Anonymus

von Annelie Kelch
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Jetzt lebte er seit gut dreißig Tagen in dieser windverspielten, mö­wenumflatterten Stadt, ohne eine Ahnung, wie er dorthin gelangt war. Die Polizei hatte alle in Frage kommenden Landeskriminalämter angeschrieben, aber niemand vermisste ihn. Der Gedanke, dass der einzige Mensch, dem seine Abwesenheit hätte auffallen müssen, womöglich ermordet worden war, während er sein nacktes Leben gerettet hatte, ließ ihn nicht mehr los. Vor den Beamten hielt er diese Theorie geheim; er scheute sich davor, seine schreckliche Vermutung auszusprechen, vor lauter Angst, sie könne sich durch seine Offenbarung bewahrheiten. Wahrscheinlich habe ich in einer Großstadt wie dieser gelebt, dass niemand mich kennt oder gar vermisst, dachte er, und spürte die Einsamkeit seines Herzens. Es gab noch nicht einmal eine Erinnerung, von der er hätte zehren können.
An einem sonnigen Tag Anfang Juni war er vor dem Bahnhof ei­ner ihm unbekannten Stadt gestrandet. Unter welchen Umstän­den er dorthin gelangt war, lag völlig im Dunkeln. Das Leben, das er bis zu jenem Zeitpunkt wohl oder übel geführt haben musste, war ihm nach wie vor ein Rätsel, und er hatte keinen blassen Schimmer, wie er seine Zukunft gestalten sollte.
Über dem Portal des weitläufigen Bahnhofs, den er schwerlich auf Schusters Rappen erreicht haben konnte, war mit weißen blechernen Lettern der Schriftzug „Wandelhalle“ angebracht. Wandeln, was für ein antiquiertes Wort, hatte er gedacht. Wohin denn nur und zu welchem Zweck? Er hatte ganz vorsichtig einen Fuß in das Gebäude gesetzt, als bestünden die rotbraunen Fliesen aus zerbrechlichem Ton. Dabei fiel ihm ein Bibelspruch ein, Worte, die Jesus zu seinen Jüngern sprach: Ich bin das Licht der Welt, wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis wandeln.
In der Wandelhalle war es an manchen Stellen ebenso finster gewesen wie in seinem Gedächtnis, und ihm war kein einziger Mensch begegnet, der dort lediglich wandelte; alle hatten es furchtbar eilig. Ein Wortmeer aus exotischen Lauten war durch die Halle gesprudelt, aber er vermutete, dass weitaus mehr ge­redet als gesagt wurde. Er fragte sich, ob das Innengebäude in einem helleren Licht erstrahlt wäre, hätte Jesus dort Station ge­macht. Er zumindest wäre ihm gefolgt, heimatlos wie er war. Sehnsüchtig hatte er gehofft, dass ihm endlich ein Licht auf­ginge, aber selbst vor den mannshohen Spiegeln in den mehr­stöckigen, neonlichthellen Kaufhäusern, einen Speerwurf vom Bahnhof entfernt, blieb die Erleuchtung aus. ‑
„Wer bist du?“, hatte ihn der mittelgroße, etwa fünfzigjährige Mann mit dem graumelierten Haar und dem hageren Gesicht gefragt und ihn aus blassblauen Augen verständnislos angeblickt
„Wer bin ich ...“, flüsterte er. Wenn ihm wenigstens sein Name eingefallen wäre ...
„Können Sie mir bitte sagen, in welcher Stadt ich mich befinde?“, hatte er sich an die freundlich blickende Frau, die vor einem Geldinstitut stand und ihm eine Obdachlosenzeitung verkaufen wollte, gewandt. ‑
„Willst mich wohl veräppeln, min Jung?“, hatte sie lachend erwidert. „’türlich in Hamburg, anne Waterkant, wo denn sünst?“
