Wenn ein Nachtwächter träumt

Bild von theowleman
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Puderartig rieselten dicke Flocken schweren Schnees den Nachthimmel herab und legten sich auf die verlassenen Straßen nieder. Der Wind trieb die Flocken wild zwischen die Häuserschluchten hindurch und rieb sich am Kreuz der Kirche. Heulend bahnte er sich seinen Weg. Massige Brocken aus Eis verkanteten sich an den Pfeilern der Brücke, während unter einer zarten Schicht der Fluss wie eh und je arbeitend einem unbestimmten Ziel entgegen floss. Eine eigenartige Stille erfüllte die Stadt, denn die Kälte trieb die Menschen in die Wärme der Zimmer. So saßen Familien eng in den Stuben beisammen, kleine Kinder kauerten sich frierend an die Bänke der Öfen. Großmütter im Halbschlaf daneben, dick mit Fellen ummantelt. Väter die Holz brachen, es in die Flammen legten, Mütter besorgt und stumm. Die bürgerliche Welt vom Frost in den sichersten Winkel ihrer Wohnungen gedrängt.
Eiskristalle vom Sturm beschleunigt, trafen wie Nadelstiche sein Gesicht. Der Nachtwächter wickelte sich den Wollschal neu. Stark vermummt stand er am Platz und kniff die Augen schützend zusammen. Die Uhr schlug halb 12. Müde stapfte er weiter. Seine Hellebarde stieß hart in den Schnee, stütze ihn. Jede einzelne Böe drohte der Flamme seiner Laterne den gar auszumachen. Es strengte ihn an die Laterne neu zu entzünden, denn die Funken ließen sich nicht konzentrieren, sie sprangen aufgeregt herum und erhellten das Schwarz der Nacht, das ihn umgab. Für wenige Augenblicke war es blitzhell. Es schien, als ob er ein Gegenbild zu den weißlich glitzernden Sternen schuf. Der Geruch von Pulver in der Luft. Sein Atem blies dichte graue Wölkchen in den Winter. Er griff zu seiner Tasche und ertastete das Horn, welches mit einem schweren Lederband um seine Schulter gehängt war.
Die Strecke zum nächsten Stadttor würde ihn zwanzig Minuten kosten. Er kannte die Route, der Weg war ihm schon zur Gewohnheit geworden. Der Nachtwächter fürchtete sich von dieser ewigen Trance. Die Welt vor seinen Augen drohte jede Nacht aufs Neue zu verschwimmen, als ob ein alles einnehmender Nebel seine Wahrnehmung trübte. Er hasste diese Nacht, denn sie schien wieder jene Gedanken die ihn selbst betrafen unweigerlich heraufzubeschwören. Er konnte sich nicht dagegen wehren, denn die Stimmung seines Wachganges lief Nacht für Nacht auf dieses Philosophieren, diese Unruhe und Leere im Geist hinaus. Wenn man doch die Helligkeit der Sonne auf irgendeine Art und Weise in ein gläsernes Gefäß einfangen könnte und damit die Nacht in den Städten zu erleuchten, wie schön wäre dies, dachte er sich, dann wär ich von diesem bedrückenden Gedankenübung auf Lebenszeit befreit.
Über der Stadtmauer die Weite einer Landschaft. Felder tief verschneit, am Waldrand der Schrei einer Krähe.
Im Wirtshaus brannte noch ein schwaches Licht. Hinter den beschlagenen Fenstern stapelt der Wirt die Stühle. Seine Frau reiht Flaschen und Krüge in einem hölzernen Regal. Am Gehsteig verschwinden die Spuren des Tages, eine wattierte Decke aus Schnee füllt alle Unebenheiten aus. Der Nachtwächter setzte seinen Gang fort, passiert dabei die Brücke. So wie jede Nacht blieb er stehen und blickte ins Wasser, das ihm als der klarste Stoff der Welt erschien. Er erinnerte sich an eine Geschichte die ihm der ehrwürdige Geheimrat einst erzählte. Er sprach über die Meere, welche fern von ihrer Stadt irgendwo liegen müssten. Und dabei verlor sich der Geheimrat im Schwärmen über den Reichtum der Meere, ihren Glanz und ihre Abgründe. Er sprach von schillernden Fischen, Lebewesen ohne Skelette, nur mit einem Kopf und Greifarmen bestückt, von unterirdischen Wäldern, Pflanzen die wie grüne Seile die Böden der Meere bedecken würden. Jene unterseeischen Wälder, dichter