Das Kloster

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Leander drückte die Tür zu dem verwitterten Bahnhofsgebäude von Niederbach auf. Als er dort stand, im Halbdunkel, sah er, dass es draußen zu regnen begonnen hatte. Er drehte sich um, verwirrt, aber auch hinter ihm regnete es.
Als hätte das Betreten, das Durchschreiten der Tür, den Regen verursacht. Der Bahnhof war verlassen – nur noch leere Räume hinter Glas zeugten von früheren Verkaufsstellen.
Die Gedanken formten flüchtige Ideen, wie es einst ausgesehen haben könnte. Vielleicht stand dort einmal ein Imbiss und dort drüben ein Tabakladen. Er blickte noch einmal nach draußen. Der Regen war stärker geworden, prasselte gegen das Glas beider Türen. Den plötzlichen Wetterumschwung konnte er sich nicht erklären. Kein guter Start für die Unternehmung. Da dachte er wieder an sein Zuhause und an seine zwei Hunde, Happy und Flecki. Hoffentlich wurde sich gut um sie gekümmert.
Er schaute auf seine Uhr. 19:57 Uhr. Gegen 20:00 Uhr sollte er von einem Fahrer abgeholt werden, so hatte man es ihm versichert.
Gelangweilt stellte er seinen Rollkoffer auf und fummelte an seiner Hemdtasche herum. Mit ungelenken Fingern zog er eine Zigarette heraus und zündete sie an.
„Kann ich auch eine haben?“, erschallte eine Stimme aus dem Dunkeln und Leander erschreckte sich so sehr, dass er die Zigarette fallen ließ. Für einen Moment blickte er sich verwirrt um, bis er einen Mann sah, der sich aus der Dunkelheit löste. Ein Obdachloser, ungepflegt, mit fleckigen Klamotten.
„Wollt Sie nich' erschrecken“, sagte dieser und hob beschwichtigend die Hände.
Leander bückte sich, hob die glimmende Kippe auf und rauchte weiter. Wortlos zog er eine weitere Zigarette aus seiner Hemdtasche und drückte sie dem Obdachlosen in die Hand. „Danke. Kann ich noch Feuer haben?“ „Rauchen kannst du aber selbst?“, sagte Leander, wie aus Reflex. Spruch aus seiner Kindheit. Der Obdachlose lachte, während Leander ihm das Feuerzeug gab. „Merlin heiß ich“, sagte er und gab Leander das Feuerzeug zurück. „Was machen Sie hier?“ „Arbeit“, sagte Leander knapp.
Er war Schätzer und sollte hier in Niederbach für ein Unternehmen ein Kloster schätzen. Über das Kloster wusste er nicht viel, lediglich, dass es seit mehreren Jahren verlassen war und gewisse Verträge ausliefen, sodass es bald in den Privatbesitz und auch Privatverkauf übergehen würde.
„Arbeit?“, fragte Merlin. „Was gibt es hier für Arbeit für einen von außerhalb? Sind Sie so ein Unternehmensberater?“ „Schätzer.“ Der Obdachlose nickte.
„Scheinen ein guter Mann zu sein. Die Leute hier sind auch nett, zumindest soweit ich das bisher mitbekommen hab.“ Eine Pause entstand und er fügte – wie als wollte er seinen Satz noch einmal konkretisieren – hinzu: „Bin selber noch nicht lang hier.“ Leander nickte. Gerade als eine peinliche Stille entstand, öffnete sich die Tür plötzlich und ein untersetzter Mann kam herein, dürr, mit nervösen Schweineaugen. Er wirkte irgendwie grotesk. „Leander Tremens?“, fragte er, noch halb in der Tür. Leander warf die Zigarette weg und ging auf ihn zu, folgte ihm nach draußen, nachdem er sich mit einem Wort von Merlin verabschiedet hatte.