In der Wandelhalle, durch die er bedächtig gewandelt war, hatte ihm ein verführerischer Duft, eine Mischung aus frischen Zimt­schnecken und Döner, Appetit gemacht, und die kleine Brise, die draußen warm um seine Nase strich, verstärkte dieses Gefühl. Er konnte und wollte seinen Hunger nicht länger unterdrücken. Seine rechte Hand tastete zur hinteren Hosentasche, wo er seine Geldbörse vermutete; sie war leer. Er sah an sich herunter, sein Blick glitt über ein nicht mehr ganz sauberes graues T‑Shirt, blaue Jeans und schwarze Sportschuhe. Über­rascht stellte er fest, dass er krampfhaft die Bügel einer buntka­rierten Stofftasche umklammert hielt. Erwartungsvoll warf er ei­nen Blick hinein, als läge seine Vergangenheit darin, aber was er in der Tasche fand, ließ ihn fast vom Glauben abfallen. Er konnte sich nicht daran erinnern, wo und wann er den kleinen Lyrikband erstanden hatte, das Konterfei des Dichters hingegen, das wie ein Stempel in den Einband gepresst war, schien ihm seltsam vertraut. Ein Blick auf die zweite Seite des Buches bestätigte sein Gefühl: Er war im Besitz von Rilkes Gedichten, sein einziges Hab und Gut.
Während er wie bislang an jedem Tag der Spitaler Straße folgte, um anschließend auf der Mönckebergstraße zu wandeln, lauschte er in sich hinein, um der Antwort nach seinem Beruf auf die Schliche zu kommen. Das würde ihn ein gutes Stück voran­bringen. Vor zwei Tagen war er an einem Juweliergeschäft vor­beigekommen und hatte sich von den kostbaren Auslagen wie magisch angezogen gefühlt. Inmitten der wertvollen Stücke lag eine Goldkette, die mit „32.589 Euro“ ausgezeichnet war. Er hatte das kostbare Schmuckstück fachmännisch, wie er glaubte, betrachtet und war zu dem Schluss gelangt, dass der Preis an­gemessen war. Später dachte er lange darüber nach, ob er Goldschmied gewesen sei. ‑
„Oder du bist ein gefährlicher Räu­ber und brichst in Juweliergeschäfte ein“, hatte Hermann, sein Bettnachbar in der Caritas Krankenstube auf St. Pauli, gegrient. Unmöglich, hatte er erwidert, die Polizei habe nicht nur seine Fingerabdrücke, sondern auch die DNA. Wäre er ein Verbrecher, hätten die Kriminalen das längst herausgefunden.
Er lief über den Jungfernstieg und wechselte auf die Straße zum Alsterteich, der von schmucken Patrizierhäusern umsäumt war. Die Szenerie dünkte ihm prachtvoll und feudal, und er konnte sich schwerlich vorstellen, jemals etwas Schöneres gesehen zu haben. Er ließ sich auf einer Bank nieder, die Aussicht auf die hohe Fontäne und den Alsterpavillon gewährte, und starrte auf das ruhige blaue Wasser. Wie gerne hätte er einen Kaffee getrunken, aber das schmale Taschengeld, das man ihm zur Verfügung gestellt hatte, war auf fünfzig Cents zusammengeschmolzen. Nachdem er eine Weile die Touristen beobachtet hatte, die um die Binnen­alster wandelten, schlug er den Lyrikband an einer x-beliebigen Stelle auf und las: "...denn Herr, die großen Städte sind verlorene und aufgelöste; wie Flucht vor Flammen ist die größte ... Da le­ben Mensch, schlecht und schwer ... da wachsen Kinder auf an Fensterstufen, die immer in demselben Schatten sind und wis­sen nicht, dass draußen Blumen rufen zu einem Tag voll Weite, Glück und Wind, ‑ und müssen Kind sein und sind traurig Kind."
Die letzten Worte berührten sein Herz, und er schaute aufmerk­sam umher, ob irgendwo ein trauriges Kind unterwegs sei, aber bis auf einen kleinen Buben, dessen Eis auf das Pflaster gefallen war, konnte er keines entdecken. Der etwa vierjährige Wicht ver­zog sein Gesicht, als wolle er in Tränen ausbrechen, aber da war auch schon sein Vater zur Stelle und beide marschierten zum Kiosk, um eine neues Eis zu kaufen. Ihm lief das Wasser im Mund zusammen, obwohl er deftigeren Speisen den Vorzug gab.

