Nach dem Abspann

Bild von Kerim Mallée
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Du bist am 27. Juni gestorben. Um 15.17 Uhr, hast du deinen letzten Atemzug getan.

„Erzähl mir eine Geschichte.“ hattest du gesagt.

Manchmal kommt mir alles wie ein Traum vor. Das ganze Leben scheint eine fast perfekte Lüge zu sein, deren ganzes Konstrukt nur durch ein paar kleine Schönheitsfehler ins Wanken gerät. Als mein Vater bei einem Autounfall starb und meine Mutter mir unter Tränen erzählte, was der Mann am anderen Ende der Telefonleitung gesagt hatte, hätte sie mir genau so gut erzählen können, dass Aliens in unserem Garten gelandet wären. Konnte mein Vater tot sein? Konnte das wirklich wahr sein? Als meine Freundin mir das „Ja“-Wort gab, rechnete ich jeden Moment damit, aufzuwachen. Ich dachte immer wieder „Oh, mein Gott! Verdammte Scheiße, sie hat es wirklich getan!“

„Das Leben ist kein Film.“ hat sie gesagt, als wir das erste Mal zusammen im Kino waren und ich mich aus meinem Sessel erheben wollte. „Egal wie lange du lebst, um den Abspann kommst du nicht herum. Das Leben ist kein Film, aber du solltest einen Film wie dein Leben betrachten.“ Also setzte ich mich wieder hin und wartete ab. Fortan blieb ich jedes Mal sitzen. Das war die beste Stelle am Film. Wenn alle anderen langsam aufstanden und wir irgendwann, fast das ganze Kino für uns hatten. Manchmal kam noch eine Szene, die wie eine Belohnung dafür war, dass man allen Mitwirkenden seinen Respekt gezeigt hatte. Wenn das Licht anging, sagte sie jedes Mal: „Jetzt ist der Film fertig.“ Das Offensichtliche auszusprechen ist manchmal einfach nötig. Es ist wie ein letzter Beweis, dass das was passiert, wirklich ist. Man tut es in diesen Augenblicken, die einem so realistisch wie eine Alien-Invasion scheinen, aber auch in kleinen, unwirklichen Momenten, die wie die leicht übersehbaren Brandlöcher im Film sind, die den Projektorwechsel ankündigen. Diese Momente, wenn man seinen Schirm aufspannt und sagt: „Oh, es regnet.“ Wenn man nach Hause kommt und unbedingt sagen muss, dass es nach Essen riecht. Es erfüllt den selben Zweck wie das Kneifen, mit dem man sicher geht, dass man wach ist.

Sie tat so etwas oft. An eine Szene erinnere ich mich ganz deutlich. Als sie es Leid war, ihren Haaren beim Ausfallen zuzusehen, ging sie ins Badezimmer und rasierte sich den Kopf. Als sie wieder in unser Schlafzimmer trat, sagte sie grinsend: „Ich habe jetzt eine Glatze.“ Mit ihrem Grinsen, konnte sie Leute sprachlos machen. Einmal tippte sie in der U-Bahn einen kahlköpfigen Mann an, der übersät war mit Hakenkreuz-Tätowierungen und der eine Ausgabe des Landsers in seiner Tasche hatte. Er hatte einem jungen Afrikaner einen Blick voller Ekel zugeworfen. Sie fragte ihn: „Und wie lange haben sie noch?“ Sie tat das, während sie sich über ihren haarlosen Kopf strich und bis über beide Ohren schelmisch grinste.

„Weißt du was ich an Hörsälen mag?“ waren ihre ersten Worte an mich gewesen. „Sie sind ähnlich gebaut wie Kinosäle. Wenn man sich während der Vorlesung vorstellt, im Kino zu sitzen, dann ist es gar nicht so langweilig.“ „Stimmt.“ hatte ich lachend gesagt. „Fehlt nur noch das Popcorn.“ Ich bin froh, dass ich an diesem Tag zu spät zur Vorlesung kam. Wie kann das real gewesen sein, dass der einzige freie Platz, der neben ihr war und ich ihn gerade noch, vor irgendeinem anderen Menschen erwischt hatte? Aber eigentlich ist ja sogar das gewöhnlichste Leben, voller ungewöhnlicher Zufälle. Das ist keine Erfindung aus Romanen oder Filmen. Wie oft kommt man zufällig mit jemandem ins Gespräch und es stellt sich heraus, dass dieser Jemand die selbe Schule besucht hat, oder 1992 auf dem selben Konzert der Rolling Stones war? Eigentlich ist die Welt wirklich klein. Mein Vater hat immer gesagt: „Über fünf Ecken, kennt man jeden.“

