Shades of Grey

von Susanna Ka
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Ich betrachtete das Exposé, das mir der Makler in die Hand gedrückt hatte.
Kaum zu glauben. Da war es.
Das Haus, von dem ich schon so lange träumte.
Es erschien mir wie eine glückliche Fügung, dass ich gerade jetzt, in der Vorbereitungsphase zu meinem ersten Roman, die obere Etage mieten konnte.
Das Haus stand auf jener Insel in der Mecklenburger Bucht, die ich so sehr liebte. Ein kleines Stückchen Land in der Ostsee. Niedrige, vom Wind geformte Wälder, Moore, blühende Wiesen und wilde Strände.
Schon oft hatte ich hier meine Ferien verbracht. Viele meiner Gedichte handeln von dem magischen Spiel des Lichtes und den Farben dieser Insel. Und nun wollte ich mich in diese einzigartige Landschaft zurückziehen, um meinen Roman zu schreiben.
Das Haus auf dem Exposé lächelte mich an.
Dort stand es, eingebettet in einem Garten voller leuchtender Sommerblumen – Stockrosen, Mohn und wilde Wicken.
Ein Ort zum Glücklichsein.
Den Zusatz „Bestlage am Abgrund“ hielt ich für einen Scherz. Auf der Insel gab es keinen Abgrund.
Also verabredete ich mich mit dem Makler und schon am nächsten Morgen rollte ich auf der Autobahn Richtung Norden. Um die Mittagszeit erreichte ich den Damm, der die Insel mit dem Festland verbindet. Die Wasserflächen links und rechts spiegelten das gleißende Licht des Himmels. Ein Schwanenpaar zog so dicht über das geöffnete Verdeck meines Wagens hinweg, dass ich – trotz der Motorengeräusche – das Singen ihrer Flügel hörte. Dann fuhr ich die Inselstraße entlang und bog nach ein paar Kilometern links ab. Das rote Dach begrüßte mich schon von Weitem, leuchtete über den sich wiegenden Feldern. Als ich aus dem Wagen stieg, lächelte das Haus wieder, genauso wie auf dem Exposé. Hinter dem Gebäude sah ich den weißglühenden Himmel, der so oft die Insel umspannt.
Der Makler führte mich gleich in die erste Etage.
Lichtdurchflutete Räume, anheimelnde Möbelstücke aus hellem Holz … ja, hier ließ es sich leben.
Schon verband ich mich mit meinem neuen Domizil und wollte meine Zusage geben, als mein Blick aus einem der Fenster fiel. Dort hinaus, wo das Meer sein sollte.
Das Meer - war nicht da.
Stattdessen wiegten sich dort weißgraue Schleier in einem anmutigen Tanz. Sich verdichtend, wieder lösend, durchscheinend und doch undurchdringlich.
„Ist das Seenebel?“ fragt ich den Makler.
„Nein, das ist der Abgrund, stand doch im Exposé.“ Kam es schroff zurück. Und mit einem knappen „rufen Sie mich an!“ war er schon die Treppe hinunter.
Da stand ich nun. Ratlos wandte ich mich wieder dem Schleiertanz vor dem Fenster zu.
Wo war nur das Meer?
Plötzlich sah ich es.
Blaugrüne Wogen bewegten sich im Rhythmus der Schleier. Ich sah die Gischt tanzen, den Himmel, eine Möwe über dem Wind … schon war alles wieder verschwunden. Die Schleier tanzten einen übermütigen Reigen, so, als würden sie mich auslachen.
Hier wollte ich schreiben?
Schon wirbelte mein Laptop durch die Schleier, schlug ein paar Purzelbäume, tanzte vor mir auf und ab und schien sich köstlich zu amüsieren. Dann kam er zu Ruhe. Auf dem Bildschirm konnte ich den ersten Absatz meines Romans lesen, den ich zwar erdacht, aber noch nirgends aufgeschrieben hatte.
Das war zu viel. Wenn das der Abgrund war, musste ich sehr aufpassen, dass es nicht mein eigener werden würde.
Beklommen verließ ich die Wohnung.
Im Erdgeschoss befanden sich die Räume des Inselfotografen. Ob vor seinem Fenster auch der Abgrund lauerte?
Oder hatte ich mir alles nur eingebildet?
Die Sonne, das offene Verdeck, mein Übermaß an Fantasie …
Ich klopfte an die schwarze Tür, auf die jemand mit weißer Farbe das Wort S T U D I O gepinselt hatte.