So furchtbar schlecht sehen die Menschen hier gar nicht aus, sinnierte er. Schwer, ja, das waren viele. Übergewichtig und demzufolge schwer. Wohlgenährt dünkten ihm die Hamburger und gut gekleidet waren sie auch. Selbst die Schwäne, die auf der Alster ihre Bahnen zogen, sahen satt und zufrieden aus. Muss wohl während der Weimarer Republik gewesen sein, als Rilke jene Zeilen schrieb, überlegte er. Da herrschte doch Infla­tion. Wenn er sich recht erinnerte, hatte 1932 der Dollar 4,2 Billi­onen Mark gekostet. Zu jener Zeit ging es allen schlecht. Er er­hob sich von der Bank und schlenderte zum Rathaus, vor des­sen imposanter Fassade ein Pulk von Touristen stand, die Fotos schossen. Früher waren die Märkte bedeutender, fiel ihm ein, mehr Mittelpunkt, und Kinder tollten dort herum, spielten Seil­hüpfen oder mit bunten Bällen. Das geht heutzutage nicht mehr in den großen Städten. Spielende Kinder sind dort nicht mehr angesagt, von den riesigen Einkaufspassagen mal ganz zu schweigen. Eher würden die Betreiber in ihren Konsumpalästen Hunde herumtollen lassen. Kein Wunder, dass sich kaum noch jemand Kinder wünscht, dachte er und lächelte wehmutsvoll.
Er bog mit dem Menschentrubel in die Mönckebergstraße. Hier sind nur Leute unterwegs, die Geld in den Taschen haben, überlegte er und erinnerte sich mit einem warmen Gefühl an den Tag seiner Ankunft – kurz bevor er sich auf der Polizeiwache gemeldet hatte. Ein netter alter Herr hatte ihm drei Euro ge­schenkt, damit er sich in der Wandelhalle ein belegtes Brötchen kaufen konnte. Hier, an derselben Stelle, wollte er sein Glück er­neut versuchen. Das Paar mittleren Alters, das ihm entgegen kam, sah nett und zugänglich aus. Der Mann trug eine Hornbrille, die Dame an seiner Seite war zierlich und blond. Er trat an sie heran und erzählte, dass er hungrig sei; nicht wisse, wie sein Name laute und woher er komme. Der Klinikarzt habe eine retrograde Amnesie diagnostiziert. Ob er die Herrschaften um zwei Euro bitten dürfe.- Das Pärchen stolzierte an ihm vorbei, als wäre er gar nicht vorhanden, was er durchaus nachvollziehen konnte: Er hatte weder eine Vergangenheit noch eine Zukunft und obendrein keinen Pass.
Die Frau, die er danach ansprach, beschimpfte ihn auf üble Weise, und er sah sich von einer Sekunde zur nächsten von Menschen umringt, die zornig über ihn herfielen. Niemand schien gewillt, ihm auch nur einen einzigen Cent zu überlassen. Sie nannten ihn „Lügner, „Betrüger“ und „elendes Gesocks“, und er fragte, weil ihm nichts Besseres einfiel: „Ja, wandelt ihr hier denn alle in Finsternis?“-
Ein kecker junger Mann schaute in die Runde und fragte mit höhnischer Stimme: „Ist es hier etwa finster, Alter? Haste was midde Augen?“ Er überlegte, ob er ihn darüber aufklären sollte, dass diese Worte von Jesus stammten, der keinesfalls die Beschaffenheit des Lichts, sondern die Herzen der Menschen gemeint hatte, als ein Mann ihm ins Gesicht schleuderte, dass er Kulturpessimisten wie ihn auf den Tod nicht leiden könne; während eine Frau mit grell geschminkten Lippen und platinblonden Haaren vorschlug, ihn in die "Klapsmühle" befördern zu lassen.
„Der gehört doch nach Ochsenzoll!“, hatte sie geschrien, worauf er wissen wollte, wo das denn sei. Ob er dort etwas zu essen be­käme, einen Döner vielleicht oder gar eine Zimtschnecke, ihm sei schon ganz schlecht vor Hunger. „Armer Irrer“, ließ eine männliche Stimme aus einiger Entfernung verlauten, was in sei­nen Ohren fast tröstlich klang. Wäre ich doch nur nicht ..., kam ihm mit einem Mal wie ein Geistesblitz in den Sinn geschossen. ‑ „Was?“, fragte er leise, „was tut dir leid?“ Und er lauschte wieder in sich hinein, aber sein Erinnerungsvermögen verfinsterte sich sogleich, als sei er aus einem hell erleuchteten Zimmer in die schwarze Nacht getreten.

