9 – Lebenssplitter "Ode an das Brot"

von * noé *
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9 Lebenssplitter

Ode an das Brot

In unseren Breiten gehört Brot zu den Grundnahrungsmitteln. Für mich war es seit je ein Genussmittel.

Neue Brotsorten werden von mir in verschiedenen Stufen „erkundet“, aber nicht unbedingt am selben Tage (besser ist das!):

1. Den Knust abschneiden und daran schnuppern, gleichzeitig die Textur betrachten. Dem Kenner läuft schon dabei das Wasser im Mund zusammen. So pur genießen, wie es ist.
2. Eine Scheibe abschneiden, streichfähige Butter darauf verteilen, nicht als dicke Schicht, nicht hauchzart. Genießen.
3. Eine weitere Scheibe abschneiden. Das mit der Butter wiederholen, etwas Salz darüberstäuben und - genießen.
4. Noch eine Scheibe abschneiden, nicht zu dick, nicht zu dünn. Auf die Butterschicht Erdbeermarmelade streichen. Wieder genießen.
5. Auf eine erneute Scheibe etc.... statt der Marmelade entweder eine Scheibe Käse oder eine Scheibe Wurst geben. Erst wenn man auch diese Variante genießen kann, hat die entsprechende Sorte Brot den Geschmackstest bestanden und die Aussicht, erneut gekauft zu werden.

Ich mag Brot besonders, wenn die Kruste einen hohen Röststoffwert aufweist. Schon bei dem Gedanken an Malzbrot, das ich vor einigen Jahren entdeckte, bekomme ich Appetit. Da läuft bei mir das ab, was das Glockenklingen bei den Pawlowschen Hunden bewirkte.

Das Brot meiner Kindheit war zuhause ein Riesenlaib mehlbestäubtes Bauernbrot, vor der Brust meiner Oma Anni mit einem scharfen Messer freihändig in erstaunlich gleichmäßig dünne Scheiben geschnitten, nicht ohne das vorherige dreimalige Kreuzzeichen mit der Messerspitze auf den Boden des Laibes geritzt. Ein Roggenmischbrot mit fein säuerlicher Note, das es nur beim Kaufmann Bischoff gab. Wenn ich es dort – frischgebacken geliefert – einmal die Woche holen gehen musste, musste ich auch immer zwei Päckchen handgeschöpfte mildgesalzene Butter kaufen, die es ebenfalls nur dort und in Rollenform gab, eingewickelt in Zellophanpapier. Bis ich wieder zuhause anlangte, war ich halbtot vor Heißhunger.

Bei Oma Thea war mein Lieblingsbrot ein Weizenmischbrot, das es in Kastenform gab, die Oberseite so verführerisch gebräunt, wie ich es gerne mag (immer noch). Dieses (in dünnen Scheiben abgepackte) Brot wurde mir von meiner liebenden Oma serviert mit „Butter“ oder „guter Butter“ (diese Frage musste ich immer zuerst beantworten) und darauf am liebsten zähen, braunen Rübensirup. Das ist eine gedankliche Einheit, genau wie - später von mir in Tradition gesetzt - ab und zu dieses Brot – ohne Butter – mit einem höherwertigen (nicht so mayonnaiselastigen) Fleischsalat zu kombinieren.

Der Unterschied zwischen „Butter“ und „guter Butter“ bestand bei Oma Thea darin, dass sie für „Butter“, halb und halb „gute Butter“ mit Margarine vermengte. Wahrscheinlich war es ihr recht, wenn ich antwortete, „egal“ und sie mir dann „Butter“ aufs Brot strich, denn sie bekam nur eine so kleine Witwen- und eigenerworbene Rente, dass sie sich bis ins allerhöchste Alter Geld mit Hemdenbügeln im Akkord dazuverdienen musste. Aber macht sich ein Kind über so etwas Gedanken?

Bei Oma Thea gab es aber wahlweise auch „Stuten“, ein süßes Weißbrot, von dem sich Scheiben wahrscheinlich nur abschneiden ließen, wenn sie dabei richtig dick blieben. Diese Scheiben, einmal gehälftelt, bekam ich mit „guter Butter“ oder „Butter“ bestrichen, darauf aber eine dicke Schicht Erdbeer- oder Kirschmarmelade. Lecker!

Zuhause gab es ebenfalls Weißbrot, aber keinen „Stuten“, sondern einen „Zopf“. Dafür konnte man sich das immer mit echter Butter bestreichen und mit Zucker bestreuen, in dicker Schicht. Man musste nur aufpassen, dass der Zucker nicht herunter schob, wenn man das Brot zu schräg hielt. In der Erdbeerzeit war das ein leckeres Abendessen, wenn es dazu noch in Zucker und einem Spritzer Zitronensaft marinierte frische kleingeschnittene Erdbeeren (Sorte Senga Sengana aus dem eigenen Garten im Hof), in einem Suppenteller angerichtet, mit Milch aufgegossen gab. Danach fielen die Kinder wohlig gesättigt und kugelrund in ihre Betten.

