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Uferstück

Bild von Monika Jarju
Bibliothek

Der Geruch von Seeluft und Fischen vermischt mit nassem Sand und Gras sitzt mir beim Gehen im Nacken, während ich mich der Uferpromenade nähere. Geblendet von der Sonne über dem Waldrand am gegenüberliegendem Ufer, der sich auf der Oberfläche des Sees dunkel spiegelt, lege ich die Hand vor die Augen und starre auf das strudelnde Wasser und den ablegenden Dampfer, der vorüberzieht und Kurs auf den Fluss nimmt, auf das schäumende Wasser an der Bootswand des Ausflugsschiffes. Still stehe ich da, schaue und rieche. Als Kind stand ich oft am Seeufer und wartete, bis die Wellen um meine Füße schwappten. Manchmal wurden tote Fische angeschwemmt, die einen starken Geruch verströmten. Mit einem Holzstöckchen drehte ich sie herum, ihre Leblosigkeit irritierte mich, während mein Vater das Boot ans Land zog, die Paddel ablegte und meine Mutter einen schattigen Platz unter Bäumen suchte, eine Decke ausbreitete und den mitgebrachten Proviant – die Thermoskanne mit Kaffee, Kartoffelsalat, Buletten, hartgekochte Eier und Tomaten – auspackte. In meinem Rücken ließen sie sich wortlos nieder, mein Vater Kreuzworträtsel lösend, meine Mutter döste liegend vor sich hin. Und wie ich nun so dastehe und meinen Erinnerungen nachhänge, treibt leblos ein silbriger weißbauchiger Fisch an der Oberfläche, Augen und Maul rötlich geöffnet, schaukelt leicht auf den Wellen, die der Wind aufwirft. Im Weitergehen bleiben mir vertraute Bilder und Gerüche im Gedächtnis, ausufernde Zeitschichten, die ich erlebt habe.

Interne Verweise

Kommentare

26. Mai 2018

Liebe Monika, das ist ein guter Text, der Erinnerungen in mir weckt. In meiner Heimatstadt führte ein kilometerlanger Graben (wir nannten ihn Rhinschlot) neben der Straße "Am Neuendeich" fast bis in die Innenstadt. Er führte auch an jenem Haus vorbei, darin wir eine Wohnung gemietet hatten. Ich saß oft auf einem kleinen Steg, der über den Graben führte und beobachte die Fischschwärme, die im Wasser hin und her flitzten. Auch ich sah oft leblose Fische darin vorübertreiben. Es waren irritierende Begegnungen mit dem Tod, aber es war auch eine "Zeitschicht", die ich nicht missen möchte. - Solch schönen Ausflüge machten meine Eltern selten, meistens mit ein paar Nachbarn an Pfingsten.

Liebe Grüße,
Annelie

27. Mai 2018

Dankeschön, liebe Annelie, für Deine Geschichte; eine lebendige Erinnerung, die ich mir bildhaft vorstellen kann - auch diese "irritierenden Begegnungen mit dem Tod" - das vergisst man als Kind nicht.

Lieben Gruß, Monika

27. Mai 2018

Dein Text zaubert sehr plastische Bilder hervor. Ich habe ähnliche Erinnerungen, denen ich im Augenblich nachhängen kann. Danke dafür.

Liebe Grüße,
Susanna

27. Mai 2018

Herzlichen Gruß, liebe Susanna - nun sind wir noch mal in die Kindheit eingetaucht.
Monika

28. Mai 2018

Lebendige Erinnerung, liebe Monika, auch für mich, nur andere. Mein Ort der Gerüche und Bilder war unter Birken, am Feldrand … und ein toter hohler Igel, der mit Stöckchen und zugehaltener Nase „untersucht“ wurde.

Liebe Grüße in Deinen Tag
Soléa

29. Mai 2018

Das ist auch eine schöne Geschichte, liebe Soléa, Birken am Feldrand und ein hohler Igel.
Die äußere Bewegung führt zur inneren.
Komm gut durch den Tag, Monika