Der Käufer auf dem Flohmarkt - Page 8

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und die Straßen-Fahrt kann schlussendlich beginnen! Aufs Gaspedal tritt er kräftig und kräftig zieht die Kehrmaschine den Fahrradanhänger mit. Die Benzinkanister hat er aus Vergesslichkeit nicht festgebunden und beim Fahren kracht es, als wäre der Donner höchstpersönlich unterwegs. Der Weg ist ihm bekannt und beim Auffahren auf die Straße kommen die Erinnerungen wieder hoch … Bei der Regionalmeisterschaft für Parkhaus-Wettrennen ist er als Sieger hervorgegangen, und die getunte und frisierte Kehrmaschine donnert beim Fahren. Wie ein Blitz fährt er in die Straße ein und düst der Höflichkeit entsprechend schneller als die anderen Autos. Die Kehrmaschine hat einen Sicherheitsschild, auf dem deutlich steht, dass die Kehrmaschine maximal 8 km/h fahren kann. Im höchsten Fall kann die Kehrmaschine auch schneller fahren, wenn der Weg bergab verläuft. Seine Kehrmaschine braucht solche Vorteile nicht und die Höchstgeschwindigkeit erreicht er in ein paar Sekunden. Es bleibt ihm ein Rätsel, wie schnell die Kehrmaschine eigendlich fahren kann. Denn die Tachoanzeige kann nur 32 km/h anzeigen und die Höchstgeschwindigkeit hat leider noch keiner richtig gemessen … Ruhig und würdevoll fährt er auf dem Asphalt entlang. Die Schlaglöcher bringen den Fahrradanhänger zum Springen und mit Geschick hält er die Kehrmaschine unter Kontrolle. Nur einen lauten Krach macht der Anhänger und die Benzinkanister hüpfen hin und her. Neue Musik muss schnell her, damit die Aufmerksamkeit nicht verloren geht. Trotz der Zigarette im Mund braucht er satirische Achtsamkeit und zugleich Mitgefühl für die Leichtsinnigkeit. Ein Zufallsmodus ist im MP3-Player eingestellt und er denkt sich dabei, ob das nächste Lied hoffentlich passend ankommen wird. Das Display zeigt etwas an, was man als Schicksal oder Zufall bezeichnen kann, und über solche Dinge denkt Tim nie nach. Das Lied heißt „Fahrerflucht“ und ist von Alligatoah! Ob es ein Zufall oder Schicksal ist, ist fraglich … Sicher kann man sein, dass beides viele Fragen auf dem Gewissen hat, die unwissend bleiben möchten. Auf jeden Fall kann ein Zufall sich als Schicksal bezeichnen lassen, wenn man unerwartete Ereignisse empfängt und gegenwärtig verabschiedet. Dabei sollte man gewiss glauben, dass beides dieselbe Eigenschaft hat. Hat ein Zufall oder Schicksal uns etwas gegeben, so sollte man sowas als eine Lebens-Antwort bezeichnen, denn alles ist vorherbestimmt und formt uns so jeden Tag, damit wir das werden, was das Leben aus uns machen möchte. Möchte man sich fragen, wieso dies geschieht, sollte man überlegen, was davor passiert ist und was man durch jene Ereignisse geworden ist. Noch viel lauter wird die Musik aufgedreht und die Räder drehen sich noch schneller. Mit einem kräftigen Zug an der Zigarette und kräftigem Tritt aufs Gaspedal drückt der Fahrtwind die Kehrmaschine weiter vorwärts. Weiter muss er fahren, damit der Tankstellenwart so einen Besuch großzügig empfangen kann. In der verkehrsberuhigten Zone darf man nur mit Schrittgeschwindigkeit vorankommen. Vor der Höchstgeschwindigkeit der Kehrmaschine erschrecken sich die Passanten und Fußgänger und irgendwie denkt man sich dabei, ob ein Zirkus einen Stuntfahrer vermisst. Einen nach dem anderen überholt er die Autos und währenddessen holt er sich die Befriedigung und Aufmerksamkeit ein. Viele Autos hupen und die Fahrer sind am Fluchen. Am anderen Ende der Straße ist der Kiosk namens „Nicht-Überfall-Bar“ und die rechte Straße führt zur Tankstelle. Einen lauten Krach machen die Benzinkanister und die Blicke der anderen Menschen gehören nur Tim. Während der Fahrt schreit redegewandt ein Fußgänger:
