Gefährlicher Sommer (1.Teil) - Page 2

von Annelie Kelch
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ich seinen Dickkopf überlisten konnte, dann war es zweifellos sein hervorragender Appetit. – Ich hielt ihm die Delikatesse buchstäblich unter die Nase, schwenkte das Schälchen hin und her und zog mich damit auf die Treppe zurück. Natürlich zierte sich unser verwöhnter Stubentiger noch ein Weilchen. Als er endlich sein Hinterteil hob, betont langsam und sehr majestätisch, um sich würdevoll mit mir ins Erdgeschoss zu begeben – mit einer Leidensmiene, als hätte er weitaus Wichtigeres verloren als die Durchsetzung eines flüchtigen Willens –, fiel mir ein winziger, blütenweißer Papierfetzen auf, der unter einem der schäbigen Ziegel hervorblitzte. Du kannst dir sicherlich vorstellen, wie groß meine Überraschung war, als ich die Briefe entdeckte. Hast du sie dort versteckt, Mama?“ – Sie sah mich prüfend an.
„Ja, erwiderte ich ruhig. „Und? Hast du sie gelesen?“
„Wo denkst du hin? Keinen einzigen! Sie sind doch an dich adressiert!“, wehrte Sina empört ab.
Dann fragte sie mich, ob Katja noch am Leben sei. Ich wusste darauf keine Antwort. Wir verbrachten nur noch einen einzigen Sommer gemeinsam auf dem Gut, den darauf folgenden im Jahr 1964. Ich werde diese Ferien mein Lebtag nicht vergessen; manchmal kommt es mir so vor, als hätten sie sich unlängst zugetragen, und ich denke trotz allem gern an sie zurück. Vermutlich erinnere ich die miteinander verbrachte Zeit, unsere letzten schaurig-schönen Wochen, weitaus entspannter als Katja, die erst wenige Tage vor unserer Abreise zu ihrer ungetrübten Laune zurückfand. –
Wir hielten es nicht einmal für nötig, uns voneinander zu verabschieden. Als die Ferien zu Ende gingen, gab es keine Freundschaft mehr zwischen Katja und mir; ein riesiger Trümmerberg stand zwischen uns. –

Kaum dass Sina sich verabschiedet und auf den Heimweg begeben hatte, holte ich die Briefe hervor und begann zu lesen. Ich las die ganze Nacht hindurch, einen nach dem anderen, mit wachsender Begeisterung, immer wieder und wieder ... so lange, bis Hof Lachau auf wunderbare Weise in mir lebendig wurde: Tief in Gedanken an die gute alte Zeit, war ich auf meinem kleinen Fernsehsofa in mich zusammengesunken, und als mir nach einer Weile die Augen zufielen, strömte eine gigantische Flut von in Vergessenheit geratenen, lieben Erinnerungen durch meinen Kopf, die, wie ein Echo aus fernen Tagen, mit sommerlich-ländlichen Skizzen farbenprächtig Revue passierten und den vertrauten Kindheitsduft anschwemmten, der mir sogleich prickelnd in die Nase stieg – und endlich ... da endlich gab mein Gedächtnis jene Bilder frei, die ich nach all den Jahren ausgelöscht und für immer verloren glaubte:

