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Therapie - Page 2

Bild von Weltenbruch
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ich trat damit alle meine möglichen Ansprüche ab. Einen Moment lang dachte ich nach. Der Mann mir gegenüber schien meinen Widerwillen zu erkennen.
„Die Therapie ist speziell. Das ist keine normale Behandlungsmethode, verstehen Sie? Aber die normalen Methoden sind erschöpft, oder? Sie müssen die Therapie nicht machen. Es ist Ihre Entscheidung, aber...“ Er machte eine Pause. „Was meinen Sie? Was aber?“ „Wenn es Konsequenzen gibt, müssen Sie damit leben.“
Ich schluckte schwer; mir wurde klar, dass wenn ich nicht unterschreiben würde, meine Ehe scheitern und mein Leben auch langsam enden würde. Es war ein Sterben auf Raten. Gesundheitlich, familiär in meinem Beruf. Das war mir klar.
„Was kommt auf mich zu?“ „Betriebsgeheimnis. Sie verstehen. Das ist eigentlich viel relevanter für uns, dass Sie niemandem erzählen was dort passiert, deswegen machen wir diese Blätter überhaupt, um die Methode an sich zu schützen.“ „Sie wollen doch Leuten helfen?“ „Ja natürlich. Aber wir sind auch ein Unternehmen.“
Ich unterschrieb den Vertrag und einen Scheck. Es war eine Menge Geld, aber ich sah keinen anderen Weg mehr.
Der Mann drückte mir ein Kärtchen in die Hand auf dem eine Wegbeschreibung stand und brachte mich noch zur Bürotür. „Sie schaffen das. Sie sehen nicht aus wie jemand, der es nicht schaffen könnte.“
Ich öffnete die Tür und trat wieder in den Gang. Das Licht wirkte anders, irgendwie freundlicher. Ein Hoffnungsschimmer? Ein billiger Trick? Ich konnte es nicht genau sagen, aber ich war auf das gespannt, was nun kommen würde und stieg in die Bahn um nach Hause zu kommen. Mein Kopf ging unermüdlich die folgenden Tage durch, die Veränderungen und eine große Hoffnung war in mir, neben einem großen Zweifel, bis die Sprechanlage des Zuges das Ende meiner kurzen Fahrt ankündigte. „Nächster Halt: Maik-Wechsler-Platz. Endstation, bitte alles aussteigen. Wir wünschen allen Fahrgästen eine gute Weiterfahrt“
Endstation. Neubeginn? Alles dasselbe. Die Zeit, die ich für die Therapie brauchen würde, wäre kein Problem, ich hatte noch einiges an Überstunden abzufeiern.
Am nächsten Tag rief ich bei der Arbeit an und vereinbarte kurzfristig meinen Urlaub zu nehmen.
Ich nahm mir den Urlaub ab sofort und versuchte schon jetzt nicht mehr zu trinken. Einen Tag schaffte ich es, dann trank ich wieder heimlich morgens, mittags und abends. Nicht viel. Nur genug um nicht zu zittern, damit ich meinen Kindern zurecht kam.
Bald wäre ich ja befreit, das wusste ich.
Ich erklärte meiner Frau, dass sie nicht wissen dürfte, wo ich dann sein würde, sie akzeptierte das. Sie akzeptierte so viel, ich konnte das gar nicht begreifen. „Ich will einfach nur, dass du gesund wirst, Andreas. Das ist alles was ich möchte.“
Nachdem die Woche vorbei war verabschiedete ich mich von meiner kleinen Tochter, die noch ein Baby war, ich hielt sie noch einmal kurz im Arm, dann umarmte ich meinen Sohn, der mir mit einem: „Das schaffst du“ Mut machte und küsste noch einmal meine Frau.
Ich fuhr mit einem Taxi hin, hatte am Morgen mal wieder etwas getrunken, ein letzter Schluck. Ein Letzter bevor es vorbei sein würde.
Die Adresse war sicher fast eine Stunde von der Stadt entfernt. Wir fuhren an lauter Dörfern vorbei Egldorf, Grahrbach und vielen weiteren Dorfs und Bachs.
Nach einer Stunde waren wir dort angelangt und ich gab dem Taxifahrer das Geld. Jetzt war es so weit. Ein neuer Lebensabschnitt würde beginnen, es musste einfach endlich soweit sein.
Das Therapiezentrum war ein heller, moderner Klotz, der frei auf einer Wiese stand. In einem guten Kilometer Umkreis gab es nur dieses Gebäude. Ich ging langsam darauf zu. Der Kiesweg grenzte an ein paar Blumenkästen und führte dann zu zwei Glastüren, die automatisch aufgingen, als ich vor ihnen stand.
Hier war der Empfang nicht leer, eine junge Frau stand dort. „Herr Vigin, wir haben Sie erwartet. Soll ich Ihnen das Zimmer zeigen?“ Sie führte mich in ein kleines Zimmer mit eigenem Bad und ich fühlte mich direkt wohl. „Kommen Sie gegen 18 Uhr runter, da gibt es Abendessen und die Therapie wird im Anschluss direkt beginnen.“
Am Abend saßen ich und ein paar andere Männer und Frauen unterschiedlichsten Alters auf einfachen Plastikstühlen; ein junger Mann erklärte ungefähr den morgigen Ablauf. Die Begriffe für die verschiedenen Therapieformen waren seltsam blumig und wurden auf eine intellektuelle Weise erklärt. „Gesprächssitzung zum tieferen Selbstverständnis und zum echten Verständnis von Anderen.“ So etwas war nicht selten. Es gab verschiedene Programmpunkte. Erst am Ende der kleinen Präsentation bemerkte ich, dass der Mann aus dem grauen Gebäude auch hier war. Er stand am Rand und beobachtete alles unauffällig.

