Laura's Epilog. An die Frau, die meine Mutter ist

von Laura von Meyer
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An die Frau, die meine Mutter ist

Auf diesem Bild bist Du eine schoene Frau.
Ich meine hier, das abgeschminkte Schoen. Das muss man ja heutzutage
Dazusagen.
Mit blanker Haut und nackten Augen, frei von Chirurgischen Straffungen, Wangen und Kieferimplantaten, ohne Hyaluronsaeurepolster und Botoxglaettungen, kein Fraxellaser hat sich je an deiner Haut vergriffen, Deine Muskulatur ist nicht vereist worden und Dir nicht sympathische Fettansammlung sind keiner Lipolyse oder Ultraschalltherapie zum Opfer gefallen.
Deine Schoenheit ist die Schoenheit der harmonischen Proportionen,
beruht auf der Erhabenheit der Stille in Deinem Gesicht, und dem Ausdruck selbstvergessender Liebe.

Auf diesem Bild laechelst Du versonnen, Deine Augen
Strahlen aus dem zerkratzten Glanzpapier, weit geoeffnet und
Vertrauensvoll.
Alle Rundungen Deines Gesichtes sind fein proportioniert,
Deine Heiterkeit spiegelt sich im gelassenen Ebenmass Deiner
Zuege.
Du wirkst weder fordernd noch furchtsam, weder gierig noch geckenhaft
In diesem stillen Moment der entspannten Liebe
schaust Du auf mich.
So sagte man mir.

Du bist 43 in diesem Moment und Du hast Dein erstes Kind zur Welt gebracht, eine Tochter.
Die biologische Gelegenheit zu diesem Ereignis hast Du 30 Jahre lang
Nicht genutzt, das will Dir niemand verdenken,
die biologisch ideale Gelegenheit liegt schon mehr als 10 Jahre zurueck
und die biologische Herausforderung an Medizin und an Deinen alternden Koerper liegt nun vor Dir.

Ich will nicht sagen, dass es peinlich ist, im Grossmutteralter mit dem eigenen Kind in den Kleinkinderspielkreis zu gehen, als 45 jaehrige sich im Brigitte Stil zu kleiden um juenger und angepasst zu wirken.
Ich habe davon nichts mitbekommen.

Der morgendliche Aufmarsch der Muetter, die allesamt wie Deine missratenen und aufsaessigen Toechter aussahen, brachte mir Dein Alter
Zur Aufmerksamkeit.
Nur Benedikte und Alexandra hatten noch wie ich Endvierzigerinnen als biologische Mutter.
Die beiden sahen auch keinen Tag juenger aus.
Benediktes Mutter war alleinerziehend, beruflich selbststaendig, selbstbewusst sportlich, schlank bis zur Untergewichtigkeit und kannte nichts anderes als hautenge Kleidung, wenn Rock, dann mini, wenn Haare, dann weissblond und raspelkurz, sie brachte Benedikte im CLK
Zur Schule.
Sie war flott durchgestylt bis zur absoluten Peinlichkeitsgrenze.
Alexandras Mutter hatte noch 2 aeltere Kinder , die bereits vor 12 und 15
Jahren zur Welt gekommen waren und Alexandra war das, was man einen Nachzuegler nannte, unerwartet, aber dann doch willkommen.
Alexandra wuchs natuerlich dennoch wie ein Einzelkind auf, da ihre Schwester und ihr Bruder lange im Studium waren.
Die Mutter hatte schwarzes langes krauses Haar, das sie zu einem nachlaessig geflochtenen Zopf trug, der ihr bis auf die Taiile fiel.
Meistens steckte sie in Reithose, Stiefeln, Bluse und altem Trenchcoat
Ihr Mercedes war noch einmal der Schrottpresse knapp entkommen,
genau wie unserer.
Du hattest meist schon Deine Praxiskleidung an, weisse Hose, weisses T-shirt und Turnschule, weil es in der Regel schon spaet war, und Du keine Zeit zu verlieren hattest.
Du wolltest auch nie mit unserem Gelaendewagen zur Schule fahren,
den Papa Dir oft zuhause liess, weil er den alten Mercedes zu unsicher fand.
Als ich in ein Alter kam, das mich in die Lage versetzte, Dich nicht nur zu beobachten, sondern auch zu vergleichen mit anderen, kam mir mehr und mehr zu Bewusstsein, was fuer eine Ausnahme du von allen Muettern warst, wie anders Du warst, wie unglaublich gut Du warst.

In unserem klein-mittelbuergerlichem Rahmen waren im Prinzip alle Muetter, die ich kannte, ihren Kindern recht liebevoll zugewandt, mehr oder weniger.
Einige betrachteten ihre Brut vielleicht etwas zu sehr als erweitertes Ego,
einige hatten zuviel psychologische Ratgeber gelesen, und einige konnten sich nicht ganz aus den Eihuellen ihrer profunden Egoismen und Eitelkeiten befreien.(Letztere fuellen ja die Medien dieser Welt und stellen das gesicherte Einkommen von Journalisten, Modemachern
und Plastischen Chirurgen dar)
Sie waren mir fast lieber, als die esoterischen Blindgaenger, die ihre erst dreijaehrigen Sproesslinge mit in den indischen Ashram schleppten, der ihnen das Seelenheil versprach, indem er sie zur Tempelhure machte, waehrend ihre mitgebrachten Kleinkinder sich von einer zur naechsten Gastrointestinalen Infektion schleppten und das Damoklesschwert der Austrocknung ueber ihrem Leben schwebte.
Ich denke an meine Mitschuelerin Irene, deren froemmelnde Eltern im fehlgeleiteten Gehorsam den Zeugen Jehovas gegenueber, wegen verweigerter Bluttransfusionen und der Diskussion darueber, mit acht Jahren starb,
genauso wie an Elisabeth, deren Mutter sich der Antroposophie Rudolf Steiners verschrieben hatte und mit Staphisagria D30 gegen die Streptokokkeninfektion ihrer Tochter vorging, die lachten sich daruber kaputt und nisteten sich in Elisabeths Herzbeutel ein, waehrend der
Bundesjugendwettspiele brach sie zusammen und starb wenig spaeter.

