Die Sekunde dazwischen

von Alf Glocker
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Flieg der Zeit davon und du wirst feststellen, daß es dich niemals gegeben hat. Verlangsame deine Geschwindigkeit und du bleibst hinter dem Leben zurück – es wird ohne dich weitergehen, denn für dich findet dann nichts mehr statt. Außerhalb von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft(?) hast du nicht stattgefunden … wobei, wie wir ja alle wissen, daß eine „Gegenwart“ praktisch auch gar nicht existiert – ist sie da, ist sie auch schon wech. Was war denn dann überhaupt?

Stirb, und du wirst es beurteilen können … außer, du konntest im Leben auch schon nichts beurteilen. Der Tag deines Todes sollte jedoch nicht vor deiner Geburt liegen, sonst verfehlst du sogar die „bewusste“ Illusion dazwischen. Träume dich und sei nicht beleidigt, wenn deine paar Tage zu Ende sind. Ein „Davor“ und ein „Danach“ ist immer vorhanden … ansonsten war nichts. Etwas Gravitation vielleicht, vielleicht ein bisschen Hemmungslosigkeit, vielleicht ein gewaltiger Irrtum, Vielleicht Angst, Triebe und Verzweiflung …

Aber beweisbar bist du für dich nur, solange du lebst. Deine „wahre“ Identität ist ein Zustand, der sich zeitlich – von hier bis dort – beschreiben lässt. Im Stillstand der Ereignisse, außerhalb des Mikrowellenrauschens, oder dem Chaos der Quanten, liegt alles begründet. Dort ist das „Geheimnis“ zuhause. Von dort aus setze dich in Bewegung! Dann taucht zuerst ein Flimmern vor dir auf. Was du zunächst wahrnimmst, ist wie ein Silberstreif am Horizont: die ewige Schöpfungsgeschichte …

Dann nimmst du Fahrt auf – ein unwiderstehlicher Sog reißt dich in eine Welt, die aus Explosionen und der Wucht eines Schicksals besteht, das ständig dabei ist, dir einen Weg zu schmieden, auf dem du Eindrücke sammeln kannst, um dir ein Urteil zu bilden … sofern das in deinen Genen geschrieben steht: Die Fähigkeit, sich überhaupt ein Urteil bilden zu können. Ansonsten schwimmst du einfach mit, in diesem anscheinend langen trägen Fluss, der wieder ins Nirgendwo mündet.

Betrachte deine Welt! Auf der Höhe des Lichts rast du mit ihr durch das All und du entwickelst einen Geist, der keine Erinnerungen an die Zukunft hat, weil er formbar ist und interpretieren kann/muss. Ein Aufenthaltsort aus 4 Dimensionen hat sich um dich herum geformt – nun sei froh, wenn du nicht gefoltert wirst. Deine Gefühle werden dir ohnehin ein Inferno bereiten, in welchem du jede Pflichterfüllung als Erleichterung verspüren wirst – aber innerhalb dieser Pflichterfüllung tut dir sogar das Denken weh. Man wird dir die Einsicht nicht freiwillig überlassen!

Dann vereinige deine Kräfte auf einen einzigen Zustand: Sei eine Seele! Das Universum hat dich mit seinem Schwung verzaubert. Zwischen sich drehenden Galaxien, mit den Materie saugenden Mittelpunkten und den verrückt gewordenen Atomen, die sekündlich in den Tiefen des Kosmos neu kreiert werden, bist du ein Spielball der Elemente. Schwimme gegen den Ereignisstrom an, stemme dich wie ein Fels in die Brandung … und du wirst erleben was es heißt, fleischlich zu sein! Aus den Schwierigkeiten erwächst dein begreifbares Ich zu einem Wesen heran.

Erkenne! Aber sei dir bewusst, daß alles zwar einen bestimmten Zweck hat (der dir irgendwann klar werden möge), du jedoch nichts festhalten kannst, denn zwischen Geburt und Tod ist immer nur eine Gegenwart, die stets gewesen ist, eine Vergangenheit, die sich nur durch Erinnerung darstellen lässt (lässt man einmal die Ruinen, die Skelette des Seins außer Acht) und eine Zukunft, die nicht unbedingt stattfinden wird … falls sich deine Geschwindigkeit verlangsamen sollte. Wenn sie das tut, hast du – im wahrsten Sinne – das „Nachsehen“.

Vielleicht nimmst du dann noch wahr, wie sich alles wieder von dir fortbewegt, vielleicht reicht der Bremsvorgang deiner Daseinsillusion noch aus, um dir ein „Danach“ als dunkler werdende Epoche anzuzeigen, aber Einfluss nehmen kannst du dann nicht mehr … hast du denn „Einfluss“ genommen? Oder wurdest du „beeinflusst?“ Warst du männlich, weiblich, oder nicht klar definiert? Hast du dich sexuell oder intellektuell auf der Erde verbreitet, oder gerietst du in den Bereich eines Vampirs, der dich ausgesaugt hat?

Hast du das Ausgesaugtwerden womöglich noch als lustvoll empfunden? Hast du dich in den „Schutz“ eines Despoten, oder einer Ideologie begeben, die dir alles vertretbar erscheinen ließ? Hast du einem Sklavenhalter gedient, oder warst du selbst einer? Außerhalb nicht fließender Energien ist alles möglich. Oft wirst du in den Spiegel deiner Seele blicken … und wenn du dich darin als zweifelsfrei „echt“ erkennst, dann bist du in (der) Wahrheit befangen. Sag einfach: „Ich will so bleiben, wie ich bin!“ Und dann geh fröhlich deinem Ende entgegen.

Im Angesicht des Todes wirst du dir eingestehen müssen, daß nichts von alledem was du sagtest, tatest und dachtest mit der Wirklichkeit übereinstimmte. Denn die Wirklichkeit liegt allein in der Schicksalsplanung eines seltsamen Ursprungs, der sich sogar auch noch verkalkulieren kann. Dann besinne dich auf das was du warst, bevor dich das Tohuwabohu in Besitz nahm und du dich mit Horizonten konfrontiert sahst, die scheinbar real vor dir lagen, damit du sie formen kannst.

Fahre durch das Blitzlichtgewitter der Augenblicke und lass dich betäuben von der Energie eines Umfeldes, das jederzeit in der Lage ist, dich mit Träumen zu blenden, die in Schmerzen real und in Leidenschaften selig werden. Begegne einem Etwas, das dich ausdrückt und verliere in ihm das Bewusstsein – vereinige dich mit der Lust, außer der Arbeit intakter Drüsen nichts mehr zu empfinden, und übertrage das Quantenchaos in elektrische Impulse, die dir einen Sinn vor das geistige Auge gaukeln, in dem du völlig aufgehen kannst. Dann wende dich wieder dem Leben zu.

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Kommentare

29. Apr 2018

Spannend geschrieben, Alf, da fange ich mal gleich mit an - und wende mich mit Grüßen an Dich!
Monika

29. Apr 2018

Ja Alf,
im Spiel ist es nicht vorgesehen
dass wir jemals verstehen
Arthur S. und Camus
waren auf guter Spur
bin ohne Talent
und dilettiere nur
Gruß
ulli

30. Apr 2018

Deine Fülle von Denkanstößen
müssen erst verdaut werden.
So mir ein Bruchteil gelingen sollte,
werd ich mich nicht beschweren.
Ein großartiger Essay.

LG Monika