Der Asteroid

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Als im Fernsehen die Meldung verbreitet wurde, dass die Erde in weniger als fünf Monaten nicht mehr existieren würde, fing ich wieder mit dem Rauchen an.
Irgendwie hatte ich immer im Gefühl gehabt, dass dieser Tag irgendwann kommen würde, aber ich hatte gehofft, dass ich dann nicht mehr leben würde.

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Als ich am nächsten Tag aufwachte, fühlte sich alles irgendwie fremdartig an. Linda schlief noch, ihr Kissen war nass. Sie hatte geweint. Ich hatte nicht geweint, ich hatte Zigaretten geholt, ein paar geraucht und mich dann ins Bett gelegt. Stundenlang hatte ich wachgelegen und an die Decke gestarrt. Irgendwann war ich eingeschlafen und der Wecker hatte mich pünktlich um 5:30 aus dem Bett gerissen.
Ich aß mein Müsli, duschte, zog mich an, stieg ins Auto. Auf den Straßen rasten die Autos, aber ich hielt an jeder Ampel, ließ mich um nichts in der Welt aus meiner Welt herausreißen.
Als ich auf den Parkplatz der Schule einbog, konnte ich keine Autos sehen. Ich stieg aus dem Wagen und ging zum Haupteingang, aber die Schule war abgeschlossen. Ich wartete, aber niemand kam. Kein Lehrer, kein Schüler, kein Hausmeister, niemand. Eine gute Stunde stand ich da, bevor ich anfing zu weinen.
Ich ging zurück zu meinem Wagen und fuhr in die Innenstadt. Mir war klar, dass ich Vorräte holen sollte, zumindest ein paar Dosen und vielleicht ein paar Kerzen. Ich hatte nie darüber nachgedacht, was ich genau tun sollte, wenn die normalen Strukturen einfach nicht mehr funktionierten. Das war kein Teil meiner Lebensplanung, keine Eventualität, die irgendwann eintreten sollte, aber das Leben interessiert sich einen Scheiß für Planungen.
Ich parkte am Straßenrand vor einem der Einkaufstempel; zweite Reihe. Ich war wohl nicht der Einzige, der sich Vorräte besorgen wollte. Innerhalb eines Tages war die Welt zwar nicht untergegangen, aber man spürte, dass sich etwas geändert hatte. Die Leute wirkten gestresst, existenziell gestresst, und überall lag Müll herum, auf den Straßen, auf dem Gehsteig, auf den Bänken, auf den Autos. Niemand scherte sich darum. Nach mir die Sintflut – nach mir gar nichts.
Die Glastüren des Einkaufszentrums waren eingeschlagen worden und die Leute hatten schon einige Geschäfte geplündert. Viele Regale waren halb leergeräumt und die andere Hälfte lag verstreut auf dem Boden und wurde von dutzenden Leuten in Tüten gesteckt. Ich ging zu einer der Kassen, holte mir zwei Papiertüten und tat es den anderen gleich. Eine Dose Bohnen, ein Glas Pilze, eine Packung Spaghetti; es war mir egal, Hauptsache meine Tüte füllte sich. Als ich nach einer Dose Bier griff, rempelte ich einen älteren Mann an, der mich einfach nur entgeistert anstarrte.
„Es tut mir leid“, sagte ich und es klang seltsam hohl. Es hatte keine Bedeutung. Er sagte nichts und wendete sich ab.
Ich hatte gerade meine zweite Tüte angefangen, als ich plötzlich bemerkte, dass die Leute um mich herum unruhig wurden. Hastig sah ich mich um. Drei Männer und eine Frau kamen den Gang entlang. Sie hatten Pistolen in den Händen. Einer zog eine Art Holzwagen an einem Seil hinter sich her und bevor die Frau das Wort ergriff, wusste ich schon, was nun passieren würde.
„Alle Sachen hier in den Wagen, aber zack zack.“
Resigniert und zum Teil verängstigt gingen ich und die anderen Menschen auf sie zu, doch dann hielt ich inne. Jemand schlich sich von hinten an einen der Männer heran, eine Flasche in der Hand, und ließ sie mit voller Wucht auf dessen Schädel niedersausen. In Zeitlupe fiel der Mann zu Boden und die Waffe aus seiner Hand. Plötzlich wurde es laut, Rufe, Schreie, dann Schüsse und ich stand nur wie angewurzelt da, konnte mich nicht bewegen. Der Mann, der den anderen Mann niedergeschlagen hatte, wurde erschossen; viele Leute nutzten den Moment und flohen, packten ihre Tüten, als würde ihr Leben davon abhängen, und wahrscheinlich tat es das über kurz oder lang auch. In Sekunden verfiel alles in Chaos ... nur ich bückte mich langsam, als würde nichts um mich herum passieren, griff nach der Pistole, die keinen Meter von mir entfernt gelandet war, steckte sie in die Hose, legte das Hemd sorgsam darüber. Ich fühlte nichts und rannte einfach los, solange, bis ich wieder auf der Straße war und das Gefühl hatte, jeden Moment zusammenzubrechen. Niemand hatte mich bemerkt. Niemand hatte gesehen, dass ich die Waffe hatte. Niemand.
Vorher hatte ich nie eine Pistole oder eine andere Feuerwaffe auch nur angefasst – ein paar Monate im Bogenschießverein in meiner Jugend waren das, was dem noch am nächsten kam. Ich bemerkte erst jetzt, dass nicht nur meine Lungen wehtaten, sondern mein ganzer Körper. Ich holte eine Zigarette hervor, rauchte, sah mich um. Ich befand mich in einer Seitenstraße. Hier kamen nur ein paar Leute vorbei, aber jede Person wirkte irgendwie feindlich gesonnen, als würde nur eine Kleinigkeit zwischen trügerischem Frieden und einem Angriff liegen. Die Pistole machte mir gleichzeitig Angst und gab mir das Gefühl von Sicherheit. Nach ein paar Minuten hörte ich Polizeisirenen und sah die ersten blauen Wagen die Hauptstraße entlangfahren. Der Staat war nicht innerhalb eines Tages totzukriegen, aber mehr als einen Monat gab ich ihm auch nicht. Ich entspannte mich nicht völlig, aber ein wenig. In meinem Kopf spielte sich immer und immer und immer wieder diese Szene ab und mein Herz klopfte. Erst nach einer knappen Stunde ging ich wieder los und fühlte mich trotzdem unbehaglich mit der Pistole.
In einem Eckladen kaufte ich tatsächlich noch normal ein – vieles war schon leergeräumt, aber eine Tüte konnte ich mit allerlei Sachen vollmachen. Die Frau hinter der Kasse nahm sogar noch Geld an. Vielleicht war der Vorfall im Einkaufszentrum nur eine Ausnahme gewesen, vielleicht aber auch ein Vorbote.
Danach ging ich zurück zum Auto und fuhr nach Hause. Als das Hochhaus in Sicht kam, fuhr ich langsamer, suchte jeden Winkel nach irgendeiner Gefahr ab, bis ich ausstieg und das Haus betrat. Niemand da. Ich nahm den Fahrstuhl. Linda lag noch im Bett, als ich ankam, war aber wach.
„Ich hab eingekauft“, sagte ich.
„Okay“, murmelte sie. Ich setzte mich zu ihr auf das Bett und starrte die Wand an.
„Wir kriegen das hin.“
„Da ist nichts mehr hinzukriegen.“ Sie sagte das ohne

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