Das Kloster - Page 6

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– auch wenn die Schuld dafür wohl den Leuten gegeben werden kann. Bezüglich dieser ist mir ein absonderliches Muster aufgefallen. Viele von ihnen tragen ein unförmiges, quaderähnliches Muttermal an ihrer linken Hand. Ich zog bereits die Möglichkeit inzestuöser Verhältnisse in Betracht, wodurch sich auch ihre eigensinnige Art und unmögliches Verhalten erklären könnten. Trotz den zahlreichen Rückschlägen hoffe ich auch weiterhin, dass weitere Hindernisse vermieden werden können.“

Als Leander von den Muttermalen las, fiel ihm ein, dass er das Muttermal bei dem ein oder anderen gesehen hatte.
Leander las sich immer tiefer in die Texte und die Zunahme der Feindlichkeit gegenüber des Abts zeichnete sich deutlich ab. Dieser war anscheinend von weit her hierher versetzt worden. Diese Feindlichkeit schien allerdings schon länger bestanden zu haben, da zusätzlich auch noch einige Mönche das Kloster verlassen hatten, als der Abt eingesetzt wurde. Ein paar mehr, als die Pläne des Nebenbaus genauer wurden.

Am 26. Juli 1991 schrieb der Abt:

„Bedauerlicherweise hat gestern auch Bruder Benedikt das Kloster verlassen. Unsere Hallen werden immer verlassener und schon wieder mussten neue Arbeiter angeworben werden.“

Leander wollte weiterlesen, doch ein Geräusch unterbrach seine Lektüre. Irgendwo wurde eine Tür zugeknallt. Es war mittlerweile spät geworden und als er genauer hinhörte, konnte er deutlich menschliche Stimmen draußen hören. Stimmen, die er zum Teil aus der Stadt kannte. Er schlich wieder heraus, kletterte aus dem Fenster und sah blitzende Lichter im Inneren des Nebengebäudes, hörte monotone Wortfolgen in einer Sprache, die er nicht kannte, die ihn im Innersten entsetzte.
Eine rhythmische Abfolge von prähumanen Sprachfetzen, die sich tief in seinen Kopf gruben.
Was war das? Irgendeine seltsam-kranke Zeremonie?
Er wollte nachsehen, doch ihn durchzog eine tiefe Angst, sodass er im Dunkeln nach unten ging, und einfach nur zurück zum Hotel wollte.
Weg von den monotonen Wortfolgen, weg von dem ganzen Geschehen. Er rannte etwas abseits der Straße nach unten – niemand sollte ihn sehen. Am voll besetzten Parkplatz vorbei, weiter nach unten.
Dann sah er Autoscheinwerfer, anscheinend auch auf dem Weg zum Parkplatz. Er presste sich hinter einen der Bäume – tatsächlich beschlich ihn die Angst, dass er überfahren werden würde, wenn man ihn bemerken würde – alles um ihn herum wirkte feindlich. Einfach nur zurück zum Hotelzimmer, war sein einziger Gedanke. Es dauerte einige Zeit bis er endlich unten ankam und sich durch die Straßen stahl. Er fühlte sich fremd, unerwünscht. Wie ein Eindringling.
Als er endlich im Hotel war, atemlos, weil er die meiste Zeit gerannt war und sich immer nur kurz versteckt hatte, ging er nach oben in sein Zimmer. Er wusch sich – wollte den ganzen Dreck von sich waschen, rein werden.
Er wollte den Fernseher ein paar Minuten lang einschalten, einfach nur um das Gefühl zu haben irgendeine minimale soziale Komponente zu haben, irgendetwas das ihm eine andere – normale – Welt zeigte. Doch auf der Mattscheibe zuckte das Bild nur hin und her. Immer wieder sah er zum Kloster und konnte kurz Lichter im Kloster sehen, auch über dem Kloster schien es mehr als einmal kurz zu flackern.
Er schaltete den Fernseher aus, aber fand nur wenige Stunden Schlaf. Schon bevor die Sonne aufging, wurde er wieder wach. Das Leuchten beim Kloster hatte aufgehört, der Fernseher hatte allerdings immer noch seine Probleme.
Er fuhr mit dem Lesen in dem Buch des Abts fort. Die Feindlichkeit gegen ihn schien sich weiter zu verstärken und der Abt konnte es nicht nachvollziehen.
Ein paar Seiten später gab es einen seltsamen Eintrag vom 3. August 1991:

