Das unheimlichste Osterfest meines Lebens ....

von Annelie Kelch
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Die Kinder saßen bereits im Wagen und unser Gepäck war endlich verstaut. Ich weiß wirklich nicht mehr, wie das winzige Dorf hieß, wohin wir aufbrechen wollten, in Erinnerung blieb mir ein Sound wie „Munderloh“. Durchaus unheimlich, durchaus vergleichbar mit „Schloss Manderley“, darin Rebecca in Daphne du Mauriers gleichnamigem Roman, verfilmt von Hitchcock, den Part der geheimnisvoll bösen „femme fatale“ besetzt.

Allerdings wollten wir keineswegs in einem Schloss übernachten, sondern in einem Ferienhäuschen, und zwar exakt vier Mal – danach wäre Ostern auch schon vorüber.

Wir erreichten das Dorf am späten Abend. Draußen war es bereits stockdunkel. Die Eigentümer des Häuschens, ein nettes älteres Ehepaar, gaben uns Geleit und fuhren im eigenen Wagen auf einer kleinen Landstraße vor uns her. In knapp zwanzig Minuten hatten wir unser Ziel erreicht.
Es handelte sich um ein hübsches, kleines, aber recht komfortables Haus. Ein wenig abgelegen zwar und rundherum von hohen Tannen umgeben, so dass es in der Dunkelheit der anbrechenden Nacht beinah ein wenig unheimlich wirkte.
In einer Ecke des Garten befand sich ein Baumhaus; es lag ziemlich weit oben in den knorrigen Ästen einer alten Eiche. Die Kinder hatten es entdeckt, als im Wohnzimmer eine extrem helle Deckenlampe, die ihre Fühler über Terrasse und Rasen sandte, von der Gattin des Vermieters eingeschaltet wurde.

Wir waren sehr müde von der langen Fahrt und sanken in den Schlaf, kaum dass wir unsere erschöpften Glieder den fremden Betten anvertraut hatten.
Die ersten beiden Tage verbrachten wir damit, die nähere Umgebung zu erkunden, besuchten ein Museum und einen Jahrmarkt und gingen in den umliegenden Wäldern spazieren.
Die Kinder hatten das Baumhaus total vergessen.

Am Ostersonntag stand ich sehr früh auf und versteckte kleine Geschenke, Ostereier und drollige Hasen aus Schokolade und Marzipan im Garten. Es sah nicht unbedingt nach Regen aus, und ich freute mich darauf, den Jungs beim Suchen zuzuschauen. Vorsichtshalber machte ich mir eine Lageskizze, damit alle Verstecke aufgestöbert würden und ich mit Zurufen wie „heiß“ oder „kalt“ zum baldigen Erfolg beitragen konnte.

Danach legte ich mich wieder ins Bett und schlief noch eine Runde. Nach dem Frühstück stürmten die Kinder in den Garten, um die Osterpräsente aufzustöbern. Das Wetter war leidlich, ein bisschen kühl zwar, aber es regnete nicht.

Ich rief „heiß“ und „kalt, kälter ...“, aber meine beiden Jungs fanden kein einziges Osterei. Schließlich nahm ich die Skizze zur Hand, um nachzuschauen, ob sich meine Schäfchen tatsächlich so dämlich anstellten, wie es den Anschein hatte. Die beiden waren mittlerweile ziemlich frustiert. – Zu Recht, wie sich bald herausstellen sollte: Sämtliche Geschenke waren bereits einkassiert worden – bis auf das letzte Osterei, von wem auch immer.

Wir hatten irgendwelche Dorfkinder in Verdacht, die zu Ostern keine Geschenke von den Eltern zu erwarten hätten und trösteten unsere enttäuschten Schäfchen mit einem Kinobesuch im nahen Hamburg. Man spielte „Die Schatzinsel“, eine Neuproduktion des Regisseurs Wolfgang Liebeneiner von 1966; es war ein guter Film. Danach gingen wir essen und hinterher gab es Ostereier aus dem Angebot des Restaurant-Buffets.
Derweil hatten wir beschlossen, gleich nach unserer Rückkehr ins Ferienhaus die Koffer zu packen und vorzeitig heimwärts zu düsen. Da wir bereits für das Haus bezahlt hatten, wollte der Vater der beiden Schäfchen, mein Ex-Gatte, noch kurz bei dem alten Ehepaar vorbeifahren, um den Haustürschlüssel abzugeben.
Wir warteten mit dem Gepäck im Garten, und die Kinder schauten ein letztes Mal in jeden Winkel und hinter jede Tanne, in der Hoffnung, doch noch irgendwo eines der Ostereier aufzustöbern, die ich am Morgen versteckt hatte – vergeblich.

„Mama, bevor wir heimfahren, möchte ich nur einmal in das Baumhaus klettern, nur ein einziges Mal“, bettelte mein ältestes Schaf. Ich sah keinen Grund, ihm diese fromme Bitte abzuschlagen und willigte ein.

