Der Onkel

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In Gedanken habe ich oft sein Bild vor mir. Da steht er mir dann gegenüber, ein gepflegter, mittelgroßer, stets adrett gekleideter, alter Herr mit offenem Blicke, freundlichen, vertrauenserweckenden Augen, aus denen stets ein Fünkchen Humor zu blitzen scheint ...
Seine Lustigkeit war aber keine laute, aufdringliche, unreflektiert fröhliche, sondern eher mit der heiteren Gelassenheit eines in die Jahre gekommenen Weintrinkers vergleichbar. Seine humorvollen Bemerkungen waren nicht selten von kritischer Art, jedoch nie andere kränkend, obwohl er, so er dies für nötig erachtete, mit seiner Meinung sich ungern zurückhielt. Jeder schätzte, ja liebte seine offene Wesensart, seine heute leider selten gewordene Gabe, gut zuhören zu können, und so nahm es nicht wunder, dass die gute Seele oft um Rat gefragt wurde, falls irgendwer irgendwelche belastenden Probleme mit sich herumschleppte. Da der Onkel zwar gesprächig war – ohne natürlich ein Schwätzer zu sein – galt er allgemein als sehr unterhaltsam, aber man konnte sich absolut darauf verlassen, dass Umstände, welche jemand ihm anvertraut hatte, für immer in ihm höchst sicher verwahrt blieben.

Seine barocke Sprache war eher bedächtig, was er sagte, wirkte stets wohlüberlegt. Es war beispielsweise eine Freude, ihm zuzuhören, wenn er einen Witz erzählte. Dabei blühte er richtiggehend auf. Ja, man kann sagen, dass er dabei in die Rolle der Handelnden förmlich hineinschlüpfte, mit verschiedenen Stimmfärbungen oder Dialekten sprach und so mit Gestik und Mimik seine Zuhörer in den Bann zu ziehen verstand. Dabei war er in der Auswahl seiner Witze sehr wählerisch: nie waren diese kränkend, abfällig gegen bestimmte Personengruppen gerichtet oder sonstwie peinlich. Nein, es waren geistvolle, lebensweise und oft sogar philosophisch anmutende Darbietungen, mit denen er recht erfolgreich versuchte, seinen Mitmenschen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern.

Er sprach oft in Gleichnissen, verwendete bildhafte Ausdrücke, wobei er nicht selten sein Gegenüber durch Gedankenkonstruktionen, welche ihn auch als Querdenker auszeichneten, zu verwirren pflegte. War ihm dies wieder einmal gelungen, dann lächelte er verschmitzt und um den so Verunsicherten nicht zu beschämen, pflegte er stets zu beteuern: „Na ja, du kennst mich ja. Du weißt ja, wer 's sagt. Der alte Onkel ist halt manchmal ein bisserl seltsam.“

Da man ihm nie etwas Böses unterstellte, hatte sich der alte Mann im Laufe seines Lebens so eine Art Schutzmantel aufbauen können. Liebevoll hieß es deshalb oft: „Ach der Onkel wieder! Was in dem seinem Kopfe so alles vorgehen mag! Wie es ihm nur immer so einfällt!“

Natürlich schüttelten auch manche verständnislos den Kopf, wenn der alte Herr seiner gelegentlichen Neigung zu Schwarzhumorigem allzusehr verfiel, aber da andere genau darüber wiederum herzhaft lachen konnten, glich sich die stumme Kritik der Erstgenannten ohne weiteres aus.
Die Schicksalgöttinnen hatten den Onkel eben häufig nicht gerade mit Samthandschuhen angefasst, auch war an seiner Wiege keine gute Fee gestanden, welche zeitlebens schützend ihre Schwingen über ihn gebreitet hätte. All diese Umstände und die zunehmenden unliebsamen Beeinträchtigungen des Alters ließen sich eben nur mit Humor ertragen – kein Wunder, wenn dieser dann mitunter mit etwas grimmiger Bissigkeit gewürzt war!