Ich saß auf der verwitterten bäuerlichen Holzbank, die schon seit ewigen Zeiten unter der knorrigen, jahrhundertgrünen Eiche neben dem Herrenhaus stand, und sah Knut auf dem Trecker die von alten Kastanienbäumen umsäumte, schattige Allee entlangtuckern, die vom Hof in schnurgerader Richtung zur Dorfstraße führte. Ich hörte das Federvieh hinter der Buchsbaumhecke scharren und ein Lied vom freien, glücklichen Hühnerleben krakeelen, spürte die Frische des verwilderten Teiches auf meiner Haut und sann den zarten Farben der Seerosen nach, die im spiegelnden Sonnenlicht auf dem Wasser schwammen. – Luchs, der alte Wachhund, der in der Mittagsglut döste, hob von Zeit zu Zeit den Kopf und blaffte die Gänse zurück, die sich erdreistet hatten, aus dem Wasser zu steigen und lauthals schnatternd in den kühlen Park marschieren wollten. Eine sanfte Brise hauchte den Duft von Klee und Luzernen vom Heuschober herbei und verdrängte sekundenlang den Stalldunst. Dann roch es mit einem Mal wieder betäubend süß nach den goldgelben Blüten der vier prachtvollen, himmelhohen Sommerlinden, die die Vorderfront des stattlichen Herrenhauses beschatteten und vor neugierigen Blicken abschirmten, nach reifen Kirschen, Wildblumen und Kräutern.
Plötzlich schoss Leni ins Bild; sie stapfte wütend über den sonnenbeschienenen Hofplatz, wirbelte aschgrauen, heißen Staub auf und stieß hexenhafte Verwünschungen aus – vermutlich, weil jemand die Frechheit besessen hatte, sie zu ärgern.
Und endlich entdeckte ich Katja: Meine Sommerfreundin kauerte rittlings, nur wenige Meter von mir entfernt, in einer breiten Astgabelung im Laubwerk der turmhohen Eiche, deren massiger Stamm über und über mit meergrünen Krustenflechten und Baummoos bedeckt war. Sie war nahezu unsichtbar und wirkte gleichsam erstarrt – wie ein gigantischer Ziegenmelker in der Ruhephase, wie ein wundersames Fabelwesen. Den Blick in das offene Buch gesenkt, das die rechte Hand fest umklammert hielt, während die linke im Geäst für Halt sorgte, schien sie nichts anderes wahrzunehmen als dem Druck verfallene, schwarze Lettern. Ihr glattes dunkles Haar fiel weit in die Stirn und bedeckte die grünen Augen. Die blaue Caprihose war bis zu den Knien hochgerutscht und gab den Blick auf die gebräunten Waden frei. Eine feine graue Staubschicht lag über ihren nackten Füßen.
Ich rief ihren Namen, aber sie hörte mich nicht. Ich stieg auf die Bank, reckte den Arm empor und wollte ihr Fußgelenk packen. Aber meine Hand griff ins Leere. Ihre Gestalt verschwamm vor meinem Gesicht und löste sich nach und nach auf, als hätte jemand einen undurchdringlichen Nebelschleier über sie geworfen und zöge sie sanft von mir fort – in eine Welt, die fern und mir fremd und voller Geheimnisse war.

Ich verwahrte Katjas Briefe in einem Geschenkkarton auf, zusammen mit jenen, die Hannes mir während unserer Verlobungszeit und in den beiden Jahren, in denen er sich berufsbedingt im Ausland aufhielt, geschrieben hatte. Aber die Gedanken an Katja und dass unsere wunderbare Freundschaft für den Rest unseres Lebens unwiederbringlich zerbrochen schien – einzig und allein wegen Hannes, der nur wenige Jahre nach den letzten gemeinsamen Ferien auf Hof Lachau mein Ehemann wurde –, beschäftigten mich während der nächsten Wochen dermaßen intensiv, dass ich nächtelang wach lag und meiner Sommerfreundin nachsann. Ich zerbrach mir regelrecht den Kopf über das Mädchen mit den Katzenaugen und dem unersättlichen Lesehunger, mit dem ich das einzigartige Hochgefühl und die Gunst des Schicksals, die Ferien auf dem idyllischen Landgut verleben zu dürfen, nicht nur bereitwillig, sondern mit aufrichtiger Freude teilte. Im wahrsten Sinne des Wortes: teilten wir doch miteinander sämtliche Herrlichkeiten, die uns an jenem märchenhaften Ort in den Schoß fielen, angefangen bei den süßen Früchten des Obstbaumgartens, bis hin zur ungetrübten Aufmerksamkeit der auf unser Wohlergehen bedachten, freundlichen Menschen, die auf Hof Lachau lebten und dort in aller Ruhe

