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Das Kloster - Page 7

Bild von Weltenbruch
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der Busfahrer und sah ihn irgendwie mitleidig an. Leander bemerkte, dass auch der Busfahrer das Muttermal hatte.
Stumm starrten ihnen die Leute hinterher, als sie den Ort in Richtung des Bahnhofs verließen. Er fühlte noch immer wie die Blicke sich in seinen Rücken bohrten, selbst als sie das Bahnhofsgebäude erreicht hatten. Man hatte ihn vertrieben. „Der Zug kommt sicher bald“, sagte der Fahrer lächelnd und sah ihm noch hinterher. Leander wartete bis der Bus verschwunden war. Dann war er allein. Niemand war ihm gefolgt – zum Glück, dachte er und trat in das kalte Bahnhofsgebäude. Wieder die leeren Räume. Er ging direkt durch die Unterführung, auf sein Gleis. Nur ein einzelner Mann saß dort auf einer Bank und las ein Buch. Leander blickte kurz auf den Fahrplan und dann zur Bahnhofsuhr, die nur noch einen Zeiger hatte. Als wäre selbst die Zeit dem Ort fremd geworden. „Entschuldigen Sie“, sagte Leander zu dem anderen Mann. „Ja?“ „Wie viel Uhr ist es gerade?“ Er schaute kurz auf, schaute dann auf seine Armbanduhr. „16:12 Uhr.“ Laut Fahrplan müsste der Zug um 16:22 Uhr kommen.
Der Zug kam eine Viertelstunde später. Als er eingestiegen war, bemerkte Leander verwirrt, dass der andere Mann einfach aufgestanden und weggegangen war. Und ihm wurde klar: Dieser Mann war nur dazu da gewesen, um ihn zu beobachten. Irgendwie bereitete ihm die ganze Unternehmung mittlerweile eine solche Gänsehaut, dass er froh war endlich weg zu sein.
Ihm fiel ebenfalls auf, dass er den Zimmerschlüssel noch hatte – in seiner Eile hatte er ihn nicht zurückgegeben und der Besitzer hatte es anscheinend vergessen. Irgendwie freute es ihn, dass der Besitzer dadurch wohl ein paar Probleme haben würde.
Dieses verdammte Städtchen. Er hatte tatsächlich vor, nach Hause zu fahren. Zurück zu seinem Schrebergarten, zurück zu seinen Hunden Flecki und Happy. Dort wo die Welt noch in Ordnung war. Doch dann bemerkte er, als er grob seine Aufzeichnungen durchsah, dass das Buch des Abts fehlte. Es musste heruntergefallen sein – er wusste es nicht genau.
„Nächste Haltestelle Kussmaultal – Wir wünschen allen Fahrgästen, die hier aussteigen, eine gute Weiterfahrt.“ Es war der erste Bahnhof, nachdem er eingestiegen war.
Er packte seine Sachen, stieg hastig aus und rief ein Taxi zu sich heran. „Ich müsste nach Niederbach.“ „Das geht nicht, nicht nach Niederbach“, sagte der Taxifahrer. „Wieso? Warum?“, fragte Leander schon der Verzweiflung nahe. „Niemand darf da gerade rein fahren, gibt so 'n städtisches Verbot – vielleicht irgendein Dorffest oder sonst was. Keine Ahnung, kommt alle paar Jahre mal vor. Dann gibt's auch immer etwas Feuerwerk.“ „Nur zur Stadtgrenze, bitte – ich zahle das Doppelte.“ „Vergessen Sie's – wenn ich da rein fahr, krieg ich möglicherweise jahrelanges Fahrverbot für Niederbach; das kann ich nicht riskieren.“
Der Taxifahrer kurbelte die Scheibe wieder nach oben und so blieb Leander nichts anderes übrig als zu laufen. Als er am Rand der Stadt ankam, sah er Merlin unter einem Baum sitzen. „Dass man Sie auch mal wieder sieht“, sagte dieser, als Leander näher herantrat. „Warum bist du hier – warst du nicht in der Stadt?“ „Man hat mir 'nen Hunderter in die Hand gedrückt, damit ich mich ein paar Tage verpiss – von einem Polizisten, muss man sich ma vorstellen. Keine Ahnung, aber Geld ist Geld.“ Leander runzelte die Stirn.
Warum sollten so viele Leute die Stadt verlassen? Was war der Zweck? Was wollten sie damit erreichen?
„Ich muss weiter“, sagte Leander. „Wohl auch die Prämie abholen?“, sagte Merlin grinsend, während Leander schon weiterging. Als die Stadt immer näher kam, wuchs sein Unbehagen. Es war zwar einiges an Zeit vergangen, aber es war immer noch Mittag.
Er presste sich in eine Seitengasse, als der Bus vorbeifuhr. Er durfte nicht gesehen werden. Die ganze Stadt hatte sich gegen ihn gewandt, gegen alles Fremde. Auch wenn er nicht verstand, warum die Frau des Besitzers hatte gehen müssen.
Zögerlich betrachtete er das Gasthaus einige Zeit lang und stahl sich dann hinein. Weiter hinten hörte man leise Gespräche, aber er konnte ungesehen nach oben. Er wollte nur dieses Buch, die letzten Einträge. Gewissheit haben.
Die Tür war noch geöffnet und er trat ein. Das Zimmer war nicht weiter durchsucht worden – es sah aus, wie er es verlassen hatte. Am Boden fand er direkt auch das Tagebuch. Als er gerade danach griff, klappte die Tür seines Zimmers zu und er hörte ein Klicken. „Sie sind krank! Wir haben wirklich alles versucht, verdammt!“, hörte er den Besitzer durch die Tür sagen. „Hoffen wir einfach mal, dass es genügt, wenn sie hierbleiben – es ist schon viel zu spät.“ Leander hörte wie der Besitzer sich von der Tür entfernte.
Kurz darauf versuchte er die Tür mit dem Schlüssel wieder zu öffnen. Er hörte auch das Klicken, allerdings war die Tür von außen blockiert. Er drückte fest und warf sich einmal dagegen, dann nochmal und nochmal, doch bis auf eine schmerzende Schulter, brachten ihm seine Bemühungen nichts.
Er war gefangen. Man hatte ihn eingesperrt.
Eine Einsamkeit durchdrang ihn, sodass er wieder einmal den Fernseher einschaltete, aber es war nur noch eine einzige Bildstörung, nur noch Fetzen des Gesprochenen waren zu verstehen.
Das einzige was ihm blieb war das Buch des Abts, welches er weiter durchblätterte.

