Der Käufer auf dem Flohmarkt - Page 5

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der Kiosk. Ein Schild ist deutlich zu erkennen, worauf steht: „Nicht-Überfall-Bar“. Es ist eine Mischung aus einem Lokal, Kiosk und einer Bar, die viele Menschen edelmütig anlockt. Bargeld hat Tim Käufer selbstverständlich bei sich und sich selbst hat er ebenfalls. Eben lief er die Straße rasend entlang und augenblicklich steht er vor der Tür. Ausatmen muss er die eigene Anstrengung und für das Reden noch den letzten Atem finden. Eine kurze Pause vor dem Kiosk findet statt, während einer Arbeits-Pause. Das Herz schlägt nicht mehr bis zum Hals und gegenwärtig kommt die Ruhe mit der Zeit. Nichts hält ihn auf und falls doch, dann ist es der Abstand und die Entfernung. Nun steht er im Laden und seine Anwesenheit riecht nach Benzin. Nach Aufmerksamkeit kann man sicherlich riechen, wenn sich ungewollt etwas Befremdliches erkennen lässt und ein Aroma der Arbeit breitet sich unwillentlich im Raum aus. All die Kiosk-Kunden sind leicht verwirrt, als wäre Tim ein Drogenjunkie, der sich durch Benzin-Duft berauscht hat. Die Blicke sind auf ihn gerichtet und ein körperlicher Abstand wird absichtlich gewährleistet. Diese Situation muss er mündlich beschreiben und das Reden muss folgen:
»Bitte verzeiht mir! – Ich arbeite als Parkhauswächter und meine Leidenschaft ist das Fahren … Die Kehrmaschine wird mit Benzin betrieben und duftet höllisch danach. Zwei Schachteln Zigaretten möchte ich gerne kaufen und die Arbeit ruft momentan nach mir …«
Beim Reden geht er auf die Kunden zu, die eine Kauf-Schlange gebildet haben. Dabei spricht er weiter:
»Der Tag wird heute sehr lang und die Zigarettenkippen werden mir die Lebenskraft geben, die ich für die Arbeit brauche! Bitte verzeiht mir … Aber ich muss als Erster die Zigaretten kaufen.«
Wahre Freundlichkeit strahlt er aus, und wer solche Eigenschaften besitzt, ist einzigartig und auch leider einmalig. Mit Lächeln machen die Menschen im Kiosk Platz und lassen Tim Käufer vortreten. Vor der Kasse steht er und sagt:
»Hummel Hummel, Mischkael Beörliäng! – Zwar haben wir uns erst gestern gesehen, jedoch sage ich es immer gerne, dass ich zwei Zigarettenschachteln brauche!«
Humor sieht man da, wo ein Sinn sich gedanklich verliert. Diese Überlegungen beruhen auf Erkenntnissen, die man erst verstehen muss, und wenn man nichts verstanden hat, sollte man mutig fragen. Fragen hat der Kioskbesitzer und zugleich der Verkäufer an Tim Käufer:
»Welche Zigarettenmarke soll heute Ihre Lunge langsam vergiften?«
Eine solche Frage entspricht der Wahrheit, die Zweideutigkeit in sich verbirgt. Die Auswahl an Zigarettenkippen ist gigantisch. Leider kennt Tim Käufer alle Kippenmarken und hat alle schon mehrmals geraucht. Leid hat sein Körper dadurch abbekommen und solch eine Erfahrung könnte man als Angeberei bezeichnen. – Der Verkäufer wiederholt die Frage und wartet auf eine Erwiderung.
»Wieder nehme ich die größte Zigarettenschachtel, die Sie haben. – Und davon bitte noch eine, die den Nachmittag angenehmer gestalten wird!«
Wird er mit dem Rauchen so weitermachen, wird diese Kippen-Holen-Strecke in ein paar Jahren sehr anstrengend sein … Der Verkäufer hat schon zu oft solche Denkanstöße mündlich ausgesprochen und jedes Mal ist es Tim Käufer gleichgültig. Gleich muss die Arbeit anfangen und schon verlässt er den Kiosk. Nun steht Tim schicklich auf der Straße und aus Gewohnheit macht er eine Zigarettenschachtel auf. Die zweite Schachtel steckt er in die Hosentasche rein und er fühlt sich dabei für den Tag gut versorgt.