Dies ist der Prolog zu meinem ersten Buch, damals, in Hamburg; ich glaube, ich habe es schon 2007 begonnen. Es hat ca. 400 Seiten und es fehlen nur noch zwei Kapitel. Gestern Nacht erlebte ich eine freudige Überraschung: Ich habe das Buch damals mit einem anderen Schreibprogramm begonnen: „Starwriter" (im übrigen kein schlechtes Programm) – hatte schon sehr, sehr viel geschrieben und wollte es dann ins Wordprogramm kopieren. Es ging leider nicht; es funktionierte tatsächlich nicht. Ich war sehr niedergeschlagen und hatte irgendwann begonnen, alles neu abzuschreiben – ins neue Wordprogramm. Gestern Nacht, beim erneuten Abschreiben, mein damaliger Computer war vor einem Jahr abgestürzt und sämtliche Dateien vernichtet und auch von einem Fachmann nicht wiederherstellbar, habe ich – so nebenher beim Schreiben – einfach aus einer Laune und Resignation heraus, versucht, ein Wort von der Starwriter Version, die ich nebenbei geöffnet hatte, zu kopieren und ins Wortprogramm einzufügen – es funktionierte. Heureka! – Mann, war ich happy – und habe natürlich gleich den ganzen Text ins Wordprogramm kopiert. Viel einfacher für mich nun! Sogar die verdeckten Zeichen der Trennungsstriche habe ich, technisch wenig versiert, ausschalten können. Lacht bitte nicht, ja! – Ich weiß, das bedeutet lediglich die Fortnahme eines Häkchens (sofern man herausfindet, wo es sich befindet), trotzdem habe ich mir ganz sanft auf die Schulter geklopft; es war immerhin gegen drei Uhr nachts und ich längst nicht mehr taufrisch im Kopf. – Ihr bekommt mein Buch zuerst zu lesen; dabei kann ich es gleich korrigieren. – Ach ja: für Axel: Den Namen Axel (Kröger) habe ich bereits 2007 „erfunden". Er hat nichts mit dir zu tun und du darfst dich nicht daran stören. Außerdem ist Herr Kröger ein ganz lieber Mensch. Hoffentlich gefällt euch mein Jugendkrimi, der ebenso gut von Erwachsenen gelesen werden kann. Es wird noch sehr spannend. Liebe und gleichermaßen gefährliche Sommergrüße von Anne-Li.

eine Collage – von mir, auf einem Blatt, es sind ursprünglich zwei Bilder; das Kätzchen begleitet den ersten Buchstaben nach dem Prolog

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Kommentare

28. Jul 2017

Der Anfang scheint scho ma sehr jut!
Macht Mut! KRIMIS kenn ick! Absolut!
(ICK hab den Fall bereits jelöst!
Während Englart noch doof döst!)
[Herr Kröger is NICH Englart! Jewiss!
Weil der n LIEBA Mensch doch is!]

jez. Bertha Krause!
(Jugendkrimi is Sause!)

28. Jul 2017

Dank, Bertha, dir, für deinen schönen Kommentar:
Du wärst ganz sicher mal ein guter Kommissar
geworden; das wird mir jetzt klar.
Herr Kröger war es nicht - der Mörder längst gefasst:
Ick bin so müüüüde heut' - und mache jleich ne Rast.
Aber du seh jetzt zu, dat du inne Pötte kommst, Berthaken,
für nüscht und wieda nüscht bezahlt der Englart
jeden Tach 100 Euro, schämste dir denn jarnich?

LG Anne Li

28. Jul 2017

Sehr gespannt bin ich auf dein Buch, das voller Erinnerungen steckt und so geschrieben ist, dass man kein Wort auslassen möchte, lieb Annelie!

