Das fruchtbare Verhinderungsprinzip

von Alf Glocker
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Alle Formen exzessiver Erleuchtung erhellen uns die Umnachtung des Geistes, die wir aus Urzeiten mitgebracht haben ein wenig, damit wir effizient arbeiten können. Manche Erleuchtungsformen sind jedoch auch geeignet uns noch mehr zu verwirren als wir schon sind. Diese heißen dann meistens „Dogmen“. Andere wiederum halten uns eine Welt vor Augen, die wir ungern annehmen wollen. Eine davon ist „ Das fruchtbare Verhinderungsprinzip“…

Als Satan die Welt in 666 Tagen erschaffen hatte, ruhte er sich aus und betrachtete zufrieden sein Werk. Er lächelte und feierte ihn – den langsam Untergang seiner Wesen, denn er wusste, wer positiv und verdorben denkt, der denkt richtig! Dann klärte er sich im Einzelnen über die Richtigkeit dieser Richtigkeit auf…

„Ich habe das Leben aus dem Inferno gemacht. Mein Gedanke war glühendes Sein und alle Ereignisse wurden daraus zur Wirklichkeit“. Er aalte sich in den Katastrophen des Kosmos und rief: „Jeden Augenblick erfreue ich mich am Farbenspiel brennender Galaxien“.

So lautete sein Credo – so lautet es noch! Dies galt und gilt ihm als Beispiel für die universellen Rhythmen, die bis ins Blut der zivilisierten Wesen reichen, sich dort finden und folgerichtig als Freude am Dasein zum Ausdruck kommen.

Doch Satan sorgte sich um seine Schöpfung. Deshalb unterwarf er sie der Evolution! Sie sollte fähig sein, sich aus sich selbst heraus zu erhalten. Das war die Hölle, es beinhaltete jedoch auch zwangsläufig eine Weiterentwicklung bis hin zum voraussehbaren Untergang durch höchste Spezialisierungen. Von der untersten Stufe an war das Leben gezwungen sich zu umfließen, sich zu verdauen, von sich, in gegenseitigem Nutzen zu existieren. Solange es Sterne gibt die leuchten, solange sollten die dadurch vorgegebenen Zeiträume im Angesicht des Todes – eines Verbündeten des Satans – pulsieren: fruchtbar sein!

Und die Hässlichkeit eroberte alle Nischen auf den bewohnten Planeten.
Die Heimtücke materialisierte sich, als die Schlangen das Laufen lernten.
Fürchterliche Geschöpfe – dem Hades entsprungen – beherrschten schiere Ewigkeiten als Dinosaurier die vier realen Dimensionen in Satans Lieblingswelt „Erde“. Ihr Wunsch einfach hirnlos zu existieren ließ alles andere neben sich klein und bedeutungslos werden. Sie waren die ersten Großunternehmer! Ihr Bedürfnis zu dominieren erfüllte Satan mit Stolz…

Teufelstanz

Ich tanz im Feuer durch die Sterne
und ich hab mich ach so lieb
und ich hab mich ach so gerne,
daß ich ganz in Unschuld blieb.

Das Feuer ist mein Element,
denn aus ihm und Explosion
hab ich mich ins Eis gestemmt –
„Leben“ heißt die Machtversion!

Dieses Sein, das ich gemacht,
erhob ich in den heiligen Stand
des Bewusstseins, das da lacht
und sich selbst erfüllend fand.

Ich regier‘ den schönen Reigen,
denn ich sehe mich darin –
mir mein Spiegelbild zu zeigen,
das ist höchster Lustgewinn!

Doch nach einer unendlichen Anzahl grausamer Fressmorde, sowie gefühllosem Herumtrampeln, wurde er seiner Drachen überdrüssig. Sie vergingen im Feuersturm seiner Liebe zu allem was er zu betrachten pflegte, denn sie litten einfach zu wenig. Um das Leiden zu perfektionieren – was der Erhöhung der Lebensqualität gleichkam – erlaubte er nun den Säugetieren den Vortritt. Bereits der lange Weg zu ihrer Herrschaft war sehr zufriedenstellend für ihn, denn es war ein viele Millionen Jahre währendes Leiden. Das Leiden der intelligenten Verfolgten, ausgelöst durch die grauenhafte Dominanz absoluter Gefühllosigkeit… Was für ein Beispiel für die letzte Epoche der Geschichte?!