Am 9ten August gab es einen Eintrag:

„Ich verbrachte die letzten Tage damit, mehr über die Situation dieses Dorfes in Erfahrung zu bringen, wofür ich verschiedene Leute dazu befragte. Mir wurde mehrmals von einer Art Kult berichtet, dem die meisten Bewohner wohl verfallen sind. Dies scheint der kranke Quell meiner bisherigen Probleme zu sein. Wiederholt riet man mir auch eindringlich, dass ich das Kloster ebenso verlassen solle, wie es die Mönche taten, wieder wurde auch von der Blutschande gesprochen, welche schon die Bürgermeisterin erwähnte. Außerdem wurde eine extraterrestrische Ankunft erwähnt. Dieses Dorf ist voller kranker, abstoßender Ideen.“

Der nächste Eintrag war auf den 10ten August datiert:

„Angeblich soll es einen Stein geben, welcher auf irgendeine Weise Teil dieser ganzen Angelegenheit ist. Diese Leuten wollen mich immer weiter verdrängen, ich bin mir sicher, dass sie allesamt irre sind. Trotzdem habe ich beschlossen, diesen Ort nicht zu verlassen. Ich kann nicht zulassen, dass der neue Trakt dieses heiligen Gebäudes durch die Praktiken dieses irren Kultes verunreinigt werden könnten.“

Entsetzt las Leander die Zeilen. Der Abt schien die letzten Einträge in kurzer Zeit verfasst zu haben.

„Ich habe mich nun in meinem Zimmer eingesperrt. Ich werde nicht herausgekommen, bis sie ihre kranke Messe abhalten.“

„Teuflische Rituale, verwirrte Seelen, die vom Weg abgekommen sind. Sie werden sehen, dass ein Mann Gottes ihre Messe verhindern kann!“

