Parkstück

von Monika Jarju
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Die zwei Frauen, die wuchernde Büsche und stille Bänke umrunden, stehen plötzlich vor mir. „Was lesen Sie?“, fragt die Jüngere, mich ausgiebig musternd. „Gedichte.“ – „Eva Strittmatter?“ Und ohne meine Antwort abzuwarten, zitiert sie eine Gedichtzeile aus „Die guten Din-ge des Lebens“. Unwillkürlich muss ich lachen. Sie strahlt.
Die Frauen gehen weiter, verschwinden hinter den Büschen, und als sie wieder hervor-kommen, steuern sie die Bank neben mir an. „Meine Mutter liebt Goethe und Eichendorff“, sagt die Frau zu mir herüber. Ich halte mein Buch hoch. „Hölderlin, Gedichte.“ – „Hölderlin mag meine Mutter nicht“, sagt sie geringschätzig und beginnt zu erzählen. Sie ist Deutschlehrerin, Kindern und Kollegen legt sie gern mal Gedichte vor, es klingt wie Auftischen.
Sie stehen wieder auf, die Mutter am Arm der Tochter setzt vorsichtig ihre Gehhilfe. Die Lehrerin dreht sich zu mir um, schneidet eine Grimasse, eine grässliche Fratze, hinter dem Rücken der Mutter. Böses Mädchen, beschämt senke ich den Blick in mein Buch.
„Leben Ihre Eltern noch?“ Plötzlich stehen sie wieder vor mir. Groll steigt in mir auf. Vom See weht ein kühler Wind. Ein Frösteln überkommt mich, entschlossen stehe ich auf. „Halt, halt, halt!“, schreit sie mir nach. Nicht ohne inneren Widerspruch begleite ich die beiden eine Runde. „Kennen Sie das Land, wo die Zitronen blühen?“ Schon wieder Goethe! „Was für ein Land!“, schwärmt sie, dort lebt ihr Sohn. Gemeinsam schauen wir auf den See.
Und da geschieht es.
Vor meinen Augen verwandelt er sich in den Gardasee, geahnt hatte ich es immer. Das geheimnisvolle Parkstück, in dem wir stehen, ufert grandios aus, während sie: „Orangen, Orangen“, deklamiert und wie beiläufig übergangslos fragt: „Was machen Sie beruflich?“ Die Mutter lächelt, den Kopf sanft an ihre Schulter gelehnt. Die Frage überhörend, entferne ich mich. Die Lehrerin steht da wie in den Boden gerammt mit aufgerissenen Augen. So komme ich nicht fort. Kälte kriecht mir in die Knochen, ich reibe meine Hände, winke verlegen. Die Frauen winken zurück. „Ich bin öfter hier“, höre ich mich verwundert sagen und beschleunige den Schritt.

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Kommentare

29. Mai 2018

Wie anschaulich und lebendig mir diese Geschichte entgegenblickt. Begierig hab ich diese Kurzgeschichte gelesen und assoziativ verarbeitet. Ja, sofort denke ich an Flucht vor solchen Nervensägen, die sich distanzlos in meine Welt hineindrängen. Kurzform und Aussage gefallen mir sehr. Einfach klasse!

LG Monika

01. Jun 2018

Dein Kommentar erfreut mich, liebe Monika, dankeschön!
Und lieben Gruß, Monika

29. Mai 2018

Nur noch an Vormittagen, liebe Monika. Wenn sich dumme Menschen in die Leben anderer einmischen, wie hier in dem Haus, darin ich lebe, dann kann man das ja noch verstehen; sie haben wenig geistiges Potential; aber gebildete Menschen, die sich dazu "herablassen", sind dann schon die Pest.
Eva Strittmatters Gedichte gefallen mir teilweise auch sehr gut, und auch die Gedichte von Michael Hamburger habe ich gern gelesen. Hölderlin liebe ich. Eine spannende Geschichte, die mir gut gefallen hat. Aber ich hoffe, dass Du sie "nur" geträumt hast.

Liebe Grüße,
Annelie

01. Jun 2018

Danke, liebe Annelie, leider eine wahre Geschichte, aber mit Hölderlin und Hamburger kann man sich gut vor übergriffigen Menschen "retten". Schönste Grüße, Monika

29. Mai 2018

Manchmal scheint selbst Krause fein -
Dank ihr bleib ich im Park allein ...

LG Axel

01. Jun 2018

Eine Begegnung sehr intensiv geschildert. Gefällt mir gut.

Liebe Grüße, Susanna