Auch die jungen Muetter waren liebevoll, verspielt, manchmal gestresst und zerrieben zwischen den Anforderungen ihres Alltags und ihren eigenen Begehrlichkeiten, aber im Muellschlucker sind die Kinder nur im Roman gelandet und verhungert und verwahrlost in der Wohnung nur in Ausnahmefaellen aufgefunden worden.
Eines muss man zugeben, wenn Jugend auch bedeutet, ohne Ausbildung,
ohne Beruf, ohne eigenstaendiges Einkommen zu sein, wenn keine Eltern da sind, die Maengel auszugleichen, bis die junge Mutter ihre wirtschaftliche Situation stabilisiert hat, dann ist die Jugend der Mutter nicht gerade ein Vorteil fuer das Kind. Obwohl auch hier gibt es Ausnahmen, das haengt sowohl von der Wahl des Partners ab, als auch von Supportivitaet der jeweiligen Eltern.
Die meisten Muetter standen einer Beziehung, die nicht unbedingt der biologische Vater des Kindes war, hatten ein Stiefkind zu versorgen, und
Gingen einer nicht gerade hochdotierten Halbtagsstelle nach, deren Netto
Einkunft meist schon von den Kinderbetreuungsmassnahmen und Fahrdiensten aufgefressen wurde.
Vielleicht blieb ein kleines Taschengeld, was die Mutter von der Notwendigkeit befreite, ueber jede Flasche schwarzen oder gruenen Nagellack und jede Sitzung Extensions Rechnung abzulegen.
Der Rest ihrer Freizeit wurde mit Freundinnen verbracht, denen es genauso ging, und das Benefit lag in der gegenseitigen Bestaetigung ihrer nicht wirklich beneidenswerten Situation.
Ein paar Muetter wie Benediktes Mutter waren bewusst alleinerziehend, sie hatten den Samenspender nicht ueber die Vaterschaft informiert oder sich gleich anonym inseminieren lassen.
Sie waren in der Regel recht gut verdienend, auf eigenen Beinen stehend und sahen sich dem endgueltigen Biologischen Aus gegenueber, bevor sie sich mit 20 jaehriger Verspaetung zum Kind entschlossen.
Wenn sie die Huerde der genetischen Malformationen uebersprungen und ein gesundes Kind zur Welt gebracht hattten, waren sie tatsaechlich in den meisten Faellen die best informierten, optimal vorbereiteten
Ihren Pflichten bewussten Muetter, die man sich denken konnte.
Lebenserfahrung, abgearbeitete Ziele (die zeit und geld konsumieren koennen, und dem Kind nicht gerade zutraeglich sind,

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Kommentare

14. Aug 2015

Es würde mich freuen, kontroverse Reaktionen aller Rollenbeteiligten
hervorzurufen, Sehweisen zu sammeln und Hinweise auf andere Standpunkte, Betrachtungen und Verachtungen aufzuarbeiten und zu
neuen Erkenntnissen, und neuen Schlüssen zu kommen

18. Aug 2015

WOW!

Erstmal sprachlos.

Dann:
Solch eine glänzende und ehrliche Hommage an eine taffe, sanfte, liebe- und verständnisvolle Frau hätte ich auch gerne schreiben mögen... und habe ich mir nicht erwartet.
Aber in MEINER Ehrlichkeit fände anderes Platz.
Wahrscheinlich erst im Rückblick stellen Kinder fest, wie sehr des Zuhauseseins in einer Person sie bedurften.
Meine zur Ironie neigende, der nicht zu ändernden äußeren Umstände wegen spät in "andere Umstände" gekommene Tochter, hat bei meinem Anruf auf ihrem Handy "Mama, die Beste" stehen. Danach gefragt, wie ich das denn einzuordnen habe, kam die Antwort: "Je nach Gegebenheit." Da habe ich 50 Prozent Hoffnung, dass es positiv gemeint war.

18. Aug 2015

Noe, worin liegt Deine Ehrlichkeit? Dein Satz ist faszinierend, macht sehr neugierig auf
das "andere"
Literatur soll neugierig machen, da sind Abgründe in "Mama, die Beste", die absolut zu 100%
Hoffnung berechtigen, "a piece of that puzzle called life" zu entwickeln.

18. Aug 2015

Ist nicht so spektakulär. (Danke für die 100 Prozent Hoffnungsberechtigung!)
Meine in diesem Forum noch nicht veröffentlichten Gedichte "Dennoch-Mensch" und "Schwer" sprechen eine deutliche Sprache, vielleicht lassen die Titel schon etwas "erahnen".
Jedes Leben ist eben anders gestrickt...

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