Rotfleckenfieber

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Im ganzen Reich hatte es in den letzten Jahren mehrere Fälle von Seuchen gegeben und die neueste, das Rotfleckenfieber, griff besonders gierig um sich.
Nach der großen Seuche 1907 wurden jährliche Kontrollen aufgegeben und Jonathan Kain, seines Zeichens Beauftragter der Seuchenkontrollbehörde, war vor ein paar Tagen mit dem Zug in Grettdorf angekommen, welches auf halber Strecke zu Weißfurt lag, um mögliche Gefahrenquellen zu untersuchen.
Grettbach war ein einfaches Städtchen; nicht so einfach, dass es keinen Bahnhof gegeben hätte, aber so einfach, dass nur dreimal am Tag ein Zug über die Schienen rollte. Zwei kleine Personenzüge und ein Güterzug, der etwaige Rohstoffe lieferte und gefertigtes weggebrachte. Die Stadt verdiente ihren Unterhalt insbesondere durch die Produktion von Waffen, zumindest nach den Informationen die Jonathan hatte. Ganz im Sinne des Staates.
Die Fahrt war nicht einfach gewesen, das Städtchen lag etwas weiter entfernt vom Zentrum des Reiches, sodass es fast sechs Stunden gedauert hatte herzukommen.
Erst war Jonathan von Heidelberg nach Leipzig gefahren, dann weiter mit einem Fahrer in Markbach; ein Dörfchen mit gerade einmal vier Häusern.
Er konnte mit einem der Besitzer für die Nacht ein kleines Quartier telefonisch vereinbaren und wurde am nächsten Tag nach Bismund gebracht, wo er mit dem Zug in Grettdorf ankam.
Nun hatte er sich in einem Gasthaus in Grettdorf einquartiert und wollte diesen Morgen direkt zum Bürgermeister gehen, das Unterfangen erklären.
Man hatte ihm wie gewünscht das Frühstück mit einem Klopfen vor das Zimmer gestellt und er plante den ungefähren Tag. Sein Auftrag bestand darin die üblichen Vorgehensweisen zu erklären, die getroffen werden mussten, wenn es tatsächlich zu einem Fall von Rotfleckenfieber kommen würde und zu kontrollieren, wie die Wasserversorgung funktionierte. Ebenfalls wollte er weitere mögliche problematische Teile der Stadt kontrollieren.
Er ging nach draußen und machte sich auf den Weg zum Bürgermeister. Das Holz aus den Öfen und der Qualm aus den Fabrikschloten gemischt mit der Kälte des Winters machten das Atmen anstrengend.
Das Rathaus war nur einige Minuten entfernt und als er eintrat, sah er direkt eine Empfangsdame, die kurze Zeit später mit ihm einige Einzelheiten besprach.
„Guten Tag, mein Name ist Jonathan Kain. Ich bin von der Seuchenkontrollbehörde geschickt worden und soll eine Kontrolle sowie Unterweisung durchführen.“ „Warten Sie einen Moment, ich muss das mit dem Bürgermeister besprechen“, sagte die Frau und wirkte etwas unsicher. Sie lief zur Tür gegenüber von Jonathan und öffnete sie, schloss sie hinter sich und kurz hörte man zwei Stimmen; einen Moment später trat sie wieder heraus.
„Sie können hereinkommen.“ Jonathan nickte und ließ die Tür hinter sich.
„Setzen Sie sich bitte“, sagte eine kratzige Stimme. Der Stuhl war von seinem Schreibtisch etwas weit entfernt, Jonathan wollte ihn schon heranrücken.
„Bleiben Sie bitte dort, ich habe eine leichte Grippe, ich möchte Sie nicht anstecken.“
„Natürlich, in Ordnung, in Ordnung“, sagte Jonathan und setzte sich.
„Warum sind Sie hier? Meine Sekretärin sagte mir, dass Sie vom Reich geschickt worden sind. Ich hoffe, die Abgaben sind zur vollsten Zufriedenheit.“
„Ich bin nicht von der Steuerbehörde – keine Sorge. Haben Sie keinen Brief von der Seuchenkontrollbehörde erhalten?“
„Nein, leider nicht, ein derartiges Schreiben ist hier nie angekommen.“
Jonathan runzelte die Stirn. Das war unangenehm, aber durchaus vertretbar.