Es begann mit einer Gesprächstherapie, ähnlich zu der Therapie, wie ich sie auch schon von den anonymen Alkoholikern kannte. Es war bis auf wenige Details anders, als bei den anonymen Alkoholikern, aber im Großen und Ganzen war es dasselbe. Fragen wurden anders und schneller gestellt, alles schien zusammengerafft zu sein, gepresst quasi.
Dann gab es Vorträge, es ging viel um Angst, viel darum zu verstehen, was wir getan hatten und die üblichen Möglichkeiten, das zu ändern.
Und dann. Dann kam die Konditionierung, wie sie genannt wurde. Aversionstherapie.
Es fing erst einfach an. Wir bekamen leichte Mittel, dass uns etwas schlecht wurde, während wir Leuten zusahen wie sie Alkohol tranken, doch dann wurden sie stärker.
Wir bekamen Bilder gezeigt und Medikamente verabreicht, die Kopfschmerzen oder Ähnliches verursachten. Anfangs war das noch in einem ertragbaren Rahmen, aber trotzdem sehr unangenehm. Das Ziel war es, uns damit vom Trinken insgesamt fernzuhalten, indem wir einfach Ekel davor entwickeln sollten.
Dann wurde es krass. Am zwölften Tag bekamen wir ein Glas Bier. Es roch nach Bier, sah wie Bier aus und schmeckte auch danach, doch irgendetwas war da drin. Völlig verworren machte es mich und mir wurde extrem schlecht. Ich stolperte, konnte weder klar denken noch gerade laufen und hatte überall Schmerzen. Die Wände schienen zu atmen.
Mehrmals dachte ich mein Herz würde gleich stehen bleiben und als ich irgendwann in meiner Kotze wegdämmerte, träumte ich von gigantischen Spinnen.
Am nächsten Morgen fand ich mich wieder wohlbehütet in meinem Zimmer und Bett auf, doch das war zu viel. Das war eindeutig zu viel. Ich wusste, dass die Leute mich nicht einfach gehen lassen würden und ich nur über einen Schleichweg nach

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