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Das Spielzimmer

Bild von Herschel Stunkenfreyn
Bibliothek

Laut Schrittzähler hatte ich 9124 Schritte zurückgelegt, war gute 6,5 km gegangen. Ein ordentliches Ergebnis. Etwas müde geworden, wollte ich nun mit dem Bus nach Hause fahren. In diesem Viertel unserer Stadt bin ich noch nie gewesen. Aus der Ferne erblickte ich eine Bushaltestelle. Als ich näher kam, entdeckte ich dort ein kleines Mädchen, das mit Stoffpuppen spielte. Ich las „An der Moorheide“, von hier aus fuhr die Linie 82 zum Stadtpark und zur Einkaufsmeile. Für mich perfekt. Leise sprach das Mädchen, eindringlich flüsterte es. Eine Stoffpuppe hatte einen Bart, die andere Zöpfe. Beiden Püppchen hatte sie winzig kleine Masken umgebunden. Ich hörte nicht weiter hin, setzte mich neben das Kind.

Als ich mich im Wartehäuschen der Bushaltestelle umsah, erblickte ich zu meiner Verwunderung in einer Ecke eine kleine Plastikvase, in der ein etwas armseliges Sträußchen Feldblumen steckte. Neben dem Fahrplan klebten 3 Fotos. Zwei davon zeigten fröhliche Erwachsene, offensichtlich ein Paar. Ein weiteres zeigte ein mir bekanntes Gesicht. Es war das Mädchen, das neben mir saß und mit den Puppen spielte. Erstaunt schaute ich die Kleine an. Jetzt hörte ich auch genauer hin. Sehr akzentuiert sagte sie gerade, mit gekünstelt tiefer Stimme: „Du wirst schon sehen, was du davon hast. Sei nur weiter so renitent, dann zeige ich dir...“ Das Mädchen sah mich jetzt direkt an, brach die Vorstellung ab. Sie konnte höchstens 8 Jahre alt sein. Woher kannte sie den Begriff renitent?

„Du wartest wohl auf den Bus, Mädchen?“ fragte ich neugierig. „Nein“, meinte die Kleine. „Ich fahre heute nicht mit dem Bus. Ich bleibe zuhause. Es ist doch schön zuhause. Warum sollte ich wegfahren?“ Irritiert blickte ich mich erneut um. In einer Ecke sah ich einen sehr kleinen Tisch. Puppenmöbel, dachte ich. Darauf standen winzige Tassen und eine kleine Kanne. 3 Ministühle standen um den Tisch herum.

Die Kleine meinte: „Es gibt eine kleine Tee-Party, und du bist auch dazu eingeladen.“

„Sehr gern. Welchen Tee gibt es denn?“ „Heute gibt es Holunderblütentee. Wird dir sicherlich gut munden.“ Erstaunlich, wie gut sie sich auszudrücken wusste. Für eine 8jährige überraschend eloquent. Sie brachte mir eine der Minitässchen, hatte zuvor aus der kleinen Kanne imaginären Tee eingeschenkt. „Trink, heiß schmeckt er doch am allerbesten.“ Ich gab vor, meinen Tee zu trinken. Dabei verbrühte ich mir recht gekonnt die Unterlippe. „Tja, pusten hättest du schon sollen“, lachte das Mädchen. Dann wollte sie wohl etwas Konversation machen.

„Fährst du mit dem Bus?“ Ich bejahte. Irgendetwas stimmte hier nicht. „Wohnst du weit weg?“ Auf meine Frage drehte sich das Mädchen um und zeigte auf eine kleine Siedlung, etwa 250 m entfernt von der Haltestelle. „Dort drüben wohnen die Eltern“, und nach einer kleinen Pause, „und ich“.

Offensichtlich hatte die Kleine all diese Sachen hier aufgestellt und angebracht. Die Fotos, das Tischchen, die kleinen Stühle und die Vase. Die beiden Puppen, auch einen kleinen roten Ball bemerkte ich noch, all das gehörte zu einem Spielzimmer. „Du bist wohl nicht gerne bei dir daheim?“ fragte ich. „Aber doch ja, natürlich“, meinte sie tiefernst und legte die Stirn in Falten, „ich liebe es, zuhause zu sein. Schau dich nur um. Ist es nicht hübsch hier?“ „Nein, ich meinte doch dein richtiges Zuhause, da drüben, bei den Eltern...“ „Da esse und schlafe ich nur, sonst aber bin ich gerne hier, bei mir, in meinem Zimmerchen. Gleich nach der Schule komme ich her, mache die Hausaufgaben, spiele mit Peter und Lore.“ „Heißen deine Eltern mit Vornamen Peter und Lore?“ „Ja, das stimmt. Hier sind sie.“ Und das Mädchen hielt mir die Puppen hin, ließ sie mich sogar anfassen.

