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Das Echo - Page 2

Bild von Dieter J Baumgart
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klar darüber, daß wir ein neues Echo brauchen. Wir können nicht für etwas werben, was es nicht mehr gibt. Mit meinem Vorschlag möchte ich aus der Not eine Tugend machen. Das neue Echo wird – wenn es nach meinem Plan entsteht – das alte weit in den Schatten stellen. Die neuesten technischen Errungenschaften werden in dieser Anlage Verwendung finden. Wir haben nicht mehr viel Zeit bis zum Beginn der Fremdenverkehrssaison, aber nach meinen Berechnungen können wir im Sommer ein Echo haben, um das uns die Welt beneidet.“
     Der Vorschlag wurde begeistert angenommen. Alle waren erleichtert, und der Toningenieur erhielt den Auftrag, umgehend mit der Planung zu beginnen. Kurze Zeit später nahmen auch die Erdarbeiten an der Schlucht ihren Anfang. Bagger wühlten sich durch das Gelände, Bäume wurden gefällt, kilometerlange Gräben gezogen. Ein neuer, stärkerer Stromanschluß mußte von der kleinen Stadt zur Schlucht gelegt werden, denn die Leitung, die bisher die Gaststätte versorgt hatte, reichte zum Betrieb des neuen Echos nicht aus. Der Gemeinderat hatte beschlossen, daß dieses neue Echo ein Jahrhundertwerk werden sollte, und in Gedanken sah der Bürgermeister schon sein eigenes Denkmal vor der in aller Welt geschätzten Echoanlage stehen. An nichts wurde gespart. Ein eigens für diesen Zweck entwickeltes Elektronengehirn war, wie der Bürgermeister mit vor Stolz vibrierender Stimme hervorhob, die Seele des Ganzen. Fast jede Woche erschien der gesamte Gemeinderat an der Baustelle, um sich persönlich vom Fortgang der umfangreichen Arbeiten zu überzeugen. In Gummistiefeln und mit Schutzhelmen auf den Köpfen wanderten die Ratsdamen und -herren durch Gräben, über Fundamente, vorbei an Baggern und Betonmischern. Leitungen wurden verlegt, Wände wuchsen auf den Fundamenten. Das hölzerne Geländer am Rande der Schlucht wich einer Mauer aus schalldämmendem Material, in die die vorgesehenen Hochleistungsmikrophone eingebaut werden sollten. In den gegenüberliegenden Felswänden gähnten inzwischen große Löcher. Hier sollten, vor Wind und Wetter geschützt, die Lautsprechersysteme ihren Platz finden. Denn das, was die Besucher an der Mauer in die Mikrophone sprechen würden, sollte ihnen – vielfach verstärkt und mit elektronischem Echoeffekt – aus diesen Lautsprechern entgegen schallen. Nahezu wöchentlich wurde in der Heimatzeitung über das aufwendige Bauvorhaben und die neue Technik berichtet, und selbst das zuständige Landesministerium lobte die beispielhafte Initiative der Gemeinde, weil damit auch die Schaffung neuer Arbeitsplätze verbunden war.
     Schließlich, nach fünf Monaten intensiver Bautätigkeit, war das neue Echo installiert, und erfreut stellte der Planungsausschuß  fest, daß der Fertigstellungstermin dank des anhaltend guten Wetters noch um vierzehn Tage unterschritten werden konnte. An einem warmen Sonntag im Mai, morgens um elf Uhr dreißig, eröffnete der Bürgermeister der kleinen Stadt die Anlage mit Worten, an denen er lange gefeilt hatte, und von denen er hoffte, daß sie der Wichtigkeit des Ereignisses angemessen waren.
     „Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger“, begann er seine Rede, die auch vom Regionalfernsehen übertragen wurde. „Was hier in so kurzer Zeit entstanden ist, verdanken wir nicht nur den Fachleuten, die hier ihr ganzes Wissen in moderne Technik umgesetzt haben. Nein, auch Sie, verehrte Mitbürgerinnen und Mitbürger, haben mit Ihren großzügigen Geldspenden zum Bau dieser Anlage einen wesentlichen Beitrag geleistet.“ Die lieben Mitbürgerinnen und Mitbürger und auch die Ehrengäste spendeten ergriffen und begeistert Beifall. „Was hier geschaffen wurde“, fuhr der Bürgermeister fort, „ist nicht nur der Ersatz für unser altes Echo. Es ist ein Echo in seiner höchsten Vollendung, ein Kunstwerk auf dem Gebiet der Tontechnik, ein Meilenstein in der Entwicklung unserer Gemeinde zu einem modernen Freizeit- und Touristikzentrum.“ Wieder rauschte anhaltender Beifall auf. Es folgte eine Beschreibung der neuen Echoanlage, mit dem Hinweis, daß das Echo dank Verwendung wetterfester Materialien Sommer und Winter in Betrieb sei und daß man im Interesse des Fremdenverkehrs vorerst auf die Erhebung von Eintrittsgeld verzichten werde. Die Rede endete schließlich mit den Worten: „Es lebe das neue Echo!“ Und bei ‚Echo‘ drückte der Bürgermeister auf einen Knopf und setzte die Anlage in Betrieb.
