Der Totengräber

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Er hatte sich immer vorgestellt, dass viel Nebel und Dämmerung am Friedhof herrschen müsse. Die Kerzen an den Gräbern würden kleine rote Laternen bilden und der Wind würde sanft über die hölzernen und eisernen Kreuze streicheln. Doch so war es nicht. Es war vielmehr ein stinknormaler Nachmittag zu Frühlingsbeginn. „Wie vieler dieser Tage es schon gegeben hat, die ganz ähnlich dem Heutigen waren?“, dachte er sich, während er an der Kapelle vorüber schritt. Das Kriegerdenkmal strahlte etwas Heroisches aus. Stahlhelme und Gewehre aus Granit lehnten an einer Wand, auf welcher in tiefschwarzer Schrift endlos Namen aneinandergereiht waren. So ging er Schritt für Schritt den Weg aus Kies zwischen den Ruhestätten ab, bis er den Namen seines Bruders lesen konnte. Lange war er abgetaucht in seine düstere Gedankenwelt, da bemerkte er einen Mann neben ihm. Er sah eine bleiche Gestalt mit einem Pullover auf dem das Symbol des Hard Rock Cafes in München aufgedruckt war. Ihn fröstelte. Der Fremde kniete am Grab des Nachbarn und hantierte mit einer rostigen Schaufel herum.

„Sag lieber Totengräber. Was gräbst du ein?“, fragte er die Gestalt.

„Den Frieden grab ich ein.“, kam als Antwort.

„Sag lieber Totengräber. Was gräbst du ein?“

„Ich grabe Europa ein.
Und den Anstand den grab ich auch ein. Wenn ihr dann fertig seid mit euren Karrieren. Wenn ihr müde seid vom Emporsteigen, dann liegt ihr ganz still da und seht mit zu, wie ich euch ein schönes kühles Loch grabe. Und da leg ich euch dann rein. Extra für euch. Ohne Provision mach ich das. Nur für euch und den Herrgott. Mir reicht die Spitzhacke, meine tüchtige Schaufel und ein paar Kübel. Naja eine Schiebtruhe wär mir schon ganz recht auch. Da tu ich dann die Erde rein.“

Mit einer Unfassbarkeit im Gesicht folgte er den trockenen Lippen des Totengräbers und schien zu träumen. Da fuhr dieser fort:

„Auch die Frauen grab ich ein. Doch das Silikon verrottet so schlecht. Das macht dann immer einen so üblen Geruch. Da ekelt mir dann.
Noch etwas Jüngling. Wenn es dein Gewissen beruhigt. Auch die Hungerleidenden und die Braven. Die Teiler und die Geber. Die Kümmerer und die Heiler. Die Finder und die Bessermacher. Auch die grab ich ein.
Einmal da wird der Tag kommen, da ist ein jüngerer Totengräber als ich es bin. Den werde ich oft besuchen und ihm sagen, wo er es graben soll. Mein Loch. Ich sehe mich schon sitzen im Schatten. Mit einem kühlen Bier in der Hand. Dann wird er ordentlich schwitzen in der Mittagssonne und Schweiß wird fließen. Und ärgern werde ich ihn, mit meinen Ratschlägen. Denn es muss ein gutes Loch Erde sein, weil da leg ich mich dann selbst hinein.
Das ist dann die größte Belohnung die man mir geben kann auf dieser Welt. Oh ich freu mich schon.“

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