Als vernünftiger, möglichst selbstbestimmter Mensch, versuchte der Onkel gesund zu leben und um die Segnungen der Medizin einen möglichst großen Bogen zu machen. Erst, wenn er wieder einmal seinen Kopf quasi schon unter dem Arme trug, suchte er seinen Arzt auf, den er sehr achtete und dessen Anweisungen er vertraute. Meist aber schlich er einem Diebe gleich in die Praxis, um sich nur schnell ein Wiederholungsrezept zu beschaffen, um dann - vom Arzte unbemerkt - auf leisen Sohlen wieder das Weite suchen zu können.
Einmal lief er dabei jedoch dem Herrn Doktor direkt über den Weg. Dieser begrüßte den Überraschten und schlug vor, jener möge ihn doch kurz in das Behandlungszimmer begleiten.

Nach einem kurzen Gespräch bat der Onkel darum, eine etwas ausgefallene Frage stellen zu dürfen. Der freundliche Arzt kam dieser Bitte gerne nach.
„Herr Doktor“, begann der Patient etwas zögernd, „also … wie lange glauben Sie, … also ich meine, dass ich noch leben würde, wenn ich von heute auf morgen plötzlich alle meine Medikamente nicht mehr einnähme?“
Der Arzt erschrak offensichtlich ob dieser Fragestellung: „Jetzt hören Sie einmal, was haben Sie für seltsame Gedankengänge … also so etwas hat mich doch noch nie jemand gefragt.“
Der Onkel lächelte verständnisvoll aber auch etwas hintergründig: „Herr Doktor, ich meine ja nur, so als Beispiel … nur so, gleichsam aus sachlichem Interesse heraus … vielleicht lerne ich - durch eine fundierte Auskunft - meine mir lästige Tablettenschluckerei besser als mir dienlich einzuschätzen.“

Der Arzt lachte jetzt kopfschüttelnd: „Also, wenn ich Sie nicht so gut kennen würde! Aber Spaß beiseite. Man kann so eine Frage nicht exakt beantworten. Wenn Sie jedoch unbedingt auf einer Auskunft bestehen, dann würde ich – bei aller Vorsicht selbstredend – annehmen, dass Sie nach Absetzen aller Medikamente höchstens noch fünf bis sechs Wochen leben würden.“

Von diesem Gespräch in der Arztpraxis erzählte der Onkel tags darauf seiner Nichte und augenzwinkernd fügte er leicht grinsend hinzu: „Da habe ich meinen guten Arzt ganz schön erschreckt und ihm wohl die Grenzen seines Wissens vor Augen geführt. Sicher erwies ich ihm damit sogar einen Gefallen, denn derjenige, welcher sich dieser Grenzen bewusst ist, läuft bestimmt nicht Gefahr, der Überheblichkeit anheimzufallen.“
„Ach Onkel, du mit deinen Hirngespinsten!“, seufzte die Nichte.

Es waren knapp sechs Wochen ins Land gezogen. Der Sommer verabschiedete sich gerade, um dem Meister aller Landschaftsmaler, dem Herbste, den diesem gebührenden Platz im Wechsel der Jahreszeiten einzuräumen. Die Nichte rief auch heute erneut ihren Onkel an, nachdem sie ihn am Vortage telefonisch nicht hatte erreichen können. Er meldete sich nicht, was die junge Frau etwas beunruhigte. Sie fuhr zur Wohnung ihres Verwandten, und da die Klingel offensichtlich wieder einmal ihren Dienst zu versagen schien, schloss sie mit ihrem Zweitschlüssel die Haus- türe auf. Im Flur vernahm sie aus dem Wohnzimmer ein leises Winseln. Als sie die Türe öffnete, erblickte sie den kleinen schwarzen Spitz ihres Onkels, welcher schwanzwedelnd zu dessen Füßen auf der Couch saß. Sie war beruhigt, denn der Onkel schlief offensichtlich, er schien zufrieden zu lächeln … auf Zehenspitzen schlich sie zu ihm hin, um ihn nicht zu wecken … zärtlich streichelte sie den kleinen Hund … mit dem Finger vor dem Munde gab sie diesem zu verstehen, er möge leise sein …
Da bemerkte sie, dass der Onkel gar nicht atmete, dass das treue Hundetier sein geliebtes, entschlafenes Herrchen nur schützend bewacht hatte, dass das Telefon geöffnet mit entnommenen Akkus auf dem Tische lag, dass überall im Raume Näpfchen mit Trockenfutter und nebenan eine riesige Schüssel mit Wasser aufgestellt waren, dass auf dem Sekretär die Papiertragetasche einer Apotheke stand, gefüllt mit unangetasteten Medikamenten …

