1969 - Glasaale

von Corinna Herntier
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"Alles einsteigen! Wir besuchen Oma und Opa in Lübeck."
Der Vater nahm auf dem Fahrersitz des hellblauen VW Käfers Platz, seine Frau daneben und ihre Tochter auf der Rückbank.
"Opa hat heute Geburtstag und Oma bereitet zur Feier des Tages eine Delikatesse zu – Glasaale!", erklärte er stolz.
"Was?! Das ess ich nicht!"
Der Vater erblickte das entsetzte Gesicht seiner kleinen Tochter im Rückspiegel und fügte schnell hinzu:
"Die sind nicht aus Glas. Die sehen nur so aus. Durchsichtig eben."
"Glasaale isst dein Opa sehr gern, Kati", fügte die Mutter hinzu.
"Sind die so wie Quallen?" fragte die Kleine, deren angewiderter Gesichtsausdruck verriet, dass die Erklärung ihres Vaters sie keineswegs beruhigt hatte.
Die Mutter schmunzelte.
"Nein, anders. Nicht glibberig! Fester. Und lecker, mein Schatz. Die schmecken wirklich lecker."
"Aber warum sind die denn durchsichtig?"
"Das sind noch Babys – Aalbabys. Die entwickeln erst mit der Zeit festes, undurchsichtiges Fischfleisch."
Die Kleine schüttelte wild entschlossen den Kopf.
"Ne! Sowas ess ich nicht!"
Dann saß sie stumm da, mit vor der Brust verschränkten Armen, aufeinandergepressten Lippen und den Blick der vorbeihuschenden Landschaft zugewandt.

Endlich waren sie angekommen. Die Begrüßung der Älteren fiel herzlich aus, allerdings stürmte die Lütte an ihren Großeltern vorbei in die Küche.
"Oma? Zeigst du mir die Glasaale?"
"Gern, mien Deern." Sie war ihrer Enkelin gefolgt. "Hier." Schon hob sie den Deckel von einer Emaillschüssel und ließ das Kind hineinschauen.
"Uh! Die sehen ja aus wie lange Würmer! Mit schwarzen Augen. Oma, die ess ich nicht."
"Wenn du dich traust, kannst du ja davon probieren.Die schmecken himmlisch, wenn ich damit fertig bin."
"Nein. Will ich nicht probieren."
"Dann mach ich dir Rührei. Außerdem gibt es Gurkensalat und Stampfkartoffeln."
Die Züge der Kleinen hellten sich augenblicklich auf und zufrieden ging sie zum Großvater, um ihm zu gratulieren.

"Fritz, hol mir mal zwei Schlangengurken aus dem Gewächshaus", bat die Oma ihren Gatten.
"Schlangengurken?!" Mit großen Augen sah das Mädchen seinen Opa an.
"Keene Angst, mien Lütten. Die haben nix zu tun mit echten Schlangen. Das sind Salatgurken. Komm mit."
Sie gingen in den Garten, wo ein mit klaren Kunststoffplanen versehenes Gewächshaus stand.
"Hab ich selbst gebaut", erwähnte der Großvater stolz. "Aber bald kriegt Oma ein neues."
Seine Enkeltochter durfte eigenhändig zwei Gurken ernten.
Am Abend, nachdem die Erwachsenen Omas Delikatesse nebst Salat und Stampfkartoffeln verspeist hatten, sowie alle gemeinsam Apfelkuchen mit Sahne, machte sich die kleine Familie wieder auf den Heimweg.

Wochen später. Der Vater verkündete:
"Wir besuchen Oma und Opa in Lübeck! Oma hat Geburtstag."
Gesagt, getan.
Nach den Gratulationen durfte die Kleine ihrer Großmutter ein Geschenk überreichen. Froh überrascht packte diese einen Schnellkochtopf aus.
"Und was hat Opa dir geschenkt?", wollte das Mädchen wissen.
"Ein Glasgewächshaus", antwortete die Oma.
"Was?! Was sind denn Glasgewächse? Sowas wie Glasaale, nur als Pflanze?!"
Die Erwachsenen sahen sich kurz an, um dann lauthals loszulachen. Die Kleine verstand in dem Moment die Welt nicht mehr. Aber diese Geschichte wird auch heute noch gerne in der Familie erzählt und sorgt nach wie vor für Heiterkeit.

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