»Eh, was tust du da?«
Schrie der Fußgänger. So eine Frage kann Tim Käufer zum Glück hören und beachten. Antworten möchte er darauf sehr gelassen und überlegt sich dabei, was er überhaupt sagen soll … Soll die Wahrheit mit der Wirklichkeit ausgesprochen werden, wird diese Verwirrung für viele Gespräche sorgen. Sorgen kann man erfinden und etwas sagen, was keine Verzweiflung aufbringen kann. Er bringt die Kehrmaschine zum Stehen und macht die Musik leiser. Heiser darf seine Stimme nicht werden, weil die Arbeit die Fähigkeit des Redens braucht, und daher hält er willentlich an. Die Zigarette im Mund wirkt sehr verwirrend auf andere Menschen und der Fußgänger zeigt außergewöhnliche Beklommenheit, als er Tim Käufer bedauernswürdig ansieht. Nach Benzin riecht die gesamte Straße und der Mann kommt auf bedauernswürdige Gedanken, die er ersprießlich ausspricht:
»Sie sind anscheinend ein Benzinschnüffler?– So, wie Sie hier fahren, können nur die Drogen und das Benzin sowas bewirken …«
Die Frage richtet sich an Tim Käufer und Notlügen sind da erlaubt, wo sie keinen Schaden anrichten können. Nun spricht Tim Käufer humorvoll und mit Ernsthaftigkeit zu dem Mann:
»Bei mir zu Hause wurde das Wasser abgestellt und für die nächsten Tage möchte ich mit Wasser versorgt werden … Meinen Hund habe ich seit Wochen nicht gewaschen und der Gestank ist fürchterlich! – Auch möchte ich seit Tagen eine Buchstabensuppe essen und ohne Wasser geht sowas nicht … Geduscht habe ich mich ebenfalls seit Wochen nicht und der Benzin-Gestank hält mich ständig wach … Können Sie mir sagen, wo ich den Feuerwehrstandort finden kann? Reichlich Wasser haben die Männer in Rot …«
Der Mann machte große Augen beim Zuhören und stolperte gleichzeitig über die ausgedachte Wahrheit. Humor und Satire kann er nicht wahrnehmen und er zeigt mit der Hand und einem Finger, wo die Reise hinführen soll …
»Die mittlere Straße, also!«
Sagt Tim Käufer und für die gezeigte Richtung sagt er zusätzlich „Danke!“. Lässt die Kehrmaschine mit Fahrradanhänger weiterrollen und dreht die Musik erneut lauter. „Fahrerflucht“ heißt das Lied und die Passanten sind am Fluchen. Die erfreulichen Blicke begrüßen und verabschieden ihn begleitend. In die nächste Straße muss er bald einfahren, um den Tankstellenwart zu empfangen. Die Spielstraße und der verkehrsberuhigte Bereich sind vorbei und in der 30er-Zone kann die Kehrmaschine die Höchstgeschwindigkeit willkommen und erwünscht ausleben. Das Kiosk namens „Nicht-Überfall-Bar“ ist schon zum Greifen nah und willkürlich möchte Tim sich sehen lassen! Erstaunt und frohgemut wird der Kioskbesitzer, als er Tim Käufer anfahren sieht.
»Hummel Hummel, Mischkael Beörliäng! Da kiekste wa?«
Ruft Tim Käufer mit Berliner Dialekt … Die Kippe des Kioskbesitzers fällt ihm aus dem Mund und mit riesengroßen Augen wird er sprachlos.
»Ick heff mol en Hamborger Veermaster sehn, To my hoo-dah, to my hoo-dah! De

Lektor: Axel C. Englert

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