Auf der anderen Straßenseite steht eine Sorge als Person: Die ungezogene und freche Frau von vorhin. Ihre Jack-Wolfskin-Jacke und die kurzen Haare unterstreichen die Adleraugen, die diese Frau besitzt. Gewisse Schadenfreude empfindet wahrlich diese Frau, als ihre böswilligen Augen Tim Käufer betrachten. Ihre Freude ist nicht mehr erträglich, weil sich ihre Feindseligkeit über Tims Missgeschick freut. Hinterhältigkeit hält solche Menschen vermutlich am Leben und ständig wird Ausschau danach gehalten, was man reichlich an Kontroversen und Negativität entsorgen kann. Mit Adleraugen sieht sie einen bedeutenden Grund, damit der Parkhauswächter seinen Job verliert. Der Kündigungsgrund lautet: Verlassen des Arbeitsplatzes. Noch beim Beobachten platzt ihr der Kragen und förmlich fällt die Freude darüber auf den Boden. Aufheben muss sie das Handy, welches sie aus Begeisterung fallengelassen hat, als sie bösartige Gedanken entwickelt hat. Nicht zu kleingeistig wirkt die Frau, als sie ein Foto von Tim Käufer macht, sondern überzeugend und erfolgreich. Es ist wohl ein reichhaltiger Beweis und die Bestätigung dafür, dass der einseitige Streitfall noch weitere Folgen verbreiten möchte. Wie ein Privatdetektiv macht diese Frau viele Schnappschüsse, die hoffentlich einen Zweck verfolgen.
Sehen kann Tim Käufer diese Frau nicht, denn seine Gedanken sind noch beim Rauchen. Rauchen kann er leider nicht, schließlich fehlt das Feuer und ohne Feuer geht nichts. Erneut betritt er den Kiosk und drängelt sich in der Kundenschlange. Dabei verliert er keine Freundlichkeit, sondern zeigt Humor und Vergesslichkeit. Vergessen hat er die Arbeit nicht und er muss rasend zurück! Zum Glück kann die Arbeit warten und die Strecke ist nicht weit. Noch im Laden zündet er die Zigarette an und denkt sich dabei, ob sein Pullover durch Benzin-Flecken brennen kann. Falls ja, dann wird er schneller zur Arbeit rennen müssen, als je zuvor … Wie in der Leichtathletik sprintet er durch die Straße und durch das Rennen verglüht die Kippe noch viel schneller. Auch ein Kurzstreckenläufer muss beim Sprinten Luft einatmen und Tim Käufer atmet den Zigarettenrauch ein. Sein Ziel ist nicht weit entfernt und doch so dauerhaft. Die unverschämte Frau mit der Jack-Wolfskin-Jacke ist begeistert und flüstert zu sich selbst:
»Der Abschied hält nicht ewig, Baby, sorg dich nicht. Wir sehen uns vor, wir sehen uns vor Gericht, yeah! Gewalt ist zum Zerstören nicht erforderlich … Wir sehen uns vor, wir sehen uns vor Gericht!«
Diese Zitate hat sie von Alligatoah aus einem Song namens „Vor Gericht“. Singend und gleichzeitig imitierend plauderte sie diese Zitate mehrmals vor sich hin. An ihr läuft Tim Käufer vorbei und erkennt zum Glück die Frau nicht. Er kennt nur diese Laufstrecke und kann auch blind seinen Arbeitsplatz finden. Was er in der Tat auch immer tut. Immer weiter werden die Fotos von Tim Käufer gemacht und sicherlich ist der Handy-Speicher schon voll. Voller Schadenfreude strahlt diese Frau und auch in der Dunkelheit kann sie damit

Lektor: Axel C. Englert

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