„Ich bin hier, um zu kontrollieren, ob es in dieser Stadt Fälle von Rotfleckenfieber gibt. Kennen Sie diese Krankheit?“
„Nein, tut mir Leid.“
„Besser so. Eine widerliche Krankheit, die in letzter Zeit im Reich um sich greift und schon einige hundert Leute dahingerafft hat. Nach der großen Seuche 1907 wurde meine Behörde ins Leben gerufen. Ich kontrolliere, ob es Krankheitsfälle gibt, gewisse Akten in den örtlichen Krankenhäusern, die Wasserversorgung.“
„Ich werde Ihnen Einsicht geben. Alles was Sie brauchen.“
„In den nächsten Tagen erhalten Sie einige Unterlagen, damit sie wissen, wie im Falle einer Erkrankung zu verfahren ist.“
„Danke.. nun, was möchten Sie sich alles konkret ansehen?“
„Ich brauche alle Unterlagen des örtlichen Krankenhauses, Zugang zur Wasserversorgung, ebenso Einsicht in alle weiteren Akten, die relevant sein könnten.“ Der Bürgermeister runzelte die Stirn.
„Ich werde morgen mit dem Leiter des Krankenhauses reden, ich denke übermorgen sollten Sie die Akten bekommen. Weitere Akten fallen mir nur bedingt ein. Höchstens eine Kopie aus dem etwas entfernten Nachbardorf bezüglich der Seuche 1907. Dann noch bezüglich der Wasser- und Abwasserversorgung, dort laufen momentan gewisse Arbeiten, das sollte erst in drei Tagen wieder zugänglich sein.“
„Ich werde mich übermorgen bezüglich der Akten des Krankenhauses hier noch einmal melden.“
„Ich lasse Sie Ihnen zuschicken. Was die Kosten Ihrer Unterkunft betrifft – übernimmt das die Stadt?“
„Nein, das Reich hat mir genügend Mittel zur Verfügung gestellt.“
„Gut, dann danke für Ihre Bemühungen. Sagen Sie der Sekretärin, dass Sie den Seuchenbericht für das Nachbardorf brauchen.“
„Werde ich, schönen Abend noch und danke für Ihre Hilfe.“ Der Bürgermeister nickte.
Jonathan trat heraus und es stimmte ihn fröhlich auf keinerlei Hindernisse gestoßen zu sein.
Er hoffte, dass die anderen Städte auch so umgänglich sein werden würden.
„Ich bräuchte den Seuchenbericht des Nachbardorfes aus dem Jahre 1907.“
„Einen Moment, warten Sie kurz“, sagte die Frau, ging zu einer anderen Tür und kam wenig später mit ein paar Blättern zurück. „Hier, ich glaube das müsste alles sein.“ „Danke.“
Er ließ sich ein kleines Abendessen bringen und ging nach dem Studium des Berichtes früh schlafen. Der Bericht war wenig aufschlussreich gewesen.
Als er aufwachte, stand vor der Tür ein Frühstückstablett und er aß gemütlich.
Heute würde er sich die gesamte Stadt genauer ansehen. Es gab immer Faktoren durch die Seuchen auftreten konnten – genau wusste man ja auch immer noch nicht wie das Rotfleckenfieber übertragen wurde.
Erst sah er sich das große Fabrikgelände an, aber konnte dort keine problematischen Stellen entdecken. In der Innenstadt war das meiste ebenfalls akzeptabel.
Er wollte sich auch die Kornspeicher ansehen, doch war dort der Zugang versperrt, er würde den Bürgermeister wohl noch einmal fragen müssen.
Schließlich beschloss er zu den Feldern zu gehen, die Kornspeicher waren verschlossen, die Akten bekäme er erst morgen und die Wasserversorgung konnte er erst übermorgen in Augenschein nehmen. Die weitläufigen Felder lagen brach und auf ihnen standen dürre Kühe.
Ein großes Landhaus stach aus der kargen Landschaft heraus. Jonathan marschierte darauf zu und klopfte. Er wollte ein paar Informationen, darüber wie alles hier funktionierte, welchen Standards alles entsprach.
Nach einiger Zeit öffnete ein Mann in den besten Jahren. „Guten Abend“,

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