Wir, sein Brüderchen und ich, beobachteten das Manöver des Aufstiegs mit mäßiger Spannung. Es handelte sich um ein ganz gewöhnliches Baumhaus – nichts weiter. Als unser sehr sportliches Schäfchen schon fast oben angelangt war, öffnete sich mit einem Mal das Türchen, das etwas schief in den Angeln zu hängen schien, und ein schwarz behaarter Arm fuhr affenartig heraus und stieß die Leiter um. Unser Schäfchen fiel herab auf den Rasen und umklammerte nach der unsanften Landung mit dem linken Arm seinen rechten, während sein schmerzverzerrtes Gesicht Bände sprach.
Im nächsten Moment bog mein Gatte in die Hauseinfahrt, und wir konnten nicht schnell genug in den Wagen kommen, zumal ein Seil, angepflockt an einem der das Baumhaus umgebenden, gewaltigen Äste und heruntergelassen gen Erden, dem Ostereier fressenden Monster zum schnellen Abstieg hätte verhelfen können.

Auf dem nächstbesten Polizeikommissariat, das wir passierten, meldeten wir die unheimliche Begegnung mit einer affenähnlichen dritten Art unbekannter Dimension, die eine Vorliebe für Ostereier hegte. Die Beamten sprangen noch vor uns in ihre Streifenwagen und rasten Richtung Munderloh, während wir, auch nicht gerade gemächlich, gen Hamburg düsten, wo in einem der vielen Krankenhäuser der gebrochene Arm unseres ältesten Schäfchens geschient und eingegipst wurde.

Wenige Tage später erhielten wir einen Anruf des Munderloher Polizeireviers. Die Beamten hätten einen Erfolg verbuchen können, den sie zweifelsohne uns, sprich speziell unserem ältesten Schäfchen, zu verdanken hätten: Ein gefährlicher Vierfachmörder, der vor gut zwei Monaten aus einer Strafanstalt entkommen sei, habe während seines Abstiegs vom Baumhaus im Garten unserer österlichen Ferienunterkunft gestellt und verhaftet werden können. Die Spurensicherung habe überdies zwei Ostereier aus Marzipan sicherstellen können, die im Baumhaus in einer Rille zwischen den Bohlen des Fußbodens gefunden wurden. Uns stehe eine hohe Belohnung zu.

Wir spendeten das Geld jener Strafanstalt, aus der das Affenmonster entkommen war – zum Zwecke der Restaurierung und Erweiterung sämtlicher Sicherheitsanlagen.

Zum Schluss möchte ich mich an dieser Stelle ganz herzlich bei dem unbekannten Monster bedanken dafür, dass er, der leichtes Spiel gehabt hätte, uns im Schlaf niederzumetzeln, wie es unglücklicherweise nun mal in seiner Natur liegt, meine Familie und mich am Leben ließ. Auch die Kinder tragen ihm nicht das Geringste nach. Auf die Aushändigung der zwei Ostereier haben beide Schäfchen ausdrücklich verzichtet.

Frohe Ostern (in gut einer Woche, liebe Leser) – und bleiben Sie sicher!

Quelle pixabay
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Kommentare

26. Mär 2018

Deine Story überzeugt -
Darum wird sie gern beäugt!
(Kein Monster kommt zu mir ins Haus -
Es reißt vor Bertha Krause aus ...)

LG Axel

26. Mär 2018

Dank, Axel, Dir, für Deinen Kommentar; Du hast es gut:
Wer ein Zugehfrau wie Bertha hat, braucht keinen Löwenmut.

Liebe Grüße,
Annelie

26. Mär 2018

Liebe Varia, danke für Deinen Kommentar. Ja, man kann
nicht vorsichtig genug im Leben sein.

Danke auch für Deine guten Wünsche.
Auch Dir ein frohes Osterfest mit
vielen Ostereiern,
Annelie

26. Mär 2018

Spannend, die österliche Geschichte - und süüüß das Bild, liebe Annelie ...
liebe Grüße - Marie

26. Mär 2018

Danke, liebe Marie, ich fand das Foto von pixabay auch gleich so süüüß. Freut mich, dass Dir die Geschichte gefallen hat.

Liebe Grüße,
Annelie

26. Mär 2018

Liebe Sabrina, danke für Deinen sehr treffenden Kommentar. Das Leben ist
ein einziges Abenteuer. Eben sah ich "Liebe in Zeiten der Cholera", ein Film
nach dem gleichnamigen Buch von Gabriel Garcia Márquez. Auch diese
Geschichte: amüsant, schön und kaum zu glauben.

Liebe Grüße auch zu Dir ins abendliche Berlin,
Annelie

27. Mär 2018

Ihr passtet wohl, Gott Lob, nicht ins Beuteschema
oder vier auf einmal war ihm doch zu riskant
durchs "Schäfchen" wurde der Mörder wieder in seine Zelle verbannt ...

Bleib auch du sicher, liebe Annelie und liebe Grüße
Soléa

27. Mär 2018

Liebe Soléa, da magst Du recht haben. Möglicherweise waren wir ihm zu mager,
vielleicht hatte er aber noch vor, uns zu mästen - wie die Hexe Hänsel und Gretel.
Danke, dass Du die Geschichte gelesen hast; ich weiß ja, dass Du aus Zeitmangel
eher kürzere Texte bevorzugst.

Liebe Grüße zu Dir,
Annelie