und Álvarez. Mi Llamo: Lorenzo Pato Fructuoso Rivera, wir grüßen Sie alle sehr herzlich, Señor…“ „Herzlich“ klang bei ihm, in etwa, so: „Härrßelikk-ää“.

Der jeweilig Benannte riss die Mütze oder den Hut jäh vom Kopf, nickte leidenschaftlich, und trat mit Stolz und Würde wieder zurück ins Glied, wobei er in der Bewegung die Kopfbedeckung wieder dort platzierte, wo sie wohl, außer in den Ruhe- und Schlafzeiten, auch stets verblieb – auf dem Kopf. Ich schien beeindruckt, Rivera blinzelte zufrieden, saugte Mate.

28 Männer aus Uruguay. 27 Nachnamen davon enden auf z, der Chef dieser kleinen Gruppierung heißt Rivera-ää. Groteske Geschichte das. Passiert einem nicht alle Tage. Da stimmte eine Mariachi-Kapelle im Off eine flotte Weise an. Sofort kam Bewegung in die illustre Runde. Rivera schiebt sich vor mich, öffnet die Arme, singt: „¡Que Lastima!“ (Was für eine Schande!)

Rivera besitzt einen angenehmen Bariton, wiederholt den Ausruf, singend. Einige andere stimmen sogar ein, in unterschiedlicher Tonart. Dann tritt ein besonders verwegen aussehender Mann in Schlangenleder-Stiefeln vor und tönt: „Nuestro corazon no es tan malo, pero no tenemos mujer.“ (Unser Herz ist nicht böse, aber wir haben keine Frauen!) Wie, als wollte jener singende Mensch, wenn ich richtig aufgepasst hab, war das wohl Ibáñez, mir sagen: „Verstehen Sie, Señor, begreifen Sie, Señor?“ So wiederholte er eindringlich, mit strahlender, schmetternder Tenorstimme, 3 oder 4 x diese Textzeile. So glockenhell und rein die Stimme, man wollte glatt vom Berserker zum Pazifisten werden, vernahm man solch ein Organ. Sein Blick, augenfällig todgewandt, irgendwie tragisch-melancholisch-schwermütig, lag sanft und nachdrücklich auf mir. So lastend. Wussten Sie, dass es kein Lied spanisch sprechender Künstler gibt, in der das Wort „Corazon“ (Herz) nicht vorkommt? Jetzt wissen Sie es! Plötzlich wieder Rivera, direkt vor meiner Nase: „¡Que Lastima!“ Ich schmetterte, im Brustton der Überzeugung, vielleicht etwas zu hoch angesetzt: „¡habrá que ver sí eso es verdad!“ (Etwa: Ob das der Wahrheit entspricht, muss sich aber erst noch herausstellen, Leute!)

Ibáñez wirkte überrascht, Rivera ist die Ruhe in Person. Sr. Bénítez oder Torrez, auf jeden Fall ein Bass-Bariton, sprühte nur so vor lauter Einsatzfreude: „Nosotros tenemos cerveza, tambien tenemos tiempo.“ Ich möchte so übersetzen: „Wir haben Bier, wir haben auch Zeit…“ Im Raum blieb das Unausgesprochene, das Verschluckte, kleben. Wie ein nur schwer zu entsorgender Kaugummi an einem öffentlichen Abfallbehälter. Du tanzt deinen Komplettaussetzer-Boogie, um das vermaledeite Teil zu entsorgen, und doch will es nicht gelingen. Hüpfst und tänzelst, haderst mit dem Schicksal, fächelst mit der Hand, doch dieser dreimal verfluchte Kaugummi löst sich nicht von deiner Tatze. Muss ich mir erst die Pfote abhacken, um diesen Kaugummi in die Tonne zu kloppen? Schließlich zupfst du ein Stückchen Papier aus diesem öffentlichen Abfallbehälter und schabst damit den viel zu lange gekauten Gummi von der Hand… Entschuldigung, ich schwiff wohl gerade ein wenig ab…

Hier wollte mir Bénítez oder Torrez sagen: „Nun, das ist nicht das Ding, Señor Pättänkchirrch-ää – hören Sie, das ist nicht die Krux! Bier und Zeit, kein Problem. Alles vorhanden. Aber, hören Sie, das wahre, eigentliche Übel ist ein anderes…“ Ob ich es begreifen würde, fragten hier nicht nur die glutvollen Augen, sondern auch die beständig tanzenden, äußerst buschigen Uruguay- Augenbrauen. Bénítez oder evtl. Torrez setzte Mütze oder Hut nun wieder auf,

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