Freundschaftspreis

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Der 23.9.2014. Ich erinnere mich gut an diesen Tag. Ich bin zur Arbeit gegangen, meinen Vorschlag bezüglich eines neuen Programms in der Tasche; über mehrere Wochen hinweg hatte ich ihn ausgearbeitet und war mir sicher, damit schnell aufsteigen zu können. Doch an diesem Tag war mir Alexander zuvorgekommen. Er hatte meine Idee geklaut, sie als seine eigene ausgegeben und kam so an meiner statt nach oben. Ich weiß nicht wie er an meine Unterlagen gekommen ist; ich glaube, er hat meinen Schreibtisch während der Überstunden durchsucht.
Mein Vorschlag würde vieles in der Firma vereinfachen und verbessern. Ich war mir meiner Sache so sicher gewesen, dass ich mir sogar einen neuen Wagen kaufen wollte und mir schon ausgesucht hatte. Ein Neuwagen. Ich hätte mich kurz verschulden müssen, aber mit dem Aufstieg wäre das gar kein Problem gewesen. Aber Alexander kam mir zuvor. Ich hasste diesen Typen. Vor allem, weil ich genau wusste, dass ich da nichts tun konnte. Ich würde nur als Kollegenschwein dastehen.
Er mag die fertige Präsentation und ich vielleicht nur dieselbe Idee gehabt haben, aber im Innern, da wusste ich, dass er meine Idee geklaut hatte.
Den Wagen konnte ich mir natürlich dann nicht mehr leisten. Trotzdem brauchte ich unbedingt einen Wagen, da mein alter nicht mehr durch den TÜV kam. So ging ich zu dem Autohändler in der Stadt, suchte einen guten Gebrauchtwagen, zu einem akzeptablen Preis.
„Für das Geld kriegt man nicht viel – tut mir Leid“, sagte der Autohändler kopfschüttelnd. „Nein, da haben wir nichts da. Würde mich wundern, wenn man überhaupt irgendwas findet für das bisschen Geld.“
„Wirklich gar nichts?“
„Nein, gar nichts.“
Ich suchte also im Internet nach guten Anzeigen und wurde tatsächlich fündig. Ein älterer Wagen, aber in einem guten Zustand, zu einem sehr guten Preis. Am nächsten Tag fuhr ich direkt zu dem Mann, welcher die Anzeige aufgegeben hatte und klingelte zur vereinbarten Zeit. Es war eine dieser auswechselbaren Vorstadtgegenden, geplant, arrangiert, artifiziell.
Ein Mann in den besten Jahren, im Rollstuhl, kam zu der Tür und öffnete sie. Er lächelte. „Sind Sie wegen der Anzeige hier?“
Ich nickte. „Der Wagen, ist der in der Garage?“, fragte ich.
„Ja, einen Moment.“
Ich trat zur Seite, damit er aus der Türe und in Richtung Garage rollen konnte. Mit einer Fernbedienung ließ er das Garagentor nach oben fahren und dann konnte ich auch schon den Wagen sehen.
Der Wagen sah gut aus, ein älteres Modell, sicher schon zwanzig oder dreißig Jahre alt.
„Möchten Sie mal fahren?“, fragte der Mann lächelnd, meinen Blick anscheinend richtig gedeutet.
„Gerne, ich würde ihn gern ausprobieren.“ Er drückte mir die Autoschlüssel in die Hand.
„Dann fahren Sie mal, ich warte hier.“
„Bis gleich, bin in fünf Minuten wieder da.“ Ich stieg in den Wagen und startete den Motor, der mit einem wohligen Brummen ansprang.
Vorsichtig fuhr ich die Einfahrt hinunter und einmal um den Block. Es war ein guter Wagen. Eine Art Oldtimer, ein Großväterchen, das die Zeit überdauert hat. Ich kannte mich zwar überhaupt nicht damit aus, aber selbst ich sah, dass er einiges mehr wert war, als er dafür verlangte. Er fuhr sich gut und die Ledersitze fühlten sich klasse an. Er war sauber, alles war in gutem Zustand.
Nach fünf Minuten kam ich wieder und besprach alles Weitere mit dem Mann.
„Wenn Sie ihn jetzt kaufen, kriegen sie ihn 200 € billiger, ich mach ihnen einen Freundschaftspreis.“
„Kann ich Ihnen das Geld direkt geben oder möchten Sie es überwiesen haben?“
„Bar ist gut.“
Ich zog das Geld aus meiner Brieftasche und fuhr den Wagen begeistert nach Hause. Damit hatte ich wirklich ein Schnäppchen gemacht.
Am nächsten Tag auf der Arbeit fuhr ich auf den Firmenparkplatz.
„Morgen“, sagte Alexander, der gerade vorbeiging. Dass er die Dreistigkeit besaß, mich überhaupt noch anzusprechen. „Woher hast du diesen klasse Wagen? Der sieht ja großartig aus. Du verkaufst ihn doch nicht zufällig, oder?“
„Nein, den verkaufe ich nicht“, sagte ich trocken.
Es fiel mir schwer ihn nicht zu beleidigen, aber ich blieb ruhig. Der Wagen war gigantisch, irgendwie freute mich das und so ging ich mit einem guten Gefühl zur Arbeit.
So ging es noch einige Monate weiter und der Wagen leistete gute Dienste. Die Arbeit nervte mich zwar, aber ich zog es durch, es half ja nichts, auch wenn ich Alexander neidisch beobachtete. 'Ich sollte an seiner Stelle sein' – dieser und andere Gedanken passierten immer wieder meinen Kopf.

