Spiritualität

von Jürgen Wagner
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Spiritualität ist eigentlich eine Medizin. Man nimmt sie so lange, bis man (wieder) gesund ist. Dann setzt man sie ab. Andernfalls wird man abhängig. Der Buddha gebrauchte dafür das Gleichnis vom Floß: wer einen gefährlichen Fluss überqueren will, nutzt gerne ein Floß. Aber wenn er es schlussendlich geschafft hat und am anderen Ufer angekommen ist, lässt er das Floß liegen - und schleppt es nicht auf seinem Rücken weiter.

Spiritualität und Religion sind zu vielen Dingen sehr hilfreich. Aber wenn sie zum Selbstzweck werden, vergiften sie uns. »Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat.« (Jesus, Mk 2.27). So mögen wir durch sie viel gewinnen an innerer Kraft und Ruhe, Vertrauen, Glauben, Geduld, Courage, Gelassenheit, Liebe, Ehrfurcht, Gemeinschaft - wir mögen viel Hilfe bekommen an den großen Übergängen des Lebens wie Geburt, Erwachsenwerden, Hochzeit, Alter, Tod. Aber wenn Religion zum Lebensinhalt und Lebensziel wird, hat man es übertrieben.

All die Religionen und spirituellen Wege bekunden eigentlich sehr klar, dass es um eine Art Reinigung geht: von schlechten Angewohnheiten, verhängnisvollen Konditionierungen, falschen Ansichten, körperlichen Gebrechen, Gefühlsabgründen. So wie das Leben uns hat werden lassen - und wie wir geworden sind: das ist und bleibt immer auch eine Baustelle - ein Krankenlager - ein gefährlich reißender Fluss. Da gibt es Erfolge, Heilungen - und manchmal auch ein Ankommen. Aber danach geht es weiter.

Spiritualität dient dem normalen, natürlichen Leben. Dieses ist die Gottheit, die wir zu manchen Teilen verloren haben, das Paradies, aus dem wir vertrieben wurden. Es hat so nie exisiert, aber als Fluchtpunkt mag man es festhalten. So können wir von den Traditionen immer viel lernen, aber wir werden unseren eigenen Spiegel reinigen und unsere eigene Wahrheit leben müssen.

„Mein Ehrengewand
ist der Berge strahlende Klarheit
und meine magische Kraft
liegt im Wasserholen und Holzhacken“

P’ang-Yün, Zen-Laie im alten China

2016

Bild: Der Berg Fuji vom See aus gesehen © chanwity - Fotolia.com
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Kommentare

26. Jul 2016

Ein interessanter Text, über den es sich nachzudenken lohnt.

Liebe Grüße, Susanna

26. Jul 2016

Danke - man braucht manchmal ein ganzes Leben um so was einigermassen zu formulieren. LG! Jürgen

26. Jul 2016

Ein inspirierender Text, der vor allem jetzt weiterhelfen kann.
LG Monika

26. Jul 2016

Ja, ich glaube auch, dass wir alle diese Kräfte und Möglichkeiten nutzen sollten, um der Gewaltwelle, die da angerollt ist, auch etwas entgegenzusetzen - jedenfalls etwas mehr als nur Gegengewalt. LG! Jürgen