Der Onkel hatte sich den Pflichtweg aller Greise verkürzt …

In Gedanken habe ich oft sein Bild vor mir. Da steht er mir dann gegenüber, ein gepflegter, mittelgroßer, stets adrett gekleideter, alter Herr mit offenem Blicke, freundlichen, vertrauenserweckenden Augen, aus denen stets ein Fünkchen Humor zu blitzen scheint … und könnte er diesen Text noch lesen, dann würde er ihn mit seinem für ihn so typischen hintergründigen Schmunzeln kommentieren: „Siehst du, es ist eben gut, wenn man einen Arzt hat, auf dessen Aussagen man sich hundertprozentig verlassen kann!“

Wie alle meine Texte beruht auch dieser, welcher nach längeren Vorarbeiten am 1.11.2020 fertiggestellt wurde, auf einer wahren Begebenheit.

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Kommentare

15. Dez 2020

Dein Kommentar verrät Verständnis und Einfühlungsvermögen - danke dafür!
Liebe adventliche Grüße vom Alfred!

01. Nov 2020

Man spürt, dass diese fein formulierte mich berührende Geschichte auf einer Begebenheit aus Deinem nächsten Umfeld stammt. Jetzt ist der liebenswerte Querdenker auf die zu ihm passende Weise den Weg aller Wege gegangen. Doch Dir wird der besondere Onkel ganz sicher lebenslang in Erinnerung bleiben, lieber Alfred. Sei herzlich gegrüßt!

Marie

15. Dez 2020

Dein Kommentar freut und ehrt mich zugleich - dabei hatte ich lange gezaudert, ob ich diese Geschichte überhaupt veröffentlichen sollte.
Herzlichen Dank und adventliche Grüße vom Alfred!

01. Nov 2020

Der von dir beschriebene Herr gehört bestimmt zu einer aussterbenden Menschenart. Ein Mensch, der offen
für die Welt ist und seine Erfahrungen und Lebenseinsichten mit anderen Menschen teilt. Solche Menschen
schaffen und bilden humane Werte. Werte, die unsere Welt ein wenig BESSER machen, aber in
unserer Fakenewswelt ungefragt bleiben. Warum: Er tradiert Kultur. Und Kultur ist in unseren Tagen eine
eher zu behandelnde Randerscheinung. So what ! Deine Geschichte ist sehr berührend. Danke.
HG Olaf

15. Dez 2020

Deinen ausführlichen Bemerkungen kann ich nur zustimmen. Danke für die Mühe, welche Du dir gemacht hast!
Es grüßt Dich herzlichst mit den besten (vor-) weihnachtlichen Wünschen
der Alfred!

02. Nov 2020

Lieber Alfred,

mit steigender Spannung, das Ende ahnend, habe ich deine Geschichte gelesen die du diesem hochintelligenten, humorvollen Mann gewidmet hast.

Die Selbstbestimmung bis zuletzt und dies mit erhobenem Haupt, nun das würden wir uns wohl alle wünschen, das Rückgrat dazu, den Mut haben wohl nur die Wenigsten....

Sehr berührend geschrieben - chapeau!

LG Uschi

15. Dez 2020

Danke für Deinen Kommentar und vor allem den "chapeau". Als ewiger Hinterfrager stellte sich mir die Möglichkeit dar, ob Du mit dem "Hut" womöglich meinen könntest, ich sollte allmählich "meinen Hut nehmen", weil ich oft so ernste Texte schreibe, aber es war natürlich die andere Interpretation gemeint, im Sinne von "Hut ab!", und so eingebildet, wie ich bin, rede ich mir ein, dass der "chapeau" ja nur anerkennend gemeint sein kann :-)!!
Liebe vorweihnachtliche Grüße vom Alfred!

15. Dez 2020

Natürlich war es nur im positivsten Sinne gemeint von mir lieber Alfred!

Noch eine einigermaßen beschauliche Adventszeit und bleib uns erhalten und gesund!
Liebe Grüße
Uschi

15. Dez 2020

Gerne lese ich, dass Dich der Text "angesprochen" hat, obwohl die Geschichte ja nicht sehr aufbauend ist.
Danke für Deine Stellungnahme!
Liebe Grüße und beste Wünsche vom Alfred!