Dann, schließlich, als auch dieser durchaus spannende Prozess ein Ende gefunden hatte, kam, nach vielen gutgemeinten Versuchen, der Neandertaler. Was für ein Mensch?! Er war die vorweggenommene Vollkommenheit des einfachen Bürgers, robust, durch nichts zu erschüttern, in geringen Maßen sensibel und völlig talentfrei, was Kunst und Kultur angeht. Leider gab es damals noch keine Bergwerke, keine Fabriken, „Firmen“ schlechthin ja überhaupt nicht. Dabei hätte er die an ihn gestellten Forderungen mit Leichtigkeit erfüllt, denn ihm ging es nur um das Überleben der Art.

Durch diesen Erfolg etwas beinah unzerstörbar Wahres geschaffen zu haben, vielleicht ein wenig leichtsinnig geworden, machte der Teufel nun den entscheidenden Fehler: er erschuf einen Vergleichsmenschen, unendlich leidensfähiger, weil sehr schmerzempfindlich und scheinbar auch unendlich ausbaufähig, weil träumerisch veranlagt. Ihm konnte man alles zerstören woran er hing. Ein köstlicher Spaß! Er konnte richtiggehend ausgelacht werden, er konnte mehr als nur praktisch verfahren, er konnte Mitleid empfinden, romantisch sein. Er konnte sich sogar verlieben – eine völlig neue, nahezu überflüssige Angewohnheit naiver Poeten, die vor allem die Verehrung des Schönen im Auge haben. Kurz gesagt, er stellte für den Teufel das wunderbarste Spielzeug dar das es nur geben konnte. Dafür lud er ihm Verantwortung um Verantwortung auf.

Aber dieser neue Mensch handelte nicht nur logisch – er verdrängte den Neandertaler -, er überraschte auch durch selbsterfundene Theorien. So geriet Satan quasi in einen Hinterhalt, denn dieser Frechdachs Homo Sapiens, machte sich das älteste Gefühl überhaupt zunutze, eines, das selbst Wesen ohne sonstige Gefühle deutlich empfinden können. Er institutionalisierte die Angst! Und um ihr zu entgehen gab er ihr gleichzeitig die uneingeschränkte Macht über sein Denken. Das wiederum verhalf umgehend ihrem plötzlich natürlichen Gegenmittel – der Religion - zum Durchbruch. Denn der Mensch wollte einfach in Frieden grausam sein. Der Glaube an das Gute verhalf ihm dazu! Er musste sich keine Vorhaltungen mehr machen, denn „Gott“ hatte ein Auge auf ihn geworfen und führte ihn sicher durch alle Klippen des Irdischen Seins.

Sicherheiten

Sicherheit, Fundament der Psyche,
komm, entstehe für uns virtuell…
Unheil, wie Vulkanausbrüche,
sind des Lebens Naturell!

Wo kein Kraut gewachsen scheint,
brauchen wir ein Welt-System,
das es nur gut mit uns meint,
denn wer denkt ist auch bequem,

er erfindet Tisch und Stühle,
transportiert mit Tat und Rad
und er flüchtet in Gefühle,
die er speziell ausersehen hat…

was der Anfang ist zu hoffen,
durch die ganzen Räume – Zeiten,
ließe uns das Gute offen,
uns hier sinnvoll auszubreiten.

Kurz bevor Gott geboren wurde gab es viele Götter. Für Satan, den Schöpfer des Universums waren sie zunächst eher ungefährlich. Samt und sonders stellten sie ja nichts weiter als seine Eigenschaften dar. Sie verbrannten, raubten, mordeten, folterten, sie waren triebhaft und sie erfreuten sich auch noch daran. Die Menschen sahen sich ihnen einfach ausgeliefert und das wiederum befriedigte sie langfristig nur teilweise, da ihnen ihre Bedeutung den Gewalten gegenüber als nicht besonders groß erschien. Das Gefühl der Sicherheit war also zu gering. Das änderte sich als sich die überragende und wohl auch leicht perverse Mystik der Bewältigung des Leidens durch das Leiden selbst als eine Art „geniale“ Lebensinterpretation einstellte. Nun hatte der Teufel einen ernst zu nehmenden Gegenspieler: Den Eingott! Dieser Gegenspieler kam trotzdem gleich dreimal vor, als Vater, als Sohn, als Geist – alles vereint in einer einzigen Inkarnation. Diese virtuelle Macht gewann schnell „reale Gestalt“ durch die Philosophie des Leidens als Selbstzweck. Gott hatte den Menschen als Sohn vorgemacht wie wenig ihnen das Leiden anhaben konnte, wenn es in höherem Auftrag geschah. Von nun an litten die Gefolterten um heiliggesprochen zu werden, folterten die Folterer weil ihnen vergeben wurde, begingen die Kriegsherren die dreistesten Grausamkeiten, nicht mehr weil sie völlig verblödet waren, sondern weil sie im Auftrag einer göttlichen Vorsehung handelten.