Besorgt sah ich sie an. Sie sah nicht so aus, als habe man sie geschlagen. Ich fragte nach ihrem Namen. „Claudia“. „Nun, Claudia, sag mir doch mal, warum du dich hier lieber aufhältst als daheim bei Mama und Papa?“ „Bei denen ist immer Streit. Keine Stunde ist Ruhe. Unsere Katze ist auch schon weg. Die hat es nicht mehr aushalten können. Katzen brauchen Frieden. Kinder auch.“ War das Mädchen nun altklug oder nur sehr verletzt? Ich fragte mich, was so ein etwa 8jähriges Mädchen dazu bringen konnte, seine Freizeit in einem Wartehäuschen zu verbringen anstatt daheim bei den Eltern zu sein, oder im eigenen Zimmer. Claudia schien dieses „Spielzimmer“ ihrer normalen Umgebung vorzuziehen. Erst jetzt bemerkte ich an der linken Außenwand, auf einem Werbeplakat für eine Handcreme, mehrere Kinderzeichnungen. Claudia schien sie hier angebracht zu haben. Sie hatte es sich im Wartehäuschen heimelig gemacht. So gut das möglich war.

Jetzt weinte sie ein wenig. Sofort rückte ich näher und wollte schon tröstend den Arm um sie legen, da zuckte ich zurück. Die gesellschaftlichen Normen. Es ziemt sich ja nicht, dachte ich instinktiv. Du kannst als erwachsener Fremder keinem Kind deinen Arm um die Schultern legen. Das gehört sich nicht. Das ist anstößiges Verhalten. So sagte ich also, nachdem ich den Kloß im Hals bewältigt hatte: „Du musst unbedingt in der Schule mit deinem Vertrauenslehrer sprechen. Hast du denn keine Oma oder eine Tante, mit der du über die Situation zuhause reden könntest?“

„Die wohnen ja alle in Schleswig-Holstein, nahe Kiel. 516 km liegen dazwischen. Ich sehe die Oma und die Tante Grete nur an Weihnachten. Darüber bin ich sehr traurig. Mein Papa ist extra wegen der neuen Arbeit hierher gezogen. Und dann hat er sie, nach nur 4 Monaten, verloren. Jetzt sitzen wir hier fest. Papa und Mama streiten sich und sind immerzu schlecht gelaunt. Am schlimmsten sind die Wutausbrüche, all das Geschrei und die Schläge, die meine arme Mama bekommt. Fast jeden Tag.“

„Dich schlägt der Vater aber nicht?“ frage ich. „Nein, Mama sagt immer: Geh draußen spielen!“ wenn es mal wieder soweit ist. Dann gehe ich hierher ins Spielzimmer. Und bleibe dort, bis es Abend ist. Meist ist Papa dann auf der Couch eingeschlafen. Weil er so viel Alkohol trinkt. Mama macht mir etwas zu essen, und dann gehe ich ins Bett und höre von dort aus meine Mama weinen...“

Das Mädchen dauerte mich. Was konnte ich tun? Ich versprach dem Mädchen, jeden Tag zur Tee-Party zu kommen. Mit der Zeit verstanden wir uns ganz ausgezeichnet. Wir freundeten uns an. Und ich durfte sogar persönliche Fotos von mir und einigen ausgesuchten Freunden neben den Fotos aufhängen, die Claudia schon platziert hatte. So wurde das Wartehäuschen auch ein wenig zu meinem privaten Zimmer.

Wir sprachen viel miteinander. Eines Tages aber war ich allein im Spielzimmer. Die kleine Claudia kam nicht mehr. Ich betrachtete die Fotos und die Zeichnungen, auch goß ich frisches Wasser nach, um das winzig kleine Sträußchen in der Plastikvase so lange wie möglich am Leben zu erhalten, aber das Mädchen tauchte nicht mehr auf. Meine Sorge war, dass ihr etwas passiert war. Ich kannte ihren Nachnamen nicht. Was also sollte ich tun? Ich ging täglich zur Bushaltestelle An der Moorheide, doch nie wieder sah ich die kleine, tapfere Claudia. Was nur ist aus ihr geworden? Würde sie eines Tages doch noch das Glück erleben? Ein 8jähriges Mädchen hatte doch alles Glück dieser Erde verdient. Wie konnte ein so kleines Mädchen unglücklich sein? Sehr oft streifte ich durch die Siedlung hinter dem Wartehäuschen, doch weder erblickte ich Claudia, noch konnte ich permanent streitende Erwachsene bemerken. Noch heute, gute 5 Monate nach all diesen Vorkommnissen, gehe ich ab und an zu dieser abseits gelegenen Bushaltestelle, hoffend, wartend, sinnend. Ich habe alles so belassen, wie es das Mädchen angeordnet und hergerichtet hatte. Immerhin war es ihr Spielzimmer und es durfte nicht verändert werden. Alle Klingelschilder erforschte ich in dieser Siedlung. Keine Lore, kein Peter, keine Claudia. Tieftraurig unterließ ich es dann irgendwann, weiterhin dorthin zu gehen. Es zog mich einfach zu sehr runter.