Therapie

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Ich bin Andreas und ich bin Alkoholiker. Schon sehr lange. Keiner der netten Sorte, die dann halt irgendwie nachts weinen, sondern einer von der Sorte, die schreien und prügeln. Es hat damals mit etwas zu viel Stress auf der Arbeit angefangen und endete in Kneipenschlägereien.
Meine Kindheit war schön, daher kommt das nicht. Ich glaube nur, dass ich nicht die Fähigkeit besitze wirklich glücklich zu sein.
Ich habe zwei Kinder in die Welt gesetzt, eine Frau, die mich liebt, einen gutbezahlten Job und trotzdem greife ich immer wieder zur Flasche. Früher war ich einfach mit Kollegen mal einen trinken. Dann kam der Stress. Dann ab und zu einfach so . Dann morgens. Dann das Zittern. Das scheiß Zittern.
Ich hatte meinen ganzen Alkohol im Klokasten auf der Arbeit versteckt. Immer wenn jemand gespült hat, klapperte es dumpf. Bis heute weiß ich nicht, wie das niemandem auffallen konnte.
Ich habe viel Mist gebaut. Ich habe einem Laden die Scheibe eingeworfen. Ich habe meine Kinder angeschrien und ich habe... ich habe meine Frau geschlagen. Einmal. Aber das war zu viel. Da wurde uns beiden klar, dass irgendetwas anders laufen muss, sonst würde alles in die Brüche gehen.
Ich ging zuerst zu den anonymen Alkoholikern. Zwölf Schritte Programm. Zwölf Tassen Kaffee am Tag. Aber das half mir nicht. Also zumindest nicht lange. Anfangs war es gut mit den Leuten zu sprechen, aber dann griff ich erneut zur Flasche und wieder und wieder.
Ich weiß nicht wieso, ich kam einfach nicht davon los. Meine Ehe bröckelte weiter. Es lief einfach nicht mehr. Irgendwann stellte mich meine Frau vor die Wahl: Entweder würde ich eine weitere Therapie besuchen oder sie würde am nächsten Tag mit den Kindern verschwinden.
Sie hatte ein spezielles Therapiezentrum gefunden. Eine Firma namens Eryhmaik, die auf schwere Fälle von Sucht spezialisiert waren. Ein spezielles Programm mit hoher Erfolgsquote.
Ich weiß noch wie mich meine Frau an dem Tag hinfuhr und mir am Eingang noch sagte: „Das wird funktionieren. Das muss funktionieren.“ Mein Sohn, Lukas, war auch da und ich kann mich noch an den genauen Wortlaut und den Klang seiner Stimme erinnern: „Papa. Du schaffst das.“
Und ich wollte es auch wirklich schaffen.
Es war ein graues, teilweise verglastes Gebäude. Unten, am Eingang, war überhaupt niemand. Vor mir lag eine leere Empfangsstelle und rechts daneben eine Treppe.
Es gab nur ein Schild mit einem aufgemalten Pfeil an der Seite, an dem man sah, dass dort die zu therapierenden Menschen hingehen sollten.
Ich schritt langsam die grauen Stufen nach oben und war etwas verwundert, dass es so unglaublich ruhig in dem Gebäude war. Ich konnte nichts hören, erst als ich am Ende der Treppe angekommen war, konnte ich entfernt ein leises Tippen hören. Wirklich nur leise. Ein leerer Gang, weder links noch rechts waren Türen, einfach nur ein leerer Gang mit nackten Wänden. Am Ende des Ganges war eine kleine Tür, an der Büro stand. Das Licht war schummrig.
Ich schritt langsam darauf zu und klopfte zaghaft.
„Kommen Sie rein“, sagte eine Stimme und ich öffnete die Tür.
Hinter einem Schreibtisch saß ein junger, hagerer Mann im Anzug, vor ihm stand eine Schreibmaschine, auf welcher er tippte. Ein Tisch, dahinter sein Stuhl, davor ein Stuhl. Das war alles. Sonst war der ganze Raum leer, bis auf einen Stapel Papiere. Nach einer halben Minute hörte er auf zu tippen und schob die alte Maschine zur Seite. Er sah auf und ich konnte eine Narbe auf seiner linken Wange erkennen, die ihm ein seltsames Aussehen verlieh.
„Entschuldigung. Ich musste meine Wörter für heute noch fertig machen.“ „Wie meinen Sie das?“, fragte ich und sah wohl etwas verwirrt aus. „Ach egal, egal. Kommen wir zur Sache, Ihre Frau hat mich ja bereits angerufen und mir erklärt, unter welchem Problem Sie leiden. Aber, ich möchte das noch einmal von Ihnen hören.“ „Nun. Wie meinen Sie das?“ „Was ist Ihr Problem? Herr Mehrfuß. Was ist Ihr Problem?“ „Ich bin Alkoholiker.“ „Gut, das Problem ist also erkannt. Das ist schon einiges wert, die Hälfte des Weges meiner Meinung nach. Naja, vielleicht ein Drittel. Ja ein Drittel kommt gut hin.“ Ich nickte und eine Stille entstand, er machte mir mit einer Handbewegung klar, dass ich mich setzen sollte und so setzte ich mich. Dann stand er auf und öffnete das Fenster. „Es ist so stickig hier drin, den ganzen Tag sitzt man rum.“ „Werden hier die Leute therapiert?“ „Nein, nein nicht hier. Unser Therapiezentrum liegt etwas außerhalb der Stadt. Hier geht es darum, dass ich Sie kennenlerne. Dass ich verstehen kann was für ein Typ Mensch Sie sind.“ Ich nickte abermals. „Was hat die Sucht bei Ihnen verursacht, also was ist vorgefallen? In der Regel kommen die Leute nicht schon zu mir wenn sie zittern, sondern viel später. Was ist bei Ihnen passiert?“ „Ich habe meine Kinder angeschrien, ich habe einen Unfall gebaut“, sagte ich stockend. „Das ist nicht alles. Ich sehe, dass da mehr ist.“ Er hatte plötzlich einen seltsamen Ausdruck in den Augen. „Sagen Sie mir, was war das Schlimmste?“ „Ich.. ich habe meine Frau geschlagen.“
Der Mann sog scharf Luft ein. „Ok. Nun denn, es wird ein harter Weg werden. Die Adresse ist hier. Ich möchte nicht, dass Sie jemandem sagen, wo sie genau hinfahren. Damit das klar ist. Es führt in der Regel nur zu Problemen. Frauen, die ihre Männer heimlich besuchen, Kinder, die ihren Vater sehen wollen. Nicht gut für die Therapie, verstehen Sie?“ „Wie lange wird es dauern?“ „Drei Wochen. Wir fangen nächste Woche an. Sorgen Sie für Urlaub oder Krankmeldung bei Ihrer Arbeit, im Notfall – ich kenne Ärzte, die Ihnen ein spezielles Attest ausstellen.“
Der Mann setzte sich wieder und zog eine der Schreibtischschubladen heraus. Ein Stift und ein Blatt Papier.
„Das ist der Vertrag. Den müssen Sie vorher unterschreiben.“
Im Vertrag standen Dinge wie: „Für die Dauer der Therapie akzeptiere ich jede Handlung an mir. Ich akzeptiere die Therapie in jeder Form und erkläre mich einverstanden sie nicht abzubrechen. Ich bin darüber aufgeklärt, dass die Therapie manchmal gewisse Grenzen überschreitet, womit ich mich einverstanden erkläre, ich nehme dies zu meiner Heilung an.“
Das wollte ich nicht unterschreiben. Ich kannte solche Verträge,

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