Minus 10 Minuten: eine Gute-Nacht-Geschichte

von Julia Körner
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Wie ärgerlich ist das denn! Das sollte der Abend meines allergrößten Triumphs werden. Einen Rekord wollte ich erreichen. Rekord in WAS?
Na im Zu-Bett-Gehen-Hinauszögern. Da bin ich nämlich absolut Weltklasse. Demnächst wird es die Paul Zeitlupen-Ehrenmedaillie geben. Paul, das bin natürlich ich. Keinem fällt so viel kurz vor dem Schlafengehen ein wie mir. Zum großen Bedauern meiner Eltern. Die beschweren sich die ganze Zeit: „Geht das nicht schneller. Schlafenszeit ist um acht Uhr. Es ist bereits viertel vor acht. Wir sind müde und müssen noch aufräumen“, oder so was in der Art.
Wie kann man mich nur so unterschätzen. Nicht mit mir! Ich habe eine Liste von Einfällen zusammengetragen, wie ich den ganzen Prozess des Schlafengehens verlangsamen kann. Schlafanzuganziehen geht schnell denkt Ihr? Nein, nicht wenn der Schlafanzug gestern noch passte, heute aber leider am Po zwickt und dringend ausgewechselt werden muss. Aus - an, ups auch noch verkehrt herum. Also wieder aus und dann gaaanz langsam wieder anziehen. Da habe ich bereits 5 Minuten gewonnen. Es ist 10 Minuten vor acht!
Und weil bei dem ganzen An-und Ausziehen ein Fußnagel abgebrochen ist, müssen halt noch mal eben die Zehennägel gekürzt werden. Kann auch eine Weile dauern, vor allem wenn man so kitzelig ist an den Füßen wie ich. Aber warum muss meine Mutter auch immer den kleinen Fußzeh berühren, wenn sie doch den dicken Brummer schneidet. Dass ich die Füße dabei dauernd wegziehe, das ist halt ein Reflex. Weitere 3 Minuten auf der Uhr! Es ist 7 Minuten vor acht!
Vor dem Zähneputzen muss ich dann unbedingt noch das Familienfotoalbum ansehen. Weil ich den Opa so sehr vermisse. Was auch ehrlich stimmt und mir einen kleinen Zeitgewinn von 5 Minuten beschert. Und er macht auch immer so lustige Grimassen auf den Fotos, das rettet meine gute Laune über das nervige Zähneputzen hinweg. Also ja, beim Zähneputzen selbst gewinne ich natürlich keine Zeit. Die 2 Pflichtminuten müssen echt genügen. Aber es ist ja noch nicht zu spät. Ganz nebenbei: Jetzt ist es bereits acht Uhr!
Es kommt ja noch das Gute-Nacht-Küsschen und umarmen. Wisst Ihr warum ich seit 3 Jahren in der Schule die Judo-AG besuche und mich vom doppelt so großen und kräftigen Jasper auf die Matte werfen lasse? Genau- die Eltern beherrschen keine Judogriffe. Ich aber schon. Da sind echt krasse Klammertechniken dabei und ich würd mal stolz behaupten, dass es da pro Elternteil gute 2,5 Minuten Entfesslungskünste bedarf (am Ende kitzeln sie mich immer, was eigentlich nicht erlaubt ist), bis beide frei und halb aus dem Zimmer sind. Ihr wisst es schon: 5 Minuten nach acht zeigt mein Wecker an!
Aber dann kommt ja noch mein Höhepunkt. Habe ich mir bis zum Schluss aufgespart: „Mama, das Raumklima stimmt irgendwie nicht“! Und damit meine ich nicht Fenster auf oder zu. Nein, ich habe da im Fernsehen so eine Sendung über die Einrichtung von Wohnräumen geschaut. Die Sendung spielte irgendwo in Asien, und da haben sie gesagt, es sei ganz wichtig die Dinge im Zimmer an den richtigen Platz zu stellen, damit die gute Energie auch hindurchfließen kann.
Und irgendwie steht an diesem Abend halt dieser Legoturm im Weg. So was Dummes aber auch. So kann ich doch nicht schlafen. Papa erbarmt sich bei meinem Gequängel und versucht den Turm an die Stelle zu schieben, zu der ich zeige. Jetzt aber echt! Kann ich was dafür, dass da eine Teppichfalte im Weg ist und wir den Turm wieder neu aufbauen müssen? 5 Minuten Zeitgewinn. Schon zehn nach acht!
Ich will gerade noch erwähnen, dass ich meine Fußballkarten mal wieder neu sortieren könnte, aufsteigend nach den Rückennummern oder vielleicht auch nach dem aktuellen Tabellenplatz der Mannschaften, da schreit meine Mama ganz laut:
20.10 Uhr! Vor Schreck springe ich in mein Bett. „Mensch, es ist 10 nach acht und Du müsstest bereits seit 10 Minuten schlafen.“ Da fühle ich es bereits, das Hochgefühl eines neuen Rekords. Bis dahin lief ja auch alles wie am Schnürchen. So wie ich das geplant hatte. Mein Rekord von bisher 8 Minuten über der Zeit war eingestellt.
Aber dann verhält sich meine Mutter plötzlich so komisch. Sie murmelt vor sich hin: „Es sind jetzt Minus 10 Minuten. Du weißt schon, ganze 10 Minuten nach Schlafenszeit. Wir müssen uns leider zurückbeamen. Auf genau acht Uhr. Damit Du rechtzeitig ins Bett kommst. Das ist sehr wichtig für Deine Entwicklung und bla bla bla.
Ich weiß da stimmt irgendwas nicht und hab da wohl meine Mutter kurz angeschaut, weil sie wirklich so verzweifelt wirkte wie noch nie. Aber wie ich dann wieder auf meinen Wecker schaue, da zeigt dieser doch tatsächlich acht Uhr an, so wie vor exakt 10 Minuten.
Irgendjemand hatte meinen Rekord geklaut. Das war wirklich sehr beunruhigend.
Ich konnte gar nicht einschlafen, weil ich darüber nachdachte, wie mein Bett sich möglicherweise in der Raum-Zeit-Krümmung verfangen hatte. Ihr wisst schon, das was die Wissenschaftler beschreiben, wenn sie von Zeitreisen reden. Zugegeben, 10 Minuten in die Vergangenheit ist eine sehr kurze Zeitreise. Aber eine Sensation wäre es glaub ich schon. Das Grübeln darüber macht mich echt müde und ich glaub ich bin dann sehr schnell eingeschlafen.
Und wisst Ihr was: am nächsten Tag bin ich fast zu spät zur Schule gekommen. Obwohl mein Wecker geklingelt hat wie immer. Mama hat gesagt, ich habe bestimmt getrödelt auf dem Schulweg. Aber das stimmt ganz und gar nicht. Ich werde den Verdacht einfach nicht los, dass meine Mama ganz heimlich an meiner Uhr gedreht hat. Und dass ich deshalb 10 Minuten später als sonst aufgestanden bin.
Obwohl ich schon gerne lieber an die 10 Minuten-Zeitreise glauben möchte! Das wäre dann ja wirklich ein Rekord, auf den ich stolz sein könnte!

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