„Heute stattete mir die Bürgermeisterin einen im höchsten Masse beängstigenden Besuch ab. Sie suchte mich auf um von einer Blutschande zu sprechen und um mir zu erklären, dass ich mein Vorhaben aufgeben müsse, da es sonst Probleme bedeuten würde. Seit diesem Besuch kann ich das Gefühl nicht mehr abschütteln, dass ich mich mitten hinein in ein Nest voller Gefahren begeben habe. Ich fühle mich zwischen den Wänden unseres kleinen Klosters bedroht. Auch die Umgebung weicht immer mehr von der Norm ab. Ständig leuchtet draußen ein seltsames Licht auf, aber es ist mir unmöglich, dieses genauer zu beschreiben.“

Ein weiterer Eintrag vom 4. August 1991 folgte:

„Es schmerzt mich, die Leere dieses Gotteshauses mitansehen zu müssen. Mittlerweile haben fast alle Mönche mich verlassen und auch von den Arbeitern sind nur wenige geblieben.“

Am 5. August 1991:

„Soeben hat mir auch noch der letzte Arbeiter verkündet, dass er kündigt. Der neue Trakt kann so nicht fertiggestellt werden.“

Ein Klopfen ertönte. „Herr Tremens?“ Langsam sah Leander auf, legte das Buch zur Seite, stand auf, lief zum Eingang und öffnete die Tür halb. Vor ihm stand der Besitzer und lächelte. „Wollen Sie nicht frühstücken?“ Der Besitzer machte ihm irgendwie Angst. Ein seltsames Glitzern lag in seinen Augen. Auch fiel Leander das Muttermal an der Hand des Besitzers auf. „Nein, nein danke.“ Eine kurze Pause entstand. „Herr Tremens, ich muss Sie bitten heute abzureisen.“ „Aber, ich bin noch nicht fertig.“ „Bitte. Sie reisen heute ab. Ist das in Ordnung?“ Leander schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht.“ Der Besitzer griff zu seiner Brieftasche und holte einige große Scheine heraus. „Ich will Sie natürlich abfinden. Das sind 400, 450, fünfhundert Euro. Wegen Ihrer Unkosten.“
„Ich kann nicht, verstehen Sie?“ Mit einer Kraft, die Leander nicht vermutet hatte, packte der Besitzer ihn am Arm und zog ihn zu sich. „Gehen Sie. Gehen Sie auf der Stelle. Die Anderen haben sich auch nicht so angestellt.“ Leander zitterte. „Verschwinden Sie jetzt“, zischte er und Leander wurde klar, dass er wirklich gehen musste. „Nehmen Sie Ihre scheiß Sachen und verschwinden Sie!“
Leander tat, was ihm gesagt wurde. Er konnte nur flüchtig ein paar Dinge in dem Zimmer in seinen Koffer packen und ging dann aus dem Gasthaus. Draußen standen mehrere Leute, Freddy, die Bürgermeisterin, die Bibliothekarin, der Busfahrer und auch andere bekannte Gesichter konnte er entdecken.
Zwei Polizisten standen ebenfalls dort. Ihm blieb keine andere Möglichkeit. Einer der beiden Polizisten trat vor. „Nehmen Sie am besten den Bus.“ Er zeigte in eine Richtung und Leander sah, dass dort der übliche Bus stand. Der Busfahrer schritt schon darauf zu und stieg ein. Leander hatte keine Wahl. Kopfschüttelnd ging er einfach mit hinein. „Nächster Halt Bahnhof“, verkündete

Danke an Zoe Achilles, die die Abtteile geschrieben hat.

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