Das Gerät

Bild von Alf Glocker
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„Wage es nicht!“, schreit mich ein Hohlkopf an, als ich, angesichts eines Werbeplakates, den Kopf schüttle. „Können Gorillas Gedanken lesen?“, frage ich zurück, aber ich höre nur noch ein hysterisches Kreischen, bevor ich mich schleunigst aus dem Staub mache – denn jetzt rottet sich eine Meute haariger Gestalten zusammen, die mir offensichtlich ans Leder wollen.

Mir scheint, daß ich in die falsche Richtung laufe, denn vor mir marschiert eine Hundertschaft der Un-Heilsarmee auf. Anstatt Gewehre tragen sie Fischernetze und Dreizackspieße. Auch Schmetterlingsfallen, Leimstreifen für Fliegen und Mäusekäfige führen sie mit. Und ich habe mal wieder keinen Ausweis dabei! Das ist leider typisch für mich. Naja, es steht ja auch nichts Gescheites drin: „Unbrauchbares Zeug denkendes Individuum“.

Soll ich ihnen nun das Brandzeichen von meiner letzten Verleumdung zeigen, oder mich auf einen „guten Freund“ berufen, der mich vorige Woche erst für nicht ganz voll genommen hat? Der würde mir sicher eine Kaution stellen, wenn ich in einem der Netze lande. Ich habe Glück und bekomme nur 2
Wochen 24-stündiges Straf-Fernsehen – ausschließlich Werbesendungen – aufgebrummt! Was für ein Glück?!

Die Seife zur täglichen Gehirnwaschung bekomme ich allerdings auch gleich mit. Und noch etwas bekomme ich: ein Lehrbuch zum Auswendiglernen von Allgemeinplätzen, das mir allerdings so beschrieben wird – „darin findest du alle Anweisungen, wie man sich anständig verhält“. Ich bin im wahrsten Sinne des Wortes „überwältigt“, denn wehren kann ich mich ja nicht.

Zuhause angekommen hätte ich gerne einen Mitverschwörer in Sachen „Wie-finde-ich-die-Wahrheit“ angerufen, aber ich bin mir sicher, daß mein Anschluss bereits gleichgeschaltet ist und so stelle ich eben das „Gerät“ an. Es ist das neueste Modell – man muss es teuer in einem volkseigenen (staatskonformen) Betrieb kaufen und es den ganzen Tag laufen lassen.

Sollte irgendwo etwas passieren, dann erhält man sofort die passenden Anweisungen. „Kaufen Sie bitte sofort das Mittel gegen schlechte Luft, es heißt ‚Atmungsverbot für mindestens eine Stunde‘, gehen Sie aber trotzdem spazieren und trinken Sie heute nur Abwasser aus dem Spezialbetrieb unseres speziellen Vertrauens."

Oder auch: „Machen Sie bitte sofort die Türe auf, draußen steht ein Räuber, der was von Ihrem Reichtum abhaben möchte!“ Ich wundere mich zwar darüber, daß ich plötzlich reich geworden bin, aber als ich öffne, verstehe ich, was das „Gerät“ gemeint hat … draußen steht ein vollkommen verdrecktes Etwas, das sich nicht sofort zweifelsfrei als Mensch identifizieren lässt.

Am späten Abend singt mich das „Gerät“ in den Schlaf. Ich wasche noch einmal mein Gehirn mit der Spezialseife, dann warte ich auf den Befehl „EINSCHLAFEN!!“. Froh darüber, daß ich heute noch einmal mit dem Leben davongekommen bin, schlummere ich tief und alptraumfest, damit ich morgen fröhlich aufstehen und die lächelnden Gesichter von den Werbeplakaten auch richtig deuten kann.

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Kommentare

25. Aug 2017

Ein bisschen Manipulation
Braucht der Seifen-Sapiens schon ...

LG Axel

26. Aug 2017

...sonst kommt er mit sich sich selbst nicht klar...
man weiß ja, wie's schon immer war...

LG lf