Als die Götter noch vierbeinige Ameisen waren – 21. Der Dreißigjährige Krieg

Bild von Alf Glocker
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Um 1600 herum lebten in China ca. 100 Millionen Menschen, im Römischen Reich Deutscher Nation ungefähr 30 Millionen. „Das kann so nicht bleiben – das ist zu einfach!“, ließ der Schicksalsgenerator hören, und genau das hatten die Götter befürchtet: Es würde wieder eine Katastrophe zum letztendlichen „Wohl“ der Menschheit geben müssen. Doch einige von ihnen waren keineswegs mit der Entscheidung des Generators einverstanden! Eine lebhafte Diskussion entfachte sich wie von selbst, bei den sich sonst hauptsächlich einigen Göttern – und auf einmal meldete sich wieder diese ominöse Stimme aus dem Zentrum des Universums, die von keinem zu stammen schien und doch laut und vernehmlich verkündete: „Hört auf den Schicksalsgenerator! Ihr werdet diese von euch geschaffene Erde ohnehin nicht vor ihrer Zerstörung bewahren können. Dafür sind die Menschenwesen nicht geeignet! Ihr könnt eine neue Spezies erzeugen, die euch am Ende etwas mehr als ebenbürtig sein wird was Phantasie und Logik angeht, doch dafür müsst ihr eure Kinder großzügig ihren eigenen Irrtümern zum Opfer bringen!“

So brach der Sturm los! Der Schrei nach Freiheit vermischte sich mit dem religiösen Wahn machtgieriger Despoten, wie auch mit den Ansprüchen hirnvernagelter Regenten, und gipfelte schließlich in einer wahren Explosion der niederen Triebe. Zu allem nicht mehr verrückter Vorstellbaren ließ man schließlich die Waffen sprechen, nachdem in Prag ein paar honorige Herrschaften buchstäblich zum Fenster hinausgeworfen wurden. Der erste große Krieg der Menschheit begann! Das freute nicht nur den Sultan des sich stetig weiter nähernden Osmanischen Großreiches, sondern auch den Kaiser von China, der seine Gebiete akribisch verwalten ließ, um nicht den Überblick über die schnell anwachsende Bevölkerung zu verlieren. Doch was auch immer in der unverhältnismäßig riesigen übrigen Welt geschah – Europa verlor sich jedenfalls in intellektuellen „Disputen“, die vornehmlich mit Waffengewalt ausgeführt wurden. Und dabei taten sich große Persönlichkeiten wie der deutsche Heerführer Tilly, oder Gustav Adolf von Schweden ganz besonders hervor.

Gewaltige Heere, deren Schlagkraft in anderen Teilen der Welt, die weit größer als das kleine Europa waren, unwiderstehlich gewesen wäre, wälzten sich aufeinander zu, um wertvolle Individuen niederzumetzeln, deren Potential an Erfindergeist ebenso groß war wie ihre Vorliebe für die Bildende Kunst, wie auch für Schauspiel und Musik. Aber darauf kam es jetzt nicht an. Es kam eindeutig darauf an, den Teil der Menschheit zu dezimieren, der innovativ genug war, um eines nicht allzu fernen Tages, sowohl eine hochkomplizierte Zukunft, wie auch einen absurden Hang zur Dekadenz entstehen zu lassen. Doch Europa liebte die Wissenschaft leidenschaftlich und kein Opfer war ihm dafür zu groß – nur um sich selbst zu beweisen, daß es für den kreativen Geist keine Grenzen gab. Man fragte sich nicht, ob die Kunstwerke eines Bernini oder eines Caravaggio, oder eines Brueghel, eines Molière genial oder nicht genial waren – man dachte darüber nach, inwieweit sie mit gängigen religiösen Vorstellungen korrelierten oder nicht! Die „großen“ Prediger dominierten eine Zeit der absoluten Zerrüttung, an deren Ende der rücksichtslose Expansionswille der Europäer stehen sollte. Denn sie waren sehr lange von allen Seiten tödlichen Bedrohungen ausgesetzt gewesen, die sie, manchmal nur noch mit Hilfe des Schicksalsgenerators von sich hatten abwenden können!

