Bist du es?

von Mark Read
Mitglied

Oh, mein Gott. Bist es du?
Bist du es? Du, bist du es?

Klar, es sind Jahre vergangen. Viele Jahre, mehrere Multiplikationen von 365 Tagen gingen vorüber. Die Zeit, sie hat uns nicht Bescheid gegeben, dass sie weiterziehen würde. Sie hat es einfach getan, und ich bemerke es erst jetzt. Ich habe mich auch verändert, natürlich. Wer hätte es nicht in all den Legislaturperioden, die wir überstanden haben? Und ich hätte auch nicht damit gerechnet, dass du, falls ich dich jemals wieder träfe, noch exakt so aussähest wie bei unserem letzten Aufeinandertreffen. Wann war das noch? Erinnerst du dich? Wir waren beide noch jung, das steht fest und ist als einziges von Belang. Hatten die 20 vielleicht gerade überschritten. Junge Menschen ohne konkrete Vorstellung von dem, was Zyniker den "Ernst des Lebens" nennen, aber mit reichlich Lebenslust, wenn uns diese auch unter diesem Begriff nicht bekannt war. Das waren wir. Du und ich. Yin und Yang, Ping und Pong, Disco und Kugel, Kippe und Feuerzeug, Tom Morello und Gitarre. Wir haben uns ergänzt, das steht außer Frage, wir waren ein verdammtes Team. Zumindest damals, zumindest in den Bildern, die mir nun wild durch den Kopf schießen wie eine Flipperkugel.

Doch jetzt stehst du da an der Ecke und bist derselbe und doch ein anderer. Der von damals, aber in anderer Verpackung. Ich habe dich sofort wieder erkannt und zweifle doch noch daran, dass du es bist. Ich muss daran zweifeln, du lässt mir keine Wahl. Da sind Gliedmaßen, die unzweifelhaft zu dir gehören und doch so ganz anders aussehen als die, die ich an dir kannte. Da ist ein Kopf auf deinen Schultern, einer mit einem Gesicht darin, und dieses Gesicht ist nicht nur älter geworden, sondern hat auch eine komplette Typveränderung hinter sich. Und da sind Kleider an deinem Körper, die dir wie angegossen passen. Sie wirken wie deine zweite Haut, als hättest du sie schon im Augenblick deiner Geburt getragen. Doch das Ich, denen der Anzug und die blaue Krawatte so perfekt sitzen, ist ein anderes.

Die frühere Ausgabe von dir, die, die ich mal zu kennen glaubte, hätte diese Textilerzeugnisse keines Blickes gewürdigt. Lieber wäre deine damalige Version nackt durch die Fußgängerzone spaziert, als sich den Anforderungen einer Branche zu beugen, die ihre Arbeitsdrohnen in Uniformen zwängt.
Diese letzten Worte habe ich mir nicht ausgedacht. So hast du selbst damals gesprochen, oder hast du gesungen, ich weiß es nicht mehr. Den Klang habe ich noch in meinem Ohr, und er wirkt nun, wo ich dich mit glattem Gesicht und windschnittiger Oberfläche da stehen sehe, wie das ferne Plitschen eines Wassertropfens in einer Höhle. Das Echo vernehme ich noch, doch es erscheint mir fern und irreal. Was ich hier sehe, ist die chemisch gereinigte, gebleichte Fassung des Menschen, der du mal gewesen zu sein scheinst.

Sie haben dich genommen und abgeschmirgelt, bis jede Kante rund geworden ist. Und du hast offenbar nichts dagegen unternommen. Wo früher eine Uhr mit abgewetztem Lederarmband an deinem Handgelenk hing, blitzt nun der edle Chronometer. Wo einst das T-Shirt um deinen dürren Oberkörper schlackerte, das du gerne mochtest, weil du damit Erinnerungen verbandest, verdeckt nun die standardmäßig genormte und gebügelte schwarz-weiß-Kombination die Sicht auf das, was du sein könntest, wärest du nicht wie all die anderen. Und, du bemerkst es zwar nicht, aber ich kann sogar deine Augen sehen. Wo früher die Neugier auf das loderte, was unbedarfte Zeitgenossen Leben nennen, ja, dort wo der Schalk sich verschmitzt breit gemacht hatte, wo man wie durch ein Fenster in dein aufgewecktes und aufgedrehtes Inneres blicken konnte – dort ist es jetzt leer wie in der Auslage eines Apple Stores zwei Stunden nach Ladenöffnung am ersten Verkaufstag eines neuen iPhones. Und in deinem Kopf? Dort, wo sich früher anspruchsvolle Literatur mit kritischen Textzeilen ein Wettrennen lieferten. Dort, wo abseitige Poesie denselben Stellenwert genoss wie das faktische Wissen über die Beschaffenheit unserer Welt und ihrer Gesellschaften und über die Halbwertszeit von Bierschaum. Was ist nun in deinem Kopf? Ich möchte es nicht wissen, lass mich im Ungewissen.

Oh, mein Gott. Bist es du?
Bist du es? Du, bist du es? Die Antwort lautet weder ja noch nein. Sie liegt irgendwo in der Mitte. Dort, wo du es dir gemütlich gemacht hast.

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Kommentare

27. Jan 2016

Gott am Anfang und Ende hat mich auf eine falsche Fährte gebracht. Doch bald bemerkte ich: Hey, du, es geht um dich und mich. Und es wurde mir klar: Ja, die totale Veränderung ist meines Erachtens plastisch gelungen geschildert. MfG