Ebenso lecker war das mit dem Zucker auf hauchdünnen (wichtig für den vollen Geschmack!) Scheiben von Schwarzbrot. Aber Schwarzbrot schmeckte nicht nur ausgesprochen hervorragend mit feiner (wichtig, weil da keine Glibberknubbel drin waren!) Kablsleberwurst mit Gewürzgurken, sondern genauso gut mit einer reichlichen Schicht Kräuterstreichkäse, der wiederum wie gemalt zu Mohnbrötchen passte (Suchtfaktor!). Absolut verführerische Geschmackskombinationen.

Und wer kennt sie nicht, die „Armen Ritter“ (neudeutsch auch „French Toast“ genannt), altbackene Brötchen, die (wenn ihre Bestimmung nicht die nächste Portion Frikadellen war), in dicke Scheiben geschnitten, in Milch getunkt und in verrührtem Ei mit einer Prise Salz und Rosenpaprika gewendet, in der Pfanne lecker braun gebraten, noch heiß verspeist wurden, entweder so pur oder mit Zimt und Zucker bestreut und/oder mit Apfelmus präsentiert.

Als es das in Stangen abgepackte Toastbrot zu geben begann, wurde das sehr häufig zuhause zum preiswerten Brötchenersatz, aber nicht weniger lecker, knusprig getoastet mit einer Schicht zerlaufender Butter und einem Hauch Salz, wie mir auch jedes Brötchen am besten schmeckt, mit einem Hauch Salz auf „guter Butter“. Auch Zwieback lässt sich so genießen.

Ich habe mir einmal den verachtenden Zorn meiner Oma Anni zugezogen, als ich als Zwölfjährige diese Kombination bei einem Päckchen „Mjölk-Knäcke“ probierte. Ich nahm mir zwei Scheiben dieses Knusperbrotes aus der Packung, gewillt, nur diese zu verspeisen. Aber der Geschmack war so vollendet – mit Butter und etwas Salz -, dass ich mir noch zwei Scheiben aus der Packung nahm – und noch zwei – und (was soll’s!) noch zwei...

Bis die fast neue Packung leer war und ich entschlossen das Papier zusammenknüllte. Dadurch wurde Oma Anni auf meine Aktivität aufmerksam, nahm in Augenschein, was ich da tat und kommentierte das fassungslos mit dem Ausruf: „Nu, du verfressenes Stück! Hast du die ganze Packung leergefressen!? Wattock, bis die Mutter kommt!!! Faul, dassde stinkst, aber sich dumm und dämlich fressen!“ In dem Moment ließ mich das aber kalt, mir ging es nämlich sehr wohlig gut, ich war ziemlich „abgefüllt“ und hätte – rein physisch – nichts mehr essen können. Obwohl: Der Gaumen genoss noch nach…

Auch sehr, sehr lecker war für mich, „Käseliesel“, die – seltene – Kombination Pumpernickel und Frischkäse, oder Pumpernickel, Butter und Mittelalter Gouda (später dann Cheddar), oder Pumpernickel mit vom Kaufmann Kentsch an der Ecke handgemachtem Liptauer Käse, oder Pumpernickel und Quark und Radieschen, oder Pumpernickel mit Schichtkäse und Zucker, oder Pumpernickel mit so frischem Brie, dass der noch sein weißes Quarkherz hatte, das ich am liebsten mochte...haaach...!

Brot hat für mich seinen Reiz bis heute nicht verloren (hmmm, welch Duft in der Nähe von Bäckereien, selbst, wenn es heute zumeist nur noch Aufbackstationen sind), wenn ich mir auch nur noch selten diesen Genuss erlaube (...Laugenbrezeln mit Salzkörnern dran ... Grießbrötchen mit oder ohne Butter mit Orangenmarmelade ... Scones mit Clotted Cream ... Rosinenstuten mit Ziegenkäse oder Fleischsalat oder einfach mit Butter und Salz ... indisches Naan in arabisches Hummus gedippt...ach, es gibt so viele Leckereien und der Köstlichkeiten ist kein Ende ... alleine schon, altbackenes Brot in der Pfanne angeröstet und mit einem höherpreisigen Ketchup genossen ... oder mit einem Spiegelei ... oder mit Rührei mit Tomate ... oder mit einer zerlaufenden Scheibe Käse und etwas Currypulver ...).

Meine Waage, die sowieso schon genug zu tun hat, straft mich danach immer so extrem ab, dass ich dem von ihrer Seite ausgeübten Druck besser nachgebe – leider Gottes, denn Brot ist so verführerisch....

© noé/2014 Alle Rechte bei der Autorin.

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