noch und geheimnisvoller als er sich in seiner Fantasie ausmalen konnte, ergriffen ihn auf eine merkwürdige Art und Weise. Das Meer sei die unendliche Wüste in der ein Mensch niemals der Einsamkeit verfällt, ist er doch fasziniert und zutiefst ergriffen, von der überwältigenden Fülle des pulsierenden Lebens um ihn herum. Dies alles und noch viel wundersamere Berichte wusste der Geheimrat von sich zu geben, doch am größten war die Faszination des Nachtwächters an jener Unmöglichkeit gehangen, dass obwohl das Meer Tiefen von Hunderte Metern leicht erreicht und eine Unzahl an Teilchen und Stoffen mit sich trägt und dennoch die Klarheit und Durchsichtigkeit des Meerwassers die eines kalten Gebirgsbaches um ein Vielfaches übersteigt. Ungläubig schüttelte der Nachtwächter seinen Kopf, wie konnte ein Meer in dem mehr Leben sei als auf der gesamten Landmasse zusammen reiner sein als der kristallklare Fluss unter ihm. Er begriff so vieles nicht in dieser weiten Welt.
Er ging auf das Stadttor zu. Eiserne Riegel verankert in hartem Granit.
Mit klammen Fingern fischte er die großen Schlüssel des Tores heraus, als wollte er ein zweites Mal abschließen. Die Position des Riegels schien ihm eigenartig. Um sich zu vergewissern drückt er die Klinke des Tores. Es bewegte sich. Der Nachtwächter erschrak. Warum dieses Tor nicht verschlossen war, konnte er sich nicht erklären. Verwundert schlüpfte er zum Tor hinaus und lugte in die tief verschneite Landschaft.
Nichts Ungewöhnliches war zu sehen. Die Äste der Bäume wogen schwer unter der Last des Schnees. Spiegelglatt daneben die Fischteiche. Keine Menschenseele.
Als er sich umdrehte da erklang ein heller Ton in seinem Kopf. Was war dies? Und noch einmal. Eine Beklommenheit begann sich über den Wächter herzumachen, denn dieser kurze von weit her dringende Ton schien der schrille Schrei einer Knabenstimme zu sein. „Zu Hilfe!“, ertönte es durch die Nacht. Es schallte vom Wald herüber.
Der Nachtwächter zögerte, warf den schweren Schlüsselbund zu Boden, umklammerte seine Hellebarde um nun doch entschlossen zum Waldesrand zu stürmen. Er eilte, aber der bereits tiefe Schnee auf dem Weg verlangsamte seine Schritte und ließ jede Anstrengung mehrfach belastend erscheinen. Wie ein Wahnsinniger keuchte er und die scharfe Winterluft schnitt ihm die Kehle auf. Das Jammern des Knaben jedoch wurde deutlicher. Getrieben bahnt sich der Nachtwächter den Weg durch die Zweige und Buschwerk. Soweit aus der Stadt hat er sich noch nie aus der Stadt begeben, schoss es durch den Kopf des Nachtwächters. Das Gesicht zerkratzt denn Nadelzweige der Tannen peitschen um sich. Er umgriff die Waffe noch fester. Da lag der junge Sohn des Bäckers auf einer Lichtung und sein Mund war weit aufgerissen. Kreidebleich starrte er ins Leere und drohte ohnmächtig zu werden. Schützend kniete sich der Nachtwächter über den erschöpften Knaben. Der Junge packte verzweifelt den Mantel des Retters.
Er stammelte: „Sei auf der Hut vor der Jagd. Ich hab sie gesehen. Ich bin verloren.“
Der Nachtwächter antwortete: „Junge, was für ein Fieber treibt dich? Komm mit mir, ich bringe dich hinter die schützenden Mauern der Stadt!“.
Als diese Worte gesprochen wurden da stürzten Bäume auf die Lichtung. Unter schwerem Gedröhne zeigte sich ein Reiter, dessen Gestalt ein merkwürdiger Nebel umgab. Sein Pferd war halb durchlöchert, der Harnisch rostete und sein Blick nicht mehr als sterbende Leere. Das Eigenartigste an seiner Erscheinung aber, das war die Beschaffenheit seine Haut. Halb mumifiziert und halb Skelett saß er im Sattel und schrie:
„Ho ho ho, aus dem Weg, ab dem Weg, damit niemand geschändet wird!“ und verschwand ebenso mit einem gewaltigen Galopp wie er aufgetaucht war.
