Der Stift

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Der Stift ist heute bei mir ein Bleistift.
Er ist weich, sanft, fast zärtlich und wohlwollend. Es könnte auch ein anderer Stift sein, aber es ist ein Grafitstift, andersartig als der Stift mit einer Kugel,
das hört sich brachial und gewaltsam an, so unabdingbar, so endgültig, so absolut rund und perfekt.
So ist das geschriebene Wort, der Gedanke aber nicht. Dabei gehen der Charakter der Handschrift und alle Wesenszüge verloren, so wie bei einer Maschinekorrektur im Internet,
z.B. bei Duden oder anderen Korrekturportalen.
Hier wird statistisch dynamisch, konsequent durchforstet und ausgemerzt - kein Fehlstrich, nicht eine Nuance einer Ausschweifung bleibt - keine einzige menschliche Regung
wird erhalten sein nach der maschinellen Algorithmendurchforstung.
Es wird kalt in der Sprache, Gefühle behalten keine Schnörkel, nur noch einzig die Darstellung - als Platzhalter eines gefühlten, ehemals vorhandenen Zustandes.
Die Korrektur wird das Markenzeichen der Dekadenz, das Postulat des Niedergangs.
Kein Gewächs, das zur Seite weicht, wird mehr erlaubt sein. Die Erfüllung liegt einzig und alleine in der unerbittlich knallharten Gegenwartsrealität, Ende.
Es entsteht eine tote Existenz von Untoten in Gegenwart und Zukunft. Ja, sogar die Vergangenheit wird nicht nur in ihrer Aussage, sondern in der Darstellung und Wirkung revidiert und angepasst, beschnitten, getrimmt und verändert - wir berauben uns damit aller Sinnzusammenhänge, Verläufen und Herkünfte.
Ergebnis: Literatur wird umgeschrieben, ja verfälscht und gedreht, gequetscht und harmonisiert, dass es seine ursprüngliche, essenzielle Kraft verloren hat und verlieren wird.
Es wird an den Seiten, den Rändern, den Inhalten und Initialen - in vermeintlich guter Absicht - verbessert, verändert, angepasst und neusprachlich gestaltet, dass kein späterer Leser mehr erkennen kann, wie die Zusammenhänge gewesen sind. Uns Zeitzeugen gelingt das heute noch. Eine Generation später wird es schwerer oder unmöglich sein, zu verifizieren.
Eine Doktrin der Lüge.
Was unbeabsichtigt aus gutem Glauben hier geschieht, macht leider keinen Text besser oder ehrlicher oder wahrhaftiger oder genauer.
Im Gegenteil - er wird jeglicher empfindbarer, gelebter Tatsache enthüllt sein und entbehren und hinführen zu einer Verflachung und Negation,
Vereinfachung und Eintrübnis, zu einer Empfindungslosigkeit führen, die Welt ärmer machen und den Menschen einsamer.
Die Schrift wird stiller gemacht.

Siehe Conrad Ferdinand Meyer (1892: im Verlag 'Die Arche, Herford' 1948)
Das Gedicht zur Neuen Auflage:

Mit dem Stifte les' ich Dinge,
Auf der Rasenbank im Freien sitzend,
Plötzlich zuckt mir eine Vogelschwinge
Schatten durch die Lettern, freudig blitzend.

Was da steht, ich hab' es tief empfunden
Und es bleibt ein Stück von meinem Leben-
Meine Seele flattert ungebunden
Und ergötzt sich drüberhinzuschweben.

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