     „Echo-echo-echo-echo-echo-echo-echo...“ donnerte es unentwegt aus den Lautsprechern. Die elektronische Steuereinheit hatte eine Fehlschaltung und hörte nicht mehr auf. Der Bürgermeister erstarrte. – „Echo-echo-echo...“ grölten die Lautsprecher, bis ein Ingenieur in der Schaltzentrale im Keller der Gaststätte den Strom abschaltete. Totenstille –. Doch dann donnernder Beifall und Erleichterung auf den Gesichtern der Ehrengäste, die anschließend unter den Klängen der Feuerwehrkapelle zur Gaststätte wanderten, um sich an Erbsensuppe und Würstchen zu laben.
     Der Sommer kam, und mit ihm die Fremden. Das neue Echo wurde, wie der Bürgermeister in seiner Rede schon vorausgesagt hatte, eine Touristenattraktion. Vor allen Dingen  war auch keine Fehlschaltung mehr zu beklagen. Gleich nach der Einweihung hatte der Rat eine Untersuchungskommission eingesetzt, die den Fehler auch schnell fand: Der Knopf, mit dem der Bürgermeister das Echo eingeschaltet hatte, war falsch angeschlossen worden. Da nicht mehr festzustellen war, wer diesen Fehler letztlich zu verantworten hatte, wurde im gegenseitigen Einvernehmen auf eine Schadenersatzklage gegen die Bauträgergesellschaft verzichtet, zumal man auch befürchtete, daß der Vorfall, erst einmal breitgetreten, hämische Anmerkungen der Nachbargemeinden nach sich ziehen könnte. Und so waren die Leute aus der kleinen Stadt zufrieden. Das Echo funktionierte, die Besucher kamen, und mit ihnen das Geld. Vom alten Echo sprach niemand mehr. Die alten Leute erzählten nicht mehr ihre Geschichten, in denen sie das Echo gesehen hatten. Denn was man jetzt sah, wenn der Herbst die Blätter von den Bäumen gefegt hatte, das waren nur noch die Betonfundamente der Lautsprecheranlagen. Und das Echo saß in einem Keller unter der Gaststätte, das wußte jedes Kind.
     Auch sonst hatte sich manches verändert. Früher verweilten die Besucher stundenlang beim alten Echo und hörten ihm einfach nur zu. Wenn jetzt der Trubel des Ausflugsverkehrs vorbei war, herrschte Stille. Das neue Echo führte keine Selbstgespräche. Es sprach auch nicht mit den Stimmen des Waldes und seiner Bewohner, denn das hatte ihm niemand beigebracht. Kam doch jemand des Abends zufällig in die Nähe des neuen Echos, dann blieb er nicht lange. Hinter der Mauer mit den Mikrophonen stieg ein Geruch auf, der zwar tagsüber von den Abgasen der Besucherautos überdeckt wurde, in der abendlichen Stille jedoch nur wenig mit dem Duft des Waldes gemein hatte. „Das ist das alte Echo“, flüsterten jene, die sich nie so recht mit dem neuen Bauwerk angefreundet hatten. „Die haben unserem Echo eine elende Gruft aus Beton gebaut. Nun rächt es sich...“ – „Hört doch endlich auf mit euren Gespenstergeschichten“, ließen sich andere vernehmen. „Jahrelang habt ihr euren Müll in die Schlucht gekippt. Was da stinkt, ist eure Gedankenlosigkeit, eure Gleichgültigkeit, eure stinkende Bequemlichkeit!“
     Wieder fuhr ein Windstoß in die Krone der alten Buche. Blätter lösten sich von den Zweigen und drehten auf dem grauen Platz eine einsame Pirouette – für uns beide, den Baum und mich.

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