Der Nachtwächter begriff sofort. Wie es ihm der Geheimrat in langen Nächten im Studierzimmer seines Hauses erläutert hat, so war er dem Vorreiter der Wilden Jagd erscheinen. Jenem Geisterzug also, bestehend aus ewig getrieben übernatürlichen Wesen und Untoten aus den tiefsten Höhlen deutscher Bergwelten, dessen Existenz in gebildeten Kreisen eher belächelt als geglaubt wurde.
In Windeseile packte er den Knaben an der Kapuze und stürmte von der Lichtung zurück in den Wald. Niemand in der Stadt wäre munter, er müsste das Tor schließen. Kaum setzte sich der Nachtwächter in Bewegung da fuhren Blitze durch den Nachthimmel und Donner grollte mit einer gewaltigen Wucht, dass es ihm die Füße in die Höhe riss und ihn auf den Rücken warf. In Todesangst rappelte er sich auf und hastete er immer der Stadt zu. Reihenweise zerbarsten die Bäume hinter ihm und eine lähmende Kälte floh dem wütendem Heer voraus. Der Schneefall verdichtete sich, es schien als ob die Flocken auch vom Boden her auf ihn einstürzten. Ein ohrenbetäubendes Gebrüll kam näher und näher. Ein hohes Jauchzen und Geheul folgten. Dutzende Reiter sprangen am Nachtwächter vorbei. In ihren Händen trugen sie nebelumwobene Schilder und ihre Schwerter fuhren wild durch die Luft, metzelten Äste und jegliche Art von Hindernissen nieder. Nur mit Glück entgingen die Flüchtenden der Schwerthiebe und den Hufen der untoten Pferde.
Der Nachtwächter erreichte die kleine Ebene vor der Stadtmauer. Nicht mehr als zweihundert Meter trennten ihn und das Tor. Der Knabe hingegen, längst wegen Erschöpfung der Ohnmacht erlegen, wurde vom Wächter wie ein Sack durch den Schnee geschleift.
Die Erde bebte vom Schritt der wilden Soldaten. Kurz blickte sich der Wächter um, eine Übermacht von Männer mit eingefallenen Gesichtern und tiefblauen Augen, gebettet in vermoderten Augenhöhlen starrten ihm entgegen. Die Kräfte des Wächters drohten zu schwinden. Er stieß einen furchtbaren Schrei aus und riss sich das Horn vom Leib, sodass der Ledergürtel wie trockene Weidenruten zerbrach. Warnend blies er ins Horn. Ein Echo prallte von der Stadtmauer zurück. Doch kein Licht wurde in der Stadt entfacht, alles schlief. Pfeile sausten am Kopf des Nachtwächters vorüber. Nur noch wenige Meter bis zum Tor. Er warf die Lampe von sich.
Der Wächter schleuderte den Jungen von weitem bereits in den Torbogen. Sich selbst musste er nun retten und mit einer Hand die schwere Eisentor greifend, die andere den Schaft der Hellebarde fixierend stellte er sich der gehetzten Schar. Der Nachtwächter benutze das Tor als Schild und drängte den Geisterzug ab, dennoch gelang es einer Gestalt auf einem Bären reitend sich dem Spalt zur Stadt zu nähern. Furchtlos stellte er sich dem Angreifer entgegen, der vom Rücken des Bären herab mit eine Keule aus Kristallzacken fürchterlich schwang. Mit letztem Mut hob der Nachtwächter die Hand und richtete die Hellebarde aus. Sie zersplitterte unter lautem Krachen. Der Wächter fühlten den Knochen seines Armes ins Fleisch fahren. Doch auch die grausige Gestalt wurde von der ungeheuren Wucht des Aufpralles zurückgeworfen. Da zog der Wächter mit aller Kraft am Eisentor, sodass sie ächzend ins Schloss schnallte.
Erschöpft sank der Nachtwächter zu Boden, fühlte den Atem des Jungen und ein Schwindel überfiel ihn. Es wurde eigenartig still. Er öffnete die Luke des Tores um einen Blick nach draußen zu wagen. Nichts außer ein Schneesturm.
Verwirrt blickte er in die Stadt. Der Schwindel erfasste ihn immer mehr und drohte sein Wesen ganz einzunehmen.

Von dieser Nacht an wusste er, dass der Tod nicht alles sei. Es sei noch viel grausamer nicht sterben zu können und der Nachtwächter versank in einem traumlosen Schlaf.

Odins Wilde Jagd Peter Nicolai Arbo
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Kommentare

25. Dez 2015

Ein brütend starkes Alptraum - Bild:
Plastisch, mächtig - greifbar wild!

LG Axel