Ein paar Monate später wurde unsere Firma an eine andere Firma verkauft und wegen der Umlegung wurden viele Stellen gestrichen. Auch mein Arbeitsplatz war damit futsch. Natürlich nicht der von Alexander. Ich hatte mich eigentlich schon an die Ungerechtigkeit gewöhnt, aber dann brach es wieder in mir hervor.
Ich war wütend, das war nicht fair. Das war einfach nicht fair.
Ich entschied mich von einem Teil meiner Ersparnisse einfach mal Urlaub zu machen. Ich hatte es mir verdient, einfach ein bisschen weg, an die Nordsee, die Seele baumeln lassen.
Der Wagen hatte bisher gute Dienste geleistet, weswegen ich mich entschied mit ihm dort hin zu fahren.
Die Fahrt ging lang, sodass ich beschloss auf halber Strecke in einem rustikalen Hotel Pause zu machen und am nächsten Tag weiterzufahren. Es war ein einfaches Hotel, aber die Betten waren weich und das Frühstück reichhaltig. Die Fahrt danach fiel etwas leichter.
Ich wollte gerade auf die Autobahn abbiegen, nachdem ich mir Mittagessen in Winkelstedts geholt hatte, als ich eine junge Frau sah, die per Anhalter mitfahren wollte, den berüchtigten Daumen hoch in die Luft gestreckt.
„Wo fahren Sie hin?“
„Richtung Waidembach.“
„Kann ich mitfahren? Ich müsste im Kussmaultal raus, müsste auf der Strecke liegen.“
„Natürlich, kein Problem.“
Ich weiß ehrlich gesagt nicht genau, was ich erwartet hatte, aber insgeheim, da hatte ich mir mehr erhofft.
Dumme Gedanken. Wir unterhielten uns über dies und das und sie erzählte mir, dass sie Kerstin hieß und mittlerweile im 5ten Semester Materialsemiotik studierte, allerdings eine Prüfung immer und immer wieder vermasselte. „Ich weiß nicht, immer wieder sitze ich dann einfach da und Blackout. Alles gelernte vergessen. Naja. Wo kommst du her? Wo geht's hin?“ „Heidelberg. Zur Nordsee.“ „Einfach so? Oder gibt's einen speziellen Grund?“
Einen Moment überlegte ich was ich sagen sollte.
„Urlaub, einfach mal weg von allem, einfach mal... frei. Wo willst du hin?“
„Meine Großmutter besuchen, ich kann ...“
Bevor sie den Satz beenden konnte, brach sie ab, ich sah herüber zu ihr, sah ihre entsetzt geweiteten Augen und dann sah ich, dass ein Auto uns plötzlich seitlich reinfuhr. Ein lautes Krachen durchzuckte meinen ganzen Körper.
Entsetzen, Zeitraffer, Bewusstlosigkeit.