„Hey, willst’n Glas Rotwein?“
Als ob er mich schon erwartete hätte, riss der junge Mann die Tür weit auf.
„Niklas“
lächelnd streckte er mir die Hand entgegen.
„Susanna“
Er hielt meine Hand fest, als sei sie ein Rettungsanker.
Neugierig musterte ich den Fotografen, dessen Postkarten und Vergrößerungen bei mir zu Hause an den Wänden hingen. Er hatte wohl einmal sehr gut ausgesehen. Eine hohe schlanke Gestalt, die sich jetzt aber nach vorne beugte, als trüge sie eine unendlich schwere Last. Die grünen Augen, die einmal den jungen Mädchen den Schlaf geraubt haben mochten, wanderten matt und ziellos im Raum umher. Er war ungepflegt und die Finger der Hand, die ich immer noch in der meinen hielt, waren gelb von Nikotin.
Die Frage nach der Aussicht erübrigte sich.
Niklas’ Atelier war mit einer Fensterfront ausgestattet, die über die gesamte Breite des Hauses lief. Von hier aus hatte man wohl früher das Meer sehen können. Es muss ein grandioses Schauspiel gewesen sein. Jetzt aber drückte dunkles waberndes Grau gegen die Scheiben.
Ich erstarrte, bis ins Mark erschüttert.
Niklas umfasste von hinten meine Schultern und flüsterte heiser:
“Was siehst du?“
„Shades of Grey“ entfuhr es mir unwillkürlich.
„Ja, genau. Die Schatten des Grau. Sie werden immer dunkler. Und dazwischen Rot. Rot wie Blut. Sieh mal. Ich hab’s fotografiert.“
Ich betrachtete die Bilder an den Wänden seines Ateliers und mich fröstelte. Statt der blühenden Insellandschaften und der fliegenden Schwäne, die ich sonst von seinen Bildern kannte, sah ich nur das Grau, das Grauen, durchzogen mit blutigen Linien. Ich hatte das Gefühl, als würde sich dieses Grau schon im ganzen Raum ausbreiten. Langsam, fast unmerklich und eiskalt.
Und die dunkelroten Flecken auf dem Fußboden? Zuerst hatte ich gedacht, es seien Rotweinflecke, weil doch überall leer getrunkene Gläser herumstanden standen, aber jetzt …?
Ich sah zu Niklas hinüber, der durch die Scheiben starrte.
Sah seine abgemagerte Gestalt, die schmutzige Kleidung … die erloschene Zigarette in der einen, das leere Rotweinglas umgedreht in der anderen Hand. Der ausgelaufene Wein verband sich mit den blutigen Spuren des Grau.
Niklas sah gerade in seinen eigenen Abgrund.
Die Schatten des Grau krochen durch die Fugen der Fensterrahmen und begannen, ihn einzuhüllen. Mit einem Satz war ich bei ihm und griff nach seinem Arm. „Komm, schnell !!!“
„Nein, es ist zu spät. Hau ab!
Eine Träne lief seine ausgezehrte Wange hinunter, dann begann das Grau, ihn aufzulösen.
Halb wahnsinnig vor Angst stürzte ich hinaus. Als ich im Wagen saß und die Auffahrt hinunterraste sah ich im Rückspiegel, wie dieses entsetzliche Grau mir folgte. Es quoll aus den Fenstern und aus der Haustür. Sogar aus dem Schornstein wehten jetzt graue Nebelfahnen. Mit langen Fingern tastete es nach dem Wagen, schob sich hinein … ein eisiger Hauch streifte meinen Arm.
Das Gaspedal durchgetreten bis zum Anschlag, flog ich über die Insel, den Damm und schoss auf die Autobahn. Erst, als ich Hamburg schon hinter mir gelassen hatte und mein Zuhause in Sichtweite war, fuhr ich langsamer.
Dass ich den jungen Fotografen nicht retten konnte, tut mir heute noch weh. Durch seinen Tod ist er ein Teil meines eigenen Abgrunds geworden.

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Kommentare

28. Apr 2016

Eine fesselnde Geschichte mit enormem Spannungsverlauf. Hab sie in einem Rutsch gelesen und konnte die beklemmende Situation fühlen. Mehr kann man doch nicht erwarten. Toll.
LG Monika

28. Apr 2016

Ich freue mich, dass Dir meine Geschichte so gut gefällt.
Herzlichen Dank und liebe Grüße,
Susanna