Der Abt hatte sich wohl in seinem Raum eingesperrt, um später das Treiben zu stören. Weitere Einträge gab es nicht.
Und dann wurde Leander klar, dass er sich nicht hätte so behandeln lassen dürfen. Systematisch hatten ihn diese Kultisten vertreiben wollen. Diese kranken Kultisten hatten ihn brechen wollen! Die Wut wurde stärker, als sich draußen wieder das Leuchten auf das Kloster legte. Mittlerweile flackerte es ab und an. Es sah aus, als würde es an diesem Tag viel zu früh dunkel werden.
Er tat etwas, von dem er nicht gedacht hatte, dass er es jemals tun würde. Das Fenster öffnete er mit einer Hand, dann kletterte er vorsichtig auf das Vordach und sprang gut zwei Meter hinunter auf den Boden. Dieses kranke Ritual wollte er unterbrechen, diesem seltsamen Treiben ein Ende bereiten. Es war totenstill hier, sodass er sich vorsichtig wieder nach innen traute, um aus dem Küchenbereich ein Messer zu holen. Es vermittelte ihm ein gewisses Sicherheitsgefühl.
Die Stadt war mittlerweile menschenleer und als er auf den Berg etwas abseits der regulären Wege schritt, wurden die monotonen Wortfolgen lauter und er hörte ein dunkles Summen in der Luft. Die Luft war hier etwas schwerer zu atmen und ein dünner Nebel breitete sich weiter oben aus. Was war das? Mischten sie irgendeinen Stoff in die Luft?
Geduckt lief er schnell zu dem neuen Trakt aus dem das Leuchten und die prähuman anmutenden Wortfolgen kamen. Aus dem fehlenden Dach drang ein Schimmer, der alles in der Umgebung in eine seltsame Farbe tauchte. Er würde diese verdammte Zeremonie stören, er würde klar machen, dass man ihn so nicht behandeln konnte. Das Messer an seinem Gürtel gab ihm etwas Sicherheit, als er die Tür zum Nebengebäude aufstieß und hineinging.
Überall standen Leute, starr im Kreis, ihre Worte rezitierend. Große Teile des Dorfes erkannte er wieder. In der Mitte des Kreises lag ein glühender Stein in einer Mulde. Erst wurde er gar nicht bemerkt, bis der Busfahrer auf ihn zeigte und rief: „Er ist noch hier!“ Die Leute drehten sich zu ihm um, unterbrachen aber nicht ihr Sprechen. „Ich kümmer mich darum.“ In den Augen des Besitzers lag unbändige Wut, als er Leander sah und auf ihn zutrat. Leander wollte schon das Messer packen, aber der Besitzer presste blitzschnell Leanders Arme an die Wand und machte ihn handlungsunfähig. „HABEN WIR ES NICHT IM GUTEN VERSUCHT?!“, schrie er ihn an. „Dieser kranke Kult muss hier ein Ende finden! Hören Sie mit diesem Ritual auf!“
„Wie der Abt.“ Der Besitzer schüttelte den Kopf.
Das Summen wurde lauter und der Besitzer fing an zu schreien, damit Leander ihn überhaupt noch verstehen konnte. Das Summen wurde lauter und lauter. „WIR HABEN ALLES GETAN, ALLES VERSUCHT!“ Mit Wut warf er ihn auf den Boden. „Es ist zu spät. Zu spät.“ Das Summen erlangte eine unglaubliche Intensität und auch das Leuchten wurde stärker. „Euer kranker Kult! Das alles muss ein Ende finden!“, schrie Leander und der Besitzer lachte ein verzweifeltes Lachen. Hinter ihm konnte Leander sehen, wie sich das Leuchten nun auf einen Punkt konzentrierte. Plötzlich war es ganz still.
„Weißt du warum wir dich verjagen wollten? Nicht weil wir ein Kult oder eine Sekte oder so etwas sind. Diese Ankunft ist real.“ „Warum? Was passiert hier?“ „Ich weiß es nicht, verdammt! Dieser Meteorit hat den ganzen Ort verseucht, das Blut der Leute, unsere Körper.“ Er zeigte Leander das Mal. „Alle paar Jahre kommen sie wieder. Alle paar Jahre gibt es eine neue Ankunft. Es beginnt mit einer winzigen Störung im Fernseher, ein paar weiteren Störungen und dann wird klar, dass es bald wieder so ist.“ Er ging näher zu ihm heran. „Wir wollten dir nicht schaden – wir wollten dich retten... doch nun ist alles zu spät.“
Er stand wieder auf und Leander sah sich einer sich formenden Gestalt gegenüber, die über dem Stein zu schweben schien und entfernt einem Fötus ähnelte.
Leanders Gesichtsausdruck wurde immer entsetzter, als sich die Verwandlung des ersten Wesens dem Ende zuneigte und sich weitere Kreaturen herausbildeten. Die konkrete Form der Wesen wurde immer klarer; fremdartig, nicht von dieser Welt.
Sein Blut, welches definitiv nicht zu dem Ort gehörte, hörte auf in seinem Körper zu zirkulieren und er spürte einen tiefen, brennenden Schmerz in seiner Brust.

Leanders Augen weiteten sich noch ein einziges Mal, als eines der Wesen ihn direkt ansah und er spürte, wie seine Haut und sein Fleisch in seinen letzten Momenten in Zeitraffer zerfielen.

Danke an Zoe Achilles, die die Abtteile geschrieben hat.

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