Ich bin erst später im Krankenhaus aufgewacht, hatte mich am Kopf verletzt und war direkt ohnmächtig geworden. Der Arzt der mit mir die Tests machte, war ein junger Mann, wahrscheinlich nicht einmal Mitte 30. „Sie können nach Hause Herr“, er blätterte in seinem Notizbuch, „Herr Lagerit. Bei Ihnen ist alles wieder in Ordnung.“
„Was ist mit Kerstin?“
„Sie hat es nicht so gut erwischt ... sie liegt im Koma und es sieht nicht besonders gut aus.“
„Aber ...“
„Sie hatten großes Glück gehabt Herr Lagerit.“
„Kann ich ... muss ich ...?“ „Nein. Die Familie ist verständigt und an Ihnen lag es ja nicht – ein Typ, der mehr Medikamente geschluckt hat, als man sollte, hat den Unfall verschuldet. Sie können nach Hause fahren. Ihr Wagen steht auch zu Hause, wir haben ihn dort hinbringen lassen.“
„Ok... Danke für alles.“
Ein Polizist sprach später noch mit mir, allerdings war schnell klar, dass ich nichts zu befürchten hatte.
Ich fuhr mit dem Zug nach Hause. Jetzt ging es mir noch viel schlechter. Ich fühlte mich schuldig, fühlte mich leer. In gewisser Weise war ich überrascht, fast schockiert meinen Wagen wiederzusehen in einem einwandfreien Zustand.
Wir war das möglich? Ich war mir unsicher, aber ich wusste, dass ich zwar sicher irgendwann wieder mit dem Auto fahren könnte, doch nicht mehr in diesem Wagen – wenn ich nur in seine Nähe ging, bekam ich schwitzige Hände und mein Herz schlug schneller.
Ich gab eine kleine Kontaktanzeige für ihn auf und wenige Tage später kam auch ein Interessent vorbei und kaufte den Wagen direkt. Später am Nachmittag klingelte es wieder. Es war der Verkäufer von dem ich den Wagen gekauft hatte.
„Haben Sie den Wagen noch? Haben Sie ihn noch?“
„Ich ... nein, ich hab ihn verkauft.“
„Ok ... danke trotzdem“, sagte er, drehte sich mit seinem Rollstuhl um und fuhr außer Sichtweite. Was sollte das denn?
Es verwirrte mich. Er hatte so etwas in den Augen gehabt, so einen seltsamen Ausdruck, wie ich ihn vorher noch nie gesehen hatte.
Irgendwie ließ mich das nicht los und ich suchte nach der Geschichte des Wagens, über verschiedene Anhaltspunkte, ich hatte sie noch aufgeschrieben und dann erstarrte ich. Der Wagen war nicht nur einmal in einen Unfall verwickelt worden, sondern einige Male, oft schwere Unfälle, manchmal sogar tödlich. Mit diesem Wagen standen über 15 Unfälle im Zusammenhang; immer dann, wenn der Wagen zu lange fuhr, auf Autobahnen, auf dem Weg in den Urlaub oder sonstiges. Mir wurde klar, dass ich den Wagen zurückholen musste.
Ich rief bei dem Käufer an und versprach ihm 500 Euro oben drauf, wenn er mir den Wagen heute zurückgeben wurde. Er akzeptierte und nur wenig später stand das Auto wieder in meiner Einfahrt.
Ich war erleichtert und wartete erst einmal ab. Ich wusste nicht was ich mit dem Wagen tun sollte, aber ich war der festen Überzeugung, dass er in irgendeiner Weise verflucht war oder so etwas in der Art.
Und dann kam mir ein Gedanke. Ich tippte eine Nummer in mein Telefon.
„Alexander. Weißt du noch mein neuer Wagen?“
„Klar. Was ist damit?“
„Du fandest den ja ganz gut, wenn du willst, verkauf ich ihn dir zu einem Freundschaftspreis.“
„Tatsächlich? Ich wollte gerade in den Urlaub fahren. Das passt perfekt.“
„Was du nicht sagst.“

Video:

Hörbuchversion von Freundschaftspreis

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