„Pisst wie die Hölle“, sagte der Fahrer, während sie auf einen Kleinwagen zuschritten, der nicht wirklich zu dem Mann passte. Zusammen verstauten sie den Koffer auf der Rückbank und setzten sich dann ins Auto.
„Scheiß Wetter“, sagte der Fahrer noch einmal und hielt Leander dann seine Hand hin. „Mein Name ist Kevin. Kevin Dano. Aber Sie können mich Herr Dano nennen.“ Nachdem er das gesagt hatte, lachte er schrill, als hätte er den Witz des Jahrtausends gemacht. Leander reichte ihm stirnrunzelnd die Hand. „Ihren Namen kenn' ich ja“, sagte er, startete den Motor und fuhr los. „Große Sache – Kloster und so. Ich mein, sonst wär ich ja nicht ihr Fahrer.“ Er lachte erneut. „Entschuldigen Sie die kleine Verspätung, war noch nie hier, komm von ein paar Dörfern weiter weg her, beim Kussmaultal, sicher kaum 'ne Stunde von hier entfernt, aber hier gibt’s ja kaum was Interessantes, also warum herfahren?“ Der Mann redete wie ein Wasserfall und schien gar keine wirklichen Antworten zu wollen, ab und zu schaute er herüber – nur eine Bestätigung, dass er noch zu jemand Anderem und nicht nur zu sich selbst sprach. „Das Kloster kenn' ich aber – kann man selbst bei uns noch sehen, manchmal, wenn es ein strahlender Tag ist“, sagte er und zeigte in die Richtung. Leander beugte sich etwas vor, um seinem Finger zu folgen.
Er konnte das Klostergebäude selbst im Regen noch recht gut ausmachen – ein großes Gebäude, anscheinend mit einer Art Anbau.
Nach einiger Zeit kamen sie auf einem kleinen Parkplatz an und stiegen aus. Der Regen tobte noch immer und es schien sich zu einem heftigen Sturm zu entwickeln.
„Bis morgen dann“, sagte Herr Dano.
„Bis morgen“, sagte Leander, wollte sich abwenden, doch dann sah er, dass der Fahrer immer noch da stand und ihn mit seltsamen Blick ansah. „Ist etwas?“ „In der Regel geben die Leute Trinkgeld.“ Kopfschüttelnd zog er einen Fünfer aus seiner Tasche und drückte ihn dem Fahrer in die Hand. „Schlafen Sie gut“, sagte Herr Dano, stieg zurück in das Auto und fuhr weg. Leander zog seinen Koffer zu dem Hotel. Für einen Moment glaubte er etwas im Augenwinkel zu bemerken.
Er sah noch einmal kurz zum Kloster und einen Augenblick lang, schien es zu blitzen oder zu glänzen. Wenn auch nur minimal.
Er schaute kurz zur Gaststätte, dann wieder zu dem alten Gebäude, aber das Blitzen war verschwunden. Kopfschüttelnd ging er schnellen Schrittes auf den Hoteleingang zu. Die kurze Verwirrung hatte vor allem eines verursacht – das Rumstehen hatte seine Klamotten komplett durchnässt.
Er öffnete die Tür zu dem kleinen Gasthaus und ihm schlug eine dichte Wärme entgegen. Aus den hinteren Bereichen konnte er Gespräche und Geräusche hören. Vor ihm, an der Rezeption, war allerdings niemand zu entdecken.
Es war im Großen und Ganzen sehr rustikal gehalten. Landschaftsbilder an den Wänden, einfache Teppiche auf dem Boden – ein rechtskonservativ-heimeliges Ambiente.
Er drückte die Tischglocke und wartete einen Moment ab. Nichts. Immer noch gedämpfte Stimmen von weiter weg, aber nichts, was sich auf ihn zu bewegte.
„Hallo?“, fragte er halblaut.
Er zog seine Augenbrauen zusammen, nicht verärgert, aber doch ein wenig genervt. Den Koffer stellte er wieder auf und ging an der Rezeption vorbei, zu dem

Danke an Zoe Achilles, die die Abtteile geschrieben hat.

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