Totenstadt

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Die Sonne schien durch das Dachfenster genau auf den Telefonhörer. Das alte, metallene Ding hatte sich mittlerweile so stark aufgewärmt, dass der junge Mann ein Stück Stoff darumgewickelt hatte, um sich nicht zu verbrennen. Er erkundigte sich noch einmal bezüglich der Einzelheiten. Die Ankunft des Professors und seines Teams, was für die ganze Stadt von Vorteil sein würde von Vorteil wäre, würde die Menschen für einige Monate mit Arbeit versorgen, da gleichzeitig das Versprechen gegeben war, der Stadt finanziell zu helfen und vor allem zwei neue Brunnen zu graben.
Der junge Mann, zu dem damals der Kontakt hergestellt worden war, da er einer der wenigen war, die überhaupt richtig Deutsch sprechen konnten, wurde als Übersetzer eingesetzt und verhandelte im Namen der Stadt.
Auf der anderen Seite des Telefons war die Sekretärin des Professors, die mitteilte, dass der Professor gestern mit dem Team losgeflogen war und im Laufe des Abends, vielleicht aber auch am nächsten Morgen, ankommen würde. Der junge Mann nickte beständig, bis er merkte, dass die Frau, dass die Frau das nicht sehen konnte und ihr dann auch verbal zustimmte. Das Telefon im Hinterzimmer des Rathauses, war das einzige im Ort. Die Sekretärin fragte noch nach ein paar Einzelheiten, doch dann hörte der junge Mann das Geräusch von Motoren und legte nach einer hastigen Verabschiedung auf. Es war soweit. Goldene Zeiten würden anbrechen. Da war sich der junge Mann sicher. Den Geschmack von goldenen Zeiten hatte nicht nur der junge Mann auf der Zunge, sondern ebenfalls der Professor, der vom Rücksitz eines Geländewagens aus sich einen Überblick verschaffte.
Die Ausgrabungen würden in den nächsten Tagen beginnen, nachdem nun über Wochen Gelder und Unterstützer gesammelt wurden. Er, Professor Gero Mischam, war nicht allein, sondern mit zwei Kollegen, Doktor Merlin Schulgihn und Hendrik Wallersford, der schon oft bei Ausgrabungen dabei gewesen war und bei der Koordination half. Gero erhoffte sich von der Ausgrabung einen Ruf in seiner Disziplin der weiterreichte, als die Grenzen seiner Universität und seines Landes. Er war ein unbekannter in der akademischen Landschaft, aber hiermit könnte sich das endlich ändern. Es war nicht das erste Mal, dass er mit Hendrik unterwegs war, ein paar andere, kleinere Ausgrabungen hatte er bereits begleitet, da er viele Sprachen sprach und Leute gut koordinieren konnte.
Das Ziel der Reise war die sagenumwobene Totenstadt, aus diversen Legenden der Wüste, die jahrzehntelang für ein Fantasiegebilde gehalten wurde. David war immer sicher gewesen, dass dem Ganzen doch ein wahrer Kern innewohnte und als ihm vor einigen Wochen die Nachricht eines Zufallsfundes überbracht wurde, wusste er, dass seine Chance jetzt gekommen war. Ein einzelner Arbeiter hatte sich betrunken, hunderte Meter von der Stadt entfernt, in der Wüste verirrt und sich zum Schlaf an einen Stein gelegt, der sich am nächsten Morgen als ein Säule herausstellte, auf der ein Zeichen eingraviert worden war; ein Schädel eines Tieres, dass einem Stier ähnelte, dem aber nicht ganz entsprach. Das Zeichen des Totengottes Savir, ein alter Kult der vor über 3000 Jahren die Totenstadt gebaut haben soll. Der Kult des Totengottes wurde damals von verschiedenen Staaten verfolgt, bis sie sich ihre Totenstadt bauten, in der die Toten zusammen mit den Lebenden wohnten, ganz so wie der Totengott Savir es wollte. Die Schriften über den Kult waren nur vereinzelt vorhanden, ein paar Geschichten, ein paar wenige Tonplatten über den Mythos. Entscheidend dafür, dass Gero so lange an der Idee festhielt, war ein einzelner kleiner Bericht über einen Gefängnisaufenthalt eines Mannes, der verhaftet wurde, weil er zu dem Kult gebetet hatte.
Um die Stadt herum war eine niedrige Sandsteinmauer und die Straße hinein war wohl eher für Karren als für Autos gemacht. Der Fahrer brachte den Professor auf den Marktplatz der Stadt, hintendran kamen weitere Autos, insgesamt waren es drei. Zwei dieser Gefährte waren allerdings mit den Arbeitern für die Brunnenanlagen bestückt, die der Stadt zu neuem Glanz verhelfen sollte. Diese waren auch viel größer und hatten anbei einige Maschinen. Gero hatte bezüglich der Reise zwei Sponsoren. Die Gelder wurden ihm für die Ausgrabungen, die Erforschung der möglichen Totenstadt, den Bau einer Brunnenanlage und mehrere weitere Kleinigkeiten zur Verfügung gestellt.
Er hoffte wirklich die Totenstadt zu finden, aber selbst wenn es nur ein kleiner Schrein sein sollte, wäre dies schon eine kleine wissenschaftliche Sensation.
Gero stieg zuerst aus dem Wagen aus und wurde direkt von dem Kontaktmann, dem Bürgermeister und ein paar Schaulustigen begrüßt. Der Bürgermeister – ein müde aussehender Mann – flüsterte dem Übersetzer und Kontaktmann einige Wörter zu.
„Professor Mischam und Dr. Schulgihn, die Stadt heißt Sie herzlich willkommen. Ihr Mann für die Brunnenanlage folgt bitte dem Herrn da drüben.“ Er zeigte auf einen anderen älteren Mann in der Menge. „Die Pläne für den Brunnen sind in seinem Besitz. Er wird Ihnen ebenfalls die Quartiere der Arbeiter zeigen.“ „Professor, ich werde mich um alles kümmern“, sagte der junge Vorarbeiter und Gero nickte ihm zu. Die Arbeiter und der Vorarbeiter folgten dem Mann. Es war ein gutes Gefühl, sich nicht weiter darum kümmern zu müssen, die mögliche Entdeckung der Totenstadt würde seine ganze Zeit beanspruchen. „Möchten Sie zuerst etwas essen? Oder sollen wir Ihnen gleich die Stelle zeigen?“, fragte der Kontaktmann und während Merlin nickte, sah Hendrik mit hungrigem Blick zum Professor. „Wir fahren“, sagte der Professor, während Hendrik den Kopf schüttelte. Sie fuhren mit dem Wagen weiter in die wüstenähnliche Landschaft zu der Fundstelle. Es dauerte eine gute halbe Stunde und von der Dürre, der steppenartigen Landschaft, die um die Stadt gelegen war, war nach kurzer Zeit nichts mehr zu sehen, sie lag metertief unter Sand. Ganz sicher war die ganze Unternehmung nicht. Die Wissenschaftler, die wie Gero an die Existenz der Totenstadt glaubten, deuteten den möglichen Ort, an dem sie errichtet sein könnte zwar in der Nähe, aber falls dieser Stein mit dem Zeichen wirklich ein Teil der Totenstadt wäre, wäre sie doch gut ein paar Kilometer außerhalb des eigentlichen Radius entfernt, mit dem man vorher gerechnet hatte. Natürlich kam es vor, dass Orte, Städte, Gräber, Tempel außerhalb des prognostizierten Gebiets gefunden wurden, aber in den letzten Jahrzehnten wurde dies immer seltener.
Gero konnte nicht erkennen, wie der Weg

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