Liebe Grüße - MARIE

28. Jul 2017

Danke, liebe Marie, du wirst es mir nicht glauben; aber ich habe gestern Nacht tatsächlich darüber nachgedacht, wem ich das Buch widmen könnte, und da ich deine Vorlieben längst kenne, habe ich gedacht: Das widme ich der Marie. -Merkwürdig, nicht? Ich wusste plötzlich ganz genau: Du wirst es mögen. Der Prolog ist ja auch sehr brav geschrieben, weil ihn eine reife Frau "denkt". Die nachfolgenden Kapitel schreiben dann zwei Teenager; da geht es dann nicht mehr so brav, aber immer noch sehr gesittet zu.

Liebe Grüße,
Annelie

28. Jul 2017

Dieser Prolog machte mich neugierig.
Der Name Axel Kröger ließ mich lächeln. Mein Geburtsname ist Gröger, mein Sohn heißt Axel.
Dass dein Axel nach Australien ausgewandert ist, macht mich noch neugieriger.

Viel Erfog mit dem Buch wünscht dir
Willi

28. Jul 2017

Lieber Willi: du hast dich zu einem Kommentar aufgerafft - das ist fast wie eine Ehre. Du wirst es nicht glauben: Aber es ist tatsächlich alles Zufall, und ich will die Namen jetzt nicht mehr umstellen - das Namenerfinden dauert bei mir immer so lange, ich quäle mich richtig damit rum, du glaubst es nicht. Selten bin ich zufrieden mit meinen erfundenen Namen; aber diese in "Gefährlicher Sommer" bleiben so wie sie sind und waren. Ja, tatsächlich habe ich dieses Buch schon vor fast zehn Jahren geschrieben - bis auf zwei Kapitel, die noch offen sind. Ja, Hannes und Christine wollten durch Schweden wandern und Katja und Axel sind nach Australien ausgewandert. Passt auch irgendwie zu dir und deiner Frau. Das sind schon merkwürdige Zufälle. Ich hoffe, du bleibst dran: Es wird spannend, aber auch sehr witzig (kennst mich ja schon bald: ohne eine Prise liebevollen Spotts geht es selten zu in meinen Texten - ein urernstes Buch zu schreiben - ohne wenigstens unterschwelligen Humor - kann ich mir kaum vorstellen. Auch Maries Buch "Mein rosaroter Cousinot" ist mit Humor geschrieben, auch wenn man nicht ständig lachen muss.

Liebe Grüße,
Annelie

29. Jul 2017

Liebe Annelie, auch ich wünsche Dir ganz viel Erfolg und weiterhin gute Ideen.

Liebe Grüße
Soléa

29. Jul 2017

Danke, liebe Soléa. Ich gehe davon aus, dass du den Text zumindest überflogen hast - du hast ja momentan wenig Zeit. Beib ruhig dran: Es kommt auch zu einer Fahrt mit dem Rad durch den Wald im Buch, die auch dein Herz höher schlagen lässt, und dabei anspricht, was du mir zu "Radfahren im Wald" geschildert hast.

Liebe Grüße,
Annelie

30. Jul 2017

Liebe Annelie, ich bleibe dran. Ich hatte die erste Seite gelesen um mir einen Eindruck zu verschaffen, doch wie Du erwähntest bin ich im Treiben… Bin auch am Computer nicht der Langzeit Leser. Aber! Ich lasse mir Deinen Roman ausdrucken. Dann kann ich mir einen Ort des Friedens suchen und eintauchen…

Herzliche Grüße
Soléa

30. Jul 2017

Danke dir fürs Lesen, liebe Soléa - bleib ruhig dran, nach dem dritten, vierten Kapitel wird es sehr spannend. Ich lese übrigens auch nicht so gerne am Computer; aber einige Geschichten hier sind wirklich zum Ausdrucken lesenswert. Ich wünsche dir viel Spaß an meinem ersten Buch - mit dem ich das Schreiben erst richtig begonnen habe. Und hier - bei Literatpro - bin ich in einen Lyrikrausch gefallen - den ich mir selbst niemals zugetraut hätte.

Liebe Grüße,
Annelie

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