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Die beiden Tauben

Bild von Anita Zöhrer
Bibliothek

Eine große Weide war einst die Heimat zweier Tauben gewesen, bis eines Tages eine gewaltige Maschine kam und diese einfach fällte. Ein gesunder, alter Baum musste einer neuen Straße weichen und mit ihm starb auch der Nachwuchs der beiden Tauben. Den Forstarbeitern tat ihr Missgeschick zwar leid, doch konnten sie es ohnehin nicht mehr ändern.
In der Trauer um ihren Nachwuchs ergriffen die Tauben die Flucht und mussten sich nun nach einem neuen Zuhause umsehen. Kaum jemand von den unzähligen Leuten in der Stadt beachtete sie. Niemand konnte ahnen, welch grausames Schicksal sie gerade ereilt hatte.

Nach einem langen Flug quer durch die Stadt legten die beiden Tauben zwischen Blättern verborgen auf einem Baum in einem kleinen Park eine Rast ein. Obwohl es hier laut war, all der Lärm der Straße und der Passanten drang zu ihnen, beschlossen sie, zu bleiben. Wohin hätten sie auch sonst sollen? Davon abgesehen, dass sie auf den Gebäuden der Menschen nicht erwünscht waren, fühlten sie sich dort nicht wohl. Schließlich war die Natur ihre Heimat und nicht ein kalter, seelenloser Betonklotz.
Dem Baum war das Taubenpärchen willkommen. Sehr freute er sich darüber, zwei Tieren ein Obdach geben zu dürfen, doch hielt das Glück seiner neuen Bewohner nicht lange an, als zwei Jugendliche mit Steinen auf ihr frisch erbautes Nest warfen und es zerstörten. Keinen Respekt erwiesen sie dem Taubenpärchen, fanden es im Gegenteil ausgesprochen unterhaltsam, ihm Angst einzujagen. Weiter warfen sie Steine in den Baum, wollten nun auch die Tauben treffen, doch gelang diesen neuerlich die Flucht, ehe auch sie zu Schaden gekommen wären. Der Baum war zutiefst traurig über diesen Vorfall und ebenso war es das Taubenpärchen. Nun waren sie wieder heimatlos und fühlten sich unerwünschter denn je zuvor.
All die Wälder in der Gegend hatten die Menschen zugunsten einer Vergrößerung der Stadt gerodet. Die wenigen Bäume, die geblieben waren, waren zumeist schon von anderen Tieren bewohnt. Darum erschien es den beiden Tauben am sinnvollsten, in der Ferne eine Heimat zu suchen. Sie flogen und flogen und flogen, bis es schließlich Abend wurde und sie sich im Garten eines jungen Mannes niederließen, um dort zu übernachten. Trotz der vielen Kilometer, die sie zurückgelegt hatten, waren sie noch immer in der Stadt, so sehr war diese mittlerweile bereits angewachsen. Wie sie jemals eine neue Heimat finden sollten, war dem Taubenpärchen ein Rätsel.

Noch bevor sie am nächsten Morgen erwachten, wurden die beiden Tauben von dem jungen Mann entdeckt, dem der Garten gehörte. Berührt vom Anblick ihrer trauten Zweisamkeit beobachtete er sie eine Weile durch sein Fenster, ehe er ihnen dann aus sicherer Entfernung, um sie nicht zu verschrecken, Futter in die Wiese streute. Die Tauben hatten Hunger, trotzdem zögerten sie, sich etwas zu holen. Ihre Erfahrung mit den Menschen hatte sie Vorsicht gelehrt, doch von dem Mann hatten sie nichts zu befürchten. Er liebte Tiere und ihr Wohl lag ihm sehr am Herzen. Er wusste daher auch um ihre Nöte Bescheid. Er imitierte ihr Gurren und gewann damit schließlich das Vertrauen der beiden Tauben für sich und während sie fraßen, holte er seinen Taubenschlag aus der Garage und stellte ihn im Garten auf. Nur zu gerne wollte er seinen beiden neuen tierischen Freunden ein Zuhause geben und dankbar und freudig nahm das Taubenpärchen das Geschenk auch an. Nirgendwo sonst in der Stadt hätten sie einen besseren Platz finden können als bei dem jungen Mann, ihrem neuen und einzigen zweibeinigen Freund. Nirgendwo sonst wären sie so gut aufgehoben und liebevoll umsorgt gewesen wie bei ihm.

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