Satan war völlig entsetzt! Mit Abscheu registrierte er, daß sogar der Sex zunächst in Verruf kam, das einzige, bisher erlaubte, nein sogar geförderte Mittel einen Lust-Erfolg im Sinne der Restriktionen des Evolutionsdiktats verbuchen zu können. Verzweifelt setzte er immer verrücktere Persönlichkeiten auf Throne und in andere führende Positionen ein, um der nach Glanz und Gloria strebenden Doppelmoral Einhalt zu gebieten, aber Gott wurde stärker und stärker. Alle Kräfte der Natur ignorierend, wurden ihm Paläste erbaut, die selbst die Wohnstätten der Tyrannen „von seinen Gnaden“ noch übertrafen. Dort huldigte man ihm in immer ausgefeilteren Ritualen, die ersehnte Vergebung erheischend, die nötig war, für die Aufnahme in ein Reich ausgesuchtester Langeweile, das „Himmel“ genannt wurde. Das Schicksal verwandelte sich in Taten der „Schutzengel“. Nichts was schiefgehen konnte ging mehr schief…

Gloria in excelsis Deo

Oh allerhöchstes Wunderwesen,
errette uns aus unserer Not…
sind wir dumm und schlecht gewesen,
dann gib uns unser täglich Brot.

Bestrafe uns mit Schmerz und Pein,
führe unsere armen Seelen,
nur lass uns nicht alleine sein.
Wir wollen dafür dich erwählen.

Führe uns, weil wir nichts wissen,
gib uns Halt, sei Zuflucht und
heile uns durch ein Gewissen
das zu uns spricht aus deinem Mund.

Sei bei uns wenn der Satan lockt,
wenn wir im Sündenpfuhl versinken.
Wir loben dich und sind verbockt –
obwohl wir längst zum Himmel stinken!

Auf diese Weise sah sich schließlich sogar das probateste Mittel der Hölle außer Kraft gesetzt: das Verhinderungsprinzip. Über viele Jahrmillionen hatte es gewirkt, indem es die Leistungsfähigkeit der Unterdrückten solange provozierte bis sie sich in brachialen Revolutionen Raum verschaffte. Ihre letzten Auswirkungen waren sogar noch in den Hexenverbrennungen, in Van Goghs Tod, oder auch in der Französischen Revolution spürbar. Nachdem sich jedoch der „gütige und alles verzeihende „Liebe Gott“ nach und nach im Bewusstsein der zivilisierten Menschheit breit gemacht hatte, verpuffte es wirkungslos.

Die Medien des 20ten und des 21sten Jahrhunderts ließen keinen Zweifel mehr an der Rechtschaffenheit eines angenommenen Zustandes aufkommen. Es gab sie einfach, die Würde des Menschen, die – zumindest im bis kurz vor Schluss richtungsweisenden Teil der Erde – nicht angezweifelt werden durfte.

Zwar warnte die arrivierte Wissenschaft halbherzig vor einer solchen Anbetung des Positivismus, doch auch sie erlag im Wesentlichen den praktischen Alltagsanforderungen. Und die waren abgesegnet in vielen Bereichen – es gibt Wichtigeres als die Erkenntnis darüber wer wirklich hinter allem steckt!

Wer das ist, erscheint zweitrangig, angesichts der überwältigenden Grundfrage: „Womit ernähre ich meine Familie?“
Daneben treten uns noch andere Anforderungen entgegen. Wie bezahle ich die Steuern? Was muss ich tun, um eine gute gesellschaftliche Stellung zu bekleiden?

Und nachdem keiner von uns untergehen möchte, erlauben wir es irgendwem uns zu dirigieren. Zu unser aller Glück ist es eine verständnisvolle Allmacht, die schon wissen wird, was das ganze Geschehen für einen Sinn hat. Die Menschen wissen es jedenfalls nicht!

Ob es der Teufel weiß, sei dahingestellt und ob er es war, der für die ganze Misere verantwortlich ist ebenfalls. Vielleicht war es ja auch umgekehrt und ein gütiger weiser Urgeist hat die Welt in 6 Tagen erschaffen, dann scheint es nur so als wäre alles aus einer einzigen brennenden Katastrophe entstanden, die heute noch in unseren Herzen spürbar ist. Aber dann hätten wir, glaube ich, auch nicht viel weniger Grund zum (Ver)Zweifeln.

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Kommentare

22. Jun 2015

Den Text zu lesen, dazu bin ich heute noch gar nicht gekommen. Nach Axels Kommentar zu urteilen, können wir uns beide da ja noch auf etwas gefasst machen (so rum oder so rum).
Aber das BILD!! Das MUSS ich haben ... (als Datei, grins)