„Sehr euch nur mal die Alster an“, sagte Hauptkommissar Klaus Grote und ließ seinen Blick über das aufgewühlte Wasser schweifen.
„Sabbert heute ´ne Menge Gischt, die feine Dame! Na ja, war ja auch lange nicht mehr so stürmisch. Er beobachtete den Rechtsmediziner, der neben der Leiche kniete, die vor einer Stunde ans Ufer gespült worden war.
„Der vierte Tote in diesem Monat. Wenn das so weitergeht, brauchen wir demnächst erheblich mehr Zuwanderer“, brummte Grote.
„Du denkst an Mord, Klaus? Und vermutest den Täter keinesfalls in der rechtsradikalen Szene, weil die doch ...?“, fragte Lars Jäger seinen Chef.
Grote grinste sarkastisch und fragte: „Wie lange hat er im Wasser gelegen und was hat ihn zu Tode gebracht, Rainer?“
„Höchstens fünf Stunden, Klaus. Der Mann ist eindeutig ertrunken. Nach der Obduktion weiß ich mehr.“
Rainer Bertram war aufgestanden und betrachtete das Gesicht des Toten, der zu lächeln schien. ‑
„Selten sehen sie so friedlich aus. Ich tippe auf Selbstmord, Klaus“, wandte er sich an Grote.
„Mensch, den kenn ich doch“, stammelte Jäger. „Das ist unser Anonymus. Der mit der Amnesie.“
„Habt ihr ihm das abgekauft“, fragte Bertram und runzelte die Stirn. „Das ist eine äußerst seltene Krankheit.“
„Möglich, dass er uns an der Nase herumgeführt hat“, erwiderte Grote. „Gestern kam ein Fahndungsbericht aus Berlin. In Charlottenburg wurde eine Frau tot in ihrer Wohnung aufgefunden, erschossen, aus nächster Nähe. Anonymus könnte ihr Ehemann gewesen sein, wenn ich ihn mir genau betrachte. Beide hatten noch vor kurzem ein Juweliergeschäft am Ku´damm. Nachdem man sie letztes Jahr überfallen hat, wobei der Mann erhebliche Verletzungen davontrug, haben sie den Laden verkauft und lebten seither völlig zurückgezogen. Die Wohnung wurde total verwüstet. Es gäbe dort keinen Winkel, der nicht durchsucht worden wäre.“
„Glaubst du, dass Anonymus etwas mit der Sache zu tun hat, Klaus?“, fragte Jäger. Grote zuckte mit den Achseln.
„Er wird es uns leider nicht mehr sagen können, Jäger, aber wir werden es hoffentlich bald erfahren.“

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Kommentare

15. Jan 2019

Spannend, faszinierend, traurig, bedrückend und berührend! Wirkt sehr lebensnah ... könnte (leider) durchaus wahr sein!
Liebe Grüße vom Alfred!

16. Jan 2019

Danke, lieber Alfred, dass Du die Geschichte gelesen hast. Du hast recht - Sie könnte (leider) überall, in mannigfachen Variationen, so geschehen - in jeder Stadt.

Liebe Grüße,
Annelie