„Das Leben ist kein Film.“ hat sie gesagt, aber sie hat gelebt, als wollte sie sich nicht damit abfinden. Ich hatte immer das Gefühl, die Worte ihres Arztes seien eine unüberwindbare Mauer. Aber sie hat trotzdem nicht aufgehört zu Lachen, als wollte sie sagen: „Wer braucht ein Happyend, wenn es den Oscar für das gesamte Drehbuch gibt?“ Sie ist der Grund, warum ich nicht mehr ein lausiger Drehbuchschreiber meines Lebens bin. Unser Bett wurde zu dem Hörsaal, in dem wir einander studierten. Als meine Mutter sie zum ersten Mal sah, sagte sie: „Mir gefällt, wie sie dich ansieht.“ Da wurde mir klar, dass dieser Blick wirklich mir gehörte, dass ich mich weder in einem Film, noch in einem Traum befand, dass die Haut, die ich Nacht auf Nacht küsste, nicht nach Zelluloid, sondern nach Heimat schmeckte. Meine Freunde haben gelacht. „Du bist viel zu jung zum heiraten.“ „Ihr kennt euch doch erst seit kurzem.“ Was sollte ich erwidern? Dass es mir so vorkam, als wäre ich mit ihr aufgewachsen? Sie hätten es nicht verstanden, also ignorierte ich ihr Lachen und als sie sahen, dass es mir ernst war, hörten sie auf. So schrieb ich mein eigenes Drehbuch.

Das durchschnittlichste Leben ist von ungewöhnlichen Zufällen überhäuft. Trotzdem blieb das Happyend aus. Als klar war, wie es enden würde, setzte sie die Chemotherapie ab, aber sie hörte nicht auf zu Lächeln. „Wir haben uns von den Namen nicht unterkriegen lassen, die sie uns in der Schule gegeben haben. Was ist schon Krebs, im Vergleich dazu?“ Sie sah wunderschön aus, mit ihren kurzen Haaren. Langsam gewann sie auch wieder an Farbe. „Das Essen schmeckt viel besser, wenn man weiß, dass man es später nicht auskotzen muss.“ „Was jetzt?“ fragte ich und sie antwortete: „Lass uns ins Kino gehen.“ „Nein, was willst du mit deiner restlichen Zeit tun?“ „Das habe ich dir doch gerade gesagt.“ grinste sie.

Obwohl ihre Zeit knapp und wertvoller als alles andere war, blieb sie immer bis nach dem Abspann. Wie es wohl sein wird, reflexartig nach links zu greifen, aber nur Luft und einen leeren Kinosessel zu berühren? „Welchen fandest du am besten?“ fragte sie mich Abends im Bett. „Den Stadtneurotiker.“ „Nein, welchen Moment mit mir?“ und in ihrem Blick lag zum ersten Mal etwas trauriges, eine Spur von Abschied. „Diesen Moment, jedes Mal, kurz vor Ende des Abspanns, wenn fast nur noch wir beide im Kino sind.“ Sie lächelte, dann sagte sie mir, dass sie gehen will. Dass sie sich informiert habe, welche Tabletten die besten dafür seien, welche Mahlzeiten sie davor essen solle, wie viele Tabletten sie nehmen solle, damit es möglichst ohne Komplikationen ablaufen würde. Ich wollte protestieren, doch sie sagte: „Lass mich jetzt gehen, nicht erst wenn ich vergessen habe, wie es ist etwas zu genießen.“ Also fand ich mich damit ab, dass ich nicht Chuck Norris bin, dass ich mit meinen Händen keine Kettensägen zum Stehen bringen kann, erst recht nicht die Räder der Zeit. „Ich werde meine langen Haare vermissen.“ sagte sie. „Aber dich noch viel mehr.“ In dieser Nacht versuchte ich, mir jedes Detail von ihr einzuprägen. Meine Lippen waren irgendwann ganz rissig, von den Stoppeln auf ihrer Kopfhaut. Als sie kam, zitterte ihr ganzer Körper und in der letzten Welle des Nachbebens sagte sie, die letzte Zuckung des Körpers und der Worte vereinend: „Danke, dass du dich damals neben mich gesetzt hast.“ Die Bettlaken rochen nach Schweiß und sahen aus, wie schwindende Gespenster, kurz vor Sonnenaufgang.

Du hast protestiert, als ich gesagt habe, dass ich dabei sein will. „Du kannst dafür vor Gericht belangt werden.“ Ich sagte dir, dass ich das in Kauf nehmen würde. „Du hast mir beigebracht, bis nach dem Abspann zu bleiben!“ Also blieb ich bis zum Ende bei dir. „Erzähl mir eine Geschichte.“ hast du gesagt. Also erzählte ich dir von uns, während du langsam einschliefst. Du bist an einem 27. Juni gestorben, du hattest keine Schmerzen und deine Lippen schmeckten bis zuletzt nach Heimat. Um 15.17 Uhr, hast du deinen letzten Atemzug getan und dieses Mal, hatten wir das ganze Kino für uns.

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