„Mit denen werden doch nie was Vernünftiges anfangen können!“ meldeten sich die Vordenker 1, VR-00-00-69 und 2, VR-DD8C-56, doch nun widersprach ihnen ausnahmsweise einmal sogar der Planungsrat Erde: „Wir maßen uns nicht an, das beurteilen zu können – wir würden viel zu emotional entscheiden, deshalb überlassen wir das einem toten, technischen Gerät! Das wird sicher eine plausible Lösung finden!“ Daß schon lange keine Landungen der Götter mehr auf dem Säugetier-Menschenwesen-Planeten mehr stattgefunden hatten, wunderte derzeit keinen. Die Götter hatten gründlich die Lust verloren, sich dieses Mord-und-Totschlag-Spiel noch länger aus der Nähe anzusehen, und unter den Menschenwesen wäre es ohnehin Blasphemie gewesen, wenn da einer behauptet hätte, es würde noch andere bewohnte Planeten im Universum geben. Die verdeckten Hinweise aus den Centurien des Nostradamus hatte keiner je ernst genommen, Erich von Däniken war noch lange nicht in Sicht und die Vernunft steckte noch tief in den Kinderschuhen.

So taumelte Europa, an den Fäden des Schicksalsgenerators (wellenartig ausgesandte Gedankenströme, die in der Lage waren, sämtlich Gehirne aller lebender Menschen zu beeinflussen) durch die Wirren eines Selbstvernichtungskrieges, der einfach nicht mehr aufhören wollte. Die Schizophrenie trieb ungeahnte Blüten. Ein gutes Beispiel dafür war Albrecht von Wallenstein. Er vermochte das Blatt noch einmal für die Katholische Liga zu wenden, nachdem die Schweden bis nach Süddeutschland vorgedrungen waren. Dieser patriotische Massenmörder, der sich von seinen Bediensteten „Euer Liebden“ nennen ließ, erreichte die höchste Gunst im Leben eines Strategen – er avancierte zunächst zum Favoriten des Kaisers, wurde ihm dann jedoch wiederum zu mächtig (so daß er, der Kaiser, sich selbst gefährdet sah), weshalb er ihn im Schlafgemach heimtückisch mit Hellebarden erstechen ließ. Ob er es nun fassen konnte, während er starb, der große Heerführer, der sogar private Mittel für seine Siege aufgewandt hatte, oder nicht, er musste aus seinem wohl bestellten Leben scheiden … nicht wissend, wer dem Kaiser eingeflüstert hatte, daß „seine Liebden“ für den höchsten aller irdischen Herren, Ferdinand II., einfach nicht mehr tragbar war, weil er den Frieden wollte.

Am Ende der 1. großen europäischen Katastrophe lag hauptsächlich Deutschland reichlich entvölkert in der Mitte des kleinen Kontinents herum, und das erbarmte sogar Papst Innozenz X. so sehr, daß er der männlichen deutschen Bevölkerung erlaubte, mehrere Frauen zu haben, damit es wieder genug Volk zum Ausbeuten gebe! „Innozenz“ bedeutet „Unschuld“ … das ist streng genommen zum Lachen, denn nach diesem Krieg war eigentlich keiner unschuldig: Der Papst nicht, der mit den Friedensbedingungen nicht einverstanden war, der komische Kaiser nicht, der vor lauter Angst seinen fähigsten Kopf beseitigen ließ, die Menschen nicht, die 30 Jahre lang gemordet, vergewaltigt und gebrandschatzt hatten, und selbstverständlich auch die Götter nicht, die das bislang größte moralische Opfer gebracht hatten, das man sich vorstellen kann – Millionen tote, „intelligente“ Individuen, im Interesse einer noch fernen Zukunft, in der es einmal vernünftige Menschen (den Göttern gleich) geben sollte. Willfährige Marionetten waren vom Schicksalsgenerator für ein Schauspiel eingesetzt worden, das an Grausamkeit nur schwer zu übertreffen sein würde.

Und doch würde genau das geschehen! Der göttliche Plan sah noch weit schlimmere Episoden vor, die um 1648 von niemandem vorauszusehen waren, denn die irdischen Menschenwesen, wie auch der Großteil der Götter, gingen davon aus, daß nach solch unglaublichen Erfahrungen das Gengut der Einzelwesen so weit gediehen sein müsste, um eine vertretbare Zukunftsentwicklung in Aussicht zu stellen. Was verlangte die Seele des Universums denn noch? Welche, von niemandem gedachten, Eingebungen würde sie in den Kreislauf des Denkens der verantwortlichen Götter noch einfließen lassen, „nur“ damit das Ziel, ein abgerundetes Superwesen zu